https://www.faz.net/-gv6-wh45

Historische Finanzkrisen (3) : Das abrupte Ende der Gründerzeit begann an der Donau

Der Schwung des jungen Kaiserreichs endete in einwr Finanzkrise Bild: picture-alliance / dpa

Der Gründung des Deutschen Reiches folgte in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine nie zuvor gesehene Welle von Unternehmensgründungen. Vom Investitionsfieber gepackt, ging jegliches Maß verloren.

          Wer heute an die Gründerzeit denkt, hat meist die großbürgerlichen Häuser vor Augen, die an einigen Orten in Deutschland Kriege und städtebaulichen Kahlschlag überstanden haben. Die Gebäude sind steinerne Zeugen des Aufschwungs in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts und spiegeln mit ihrer Opulenz den wirtschaftlichen Optimismus dieser Zeit. Von der Krise, die darauf folgte und viele der Hauseigentümer um ihr Vermögen brachte, erzählen die Bauten nichts.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie entstanden zu einer Zeit, als ein Investitionsfieber das neu gegründete Deutsche Reich gepackt hatte. Zwischen 1871 und 1873 wurden in Deutschland 928 Aktiengesellschaften mit einem Gesamtkapital von 2,78 Milliarden Mark gegründet. In den zwanzig Jahren davor waren hingegen noch nicht einmal 300 gegründet worden.

          Metropole Berlin

          Das Hauptgewicht der Gründungen lag in der Bergbau-, Maschinenbau- und Eisenbahnindustrie. Die Gründungswelle ging von Berlin aus, dem Sitz des deutschen Kaisers. Die Börse der Reichshauptstadt überflügelte die ehemalige deutsche Hauptbörse in Frankfurt und versorgte die florierende Wirtschaft mit Kapital. Das lag vor allem daran, dass sie im Vergleich zur Frankfurter Börse eine größere Offenheit gegenüber dem neuen Wertpapier Eisenbahnaktie zeigte. Andere Zentren des Aufschwungs lagen in Sachsen, dem Rheinland und Westfalen.

          Der einheitliche Wirtschaftsraum, der mit der Reichsgründung geschaffen wurde, begünstigte Unternehmensgründungen. Zudem dehnte sich das Bankwesen immer stärker aus, denn eine liberale Wirtschaftspolitik ermöglichte eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Banken und Unternehmen. Die Aktienrechtsnovelle vom 11. Juni 1870 spielte eine wichtige Rolle, da sie die Gründung von Aktiengesellschaften und den Aktienhandel erheblich erleichterte. Vor allem die Reichsgründung ließ die Wachstumserwartungen der Zeitgenossen ins Unermessliche steigen.

          Im Rausch des neuen Reichs

          Zudem beflügelte der Deutsch-Französische Krieg den Aufschwung: Seit Ende des Jahres 1870 nahmen die Investitionen ebenso rapide zu, wie die Nachfrage nach Kriegsmaterial anstieg. Der Sieg und das damit verbundene Ende politischer Unsicherheiten ließen die Marktteilnehmer optimistisch in die Zukunft blicken.

          Nach Kriegsende finanzierten die französischen Reparationszahlungen das Wachstum östlich des Rheins. Der politische Wunsch, das neue Reich schuldenfrei antreten zu lassen, veranlasste die Finanzverwaltung, die Kriegsanleihen so schnell wie möglich zu tilgen - vor allem mit dem Geld aus Frankreich. So landeten die Reparationen gleich an den deutschen Börsen, denn die Besitzer von Kriegsanleihen suchten sofort neue Anlagemöglichkeiten. Insgesamt flossen etwa 2,5 bis 3 Milliarden Francs, also etwa 2 bis 2,4 Milliarden Mark, bis zu Beginn der Krise direkt auf den deutschen Kapitalmarkt. Bei einem Nettosozialprodukt von 16 Milliarden Mark hatte das Geld der Kriegsverlierer somit erheblichen Einfluss auf das Geschehen in deutschen Banken und an deutschen Börsen.

          Entstehung des modernen Bankenwesens

          Es entstanden nicht nur viele Industrieunternehmen, auch viele Banken wurden in der Zeit gegründet. Die Deutsche Bank, die Commerz- und Discontbank sowie die Dresdner Bank sind heute noch aktiv. Doch nicht nur im Deutschen Reich wurde heftig spekuliert, auch in Österreich kam es in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu zahlreichen Neugründungen.

          Im Nachbarland ging der Impuls von der Landwirtschaft aus: Das Geld, das mit Rekordernten in Ungarn verdient wurde, wurde in den Eisenbahnbau gesteckt. Der wiederum hatte die Entstehung vieler nachgelagerter Industriebetriebe zur Folge. Auch viel deutsches Geld wurde in Österreich investiert. Etwa eine Milliarde Mark flossen an die Wiener Börse, den wichtigsten Finanzplatz im Habsburgerreich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          In einem Bierzelt wie diesem kam es auf der Münchner Wiesn zum sexuellen Übergriff.

          Übergriff auf dem Oktoberfest : Wiesn-Grabscher zu Geldstrafe verurteilt

          Im vergangenen Jahr kam es auf dem Münchner Oktoberfest zu einem sexuellen Übergriff, bei dem ein Mann einer Frau an Brust und Gesäß griff. Kurz vor Beginn des diesjährigen Fest ist nun das Strafmaß verkündet worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.