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Hedge Fonds : „Wer Geld verdienen will, darf sich keine persönlichen Gefühle erlauben“

  • Aktualisiert am

Browder: „Wer nicht kämpft, wird in Rußland überrollt” Bild: AP

Rußland verweigert seinem größten Auslandsinvestor, dem Fondsmanager Bill Browder, seit November die Einreise. Der Fondsperformance hat das bisher aber nicht geschadet, und seinen kämpferischen Anlagestil will Browder deswegen auch nicht ändern.

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          In Rußland wird derzeit wieder ein Kapitel in der Wirtschafts- und Börsengeschichte geschrieben, das auf diese Art und Weise vermutlich nur dort passieren kann. Und zwar haben es bisher offiziell unidentifizierte Kräfte erreicht, daß mit William Browder, dem Chief Executive Officer von Hermitage Capital Management, dem mit einem verwalteten Vermögen von mehr als vier Milliarden Dollar größten ausländischen Investor in Russland, seit dem 13. November die Einreise verweigert wird.

          Eine einleuchtende Begründung für diese Maßnahme gibt es bislang nicht. Auf Anfrage wurde Browder unter Verweis auf einen Verfassungsparagraphen zwar gesagt, er stelle ein Risiko für die nationale Sicherheit dar. Das klingt aber auch deshalb mehr als fadenscheinig, weil Browder trotz aller Kritik am Zustand der Corporate Governance bei vielen russischen Unternehmen Präsident Putin stets den Rücken gestärkt hat. Und wie Browder in einer am Montag abgehaltenen Telefonkonferenz von seinem Londoner Zweitbüro aus erklärte, wurde eine dieser Studien, in der Browder für Verständnis zugunsten von Putins Politik warb, im Auftrag des Präsidenten sogar als Musterexemplar an alle russischen Botschaften verschickt.

          Hoffen auf Putins Einflußnahme

          Im Kampf um das verlorene Einreiserecht hat das Browder bisher allerdings wenig gebracht. Trotz zahlreicher unternommener diplomatischer Aktivitäten auf verschiedensten Ebenen darf der Hermitage-Gründer, der 1996 mit 25 Millionen Dollar an den Start gegangen ist, bis heute nicht wieder nach Rußland einreisen. Browder versucht sich trotz aller bisher erlittenen Rückschläge aber damit zu trösten, daß die Angelegenheit bis vor kurzem vermutlich noch nicht bis zu Putin selbst vorgedrungen war. Seit Ende vergangener Woche oder spätestens seit Anfang dieser Woche dürfte der Präsident aber informiert sein, und genau darauf gründet sich Browders Hoffnung auf eine baldige Lösung des Problems. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß es Putin zulassen wird, daß der größte ausländische Investor des Landes und sein größter Fürsprecher im Ausland nicht mehr nach Rußland einreisen darf.“

          Unabhängig davon, ob ihm die Einreise nun in den kommenden Tagen wieder genehmigt wird oder nicht, viel erreicht haben die Gegner bislang ohnehin nicht, außer daß sie Browder viel unnötige Arbeit aufgehalst haben. Denn obwohl Browder, wie er selbst schätzt, derzeit bis zu 30 Prozent seiner Arbeitszeit für den Kampf um sein Visum einsetzt, hat sich der 2,7 Milliarden Dollar große Hedge Fonds auch ohne die Präsenz des Firmenchefs im Moskauer Büro vor Ort gut geschlagen. So ist der Hermitage Fund seit seiner Abstinenz um 43 Prozent gestiegen.

          Trotz dieser positiven Entwicklung war bei den Teilnehmern der Telefonkonferenz eine gewisse Verunsicherung dahingehend zu spüren, ob es sich langfristig nicht doch nachteilig bemerkbar machen würde, wenn Browder dauerhaft die Einreise verweigert würde. Diesbezügliche Bedenken zerstreute Browder aber mit dem Hinweis auf sein mit erstklassigen Kräften besetztes 15köpfiges Researchteam und der Tatsache, daß seine Arbeit so organisiert sei, daß er sie ortsungebunden verrichten könne. Sollte er aber verbannt bleiben, wovon Browder allerdings nicht ausgeht, denkt er außerdem an die Einstellung von ein oder zwei neuen Mitarbeitern, die sein Spezialwissen ersetzen können.

          Die Kunden reagieren bisher besonnen

          Die meisten der mehr als 6.000 Anleger, die aus mehr als 30 Ländern stammen, scheinen dies ähnlich zu sehen. Zumindest sind bisher große Mittelabflüsse ausgeblieben, und die Großanleger halten laut Browder alle still. Davon abgesehen würde er es aber auch für machbar halten, im Notfall 20 Prozent des Fondsvermögens schnell flüssig zu machen. Für sein Unternehmen selbst, das inzwischen eine Tochter der Großbank HSBC ist, sieht er ebenfalls keine großen Gefahren. Ein Fall nach dem Strickmuster von Yukos sei mit Hermitage Capital Management nicht zu veranstalten, da es sich um einen Offshore-Fonds handele. „Alle Positionen werden im Ausland verwahrt und das Unternehmen unterliegt in Rußland auch keinen Steuerpflichten“, erklärt Browder.

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