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Hawala-Finanzsystem : Geld von Mensch zu Mensch

Kaah-Express hat sich auf das Geschäft im erweiterten Horn von Afrika spezialisiert. Die Transaktionsfirma unterhält Filialen in Düsseldorf, Köln, München, Stuttgart und Frankfurt. Auch Geschäftsbanken bräuchten für solcherlei Geldtransaktionen keine gesonderte Erlaubnis, sind faktisch allerdings nicht im Hawala-Geschäft tätig: Die Umsätze sind zu gering. Allein in Somalia hat Kaah-Express 63 Filialen. Differenzbeträge verrechne man mit der Zentrale in Dubai, sagt Kaah-Geschäftsführer Ahmed Hassan. Die Kaah-Zentrale speist die Gewinne und Differenzen dann wiederum in den regulären Bankkreislauf.

Bundeskriminalamt sieht Hawala kritisch

Hawala wird nicht immer gewerbsmäßig genutzt, sondern oft auch von Großfamilien und Clans, die über Verwandtschaftsnetzwerke Geld transferieren, ohne daraus finanziellen Gewinn ziehen zu wollen. Ökonom Schneider schätzt, dass es in Deutschland bis zu 2000 informelle Hawala-Anlaufstellen gebe - die aber in den seltensten Fällen Kriminelles im Sinn hätten: "95 Prozent aller Hawala-Geschäfte sind ganz bestimmt legal." So werde Hawala zu Unrecht "mystifiziert" oder gar in Verbindung mit kriminellen oder terroristischen Machenschaften gebracht.

Verrechnet werden die Transfers gerade im Privatbereich selten über das offizielle Bankensystem, sondern oft auch über Bargeldkuriere oder Waren. Oft seien Hawala-Partner auch in anderer Form Geschäftspartner, vermutet das Bundeskriminalamt, was die Kontrolle erschwere. Das BKA sieht Hawala etwas kritischer. Hawala werde "besonders für den Terrorismusbereich als geeignete Methode des Geldtransfers angesehen", heißt es aus Wiesbaden. Bei den Terroranschlägen vom September 2001 allerdings wurden für Überweisungen bekanntlich meist ganz legale Bankwege genutzt.

In vielen Weltgegenden ist Hawala die einzige Möglichkeit, Geld zu versenden. Ohne dieses System hätten seine Mitbürger kaum den Bürgerkrieg überleben können, wird der Chef von Amal Express, einem der größten somalischen Hawala-Unternehmen, zitiert. Für den Islamwissenschaftler und Rechtsanwalt Kilian Bälz bedeutet Hawala nichts anderes als "Übertrag einer Forderung" und sei grundsätzlich mit einer normalen Banküberweisung zu vergleichen. Nur, dass man dafür kein Konto benötigt. Der arabische Wortstamm "hwl" bedeutet jedenfalls "Wechsel" und als Verb "überweisen".

Wenn sie überhaupt angeboten wird, dann ist eine Überweisung nach Somalia und Umgebung aus Deutschland bei der Sparkasse oder herkömmlichen Bank meist schwieriger, teurer und dauert Wochen. Bei Kaah-Express in Frankfurt kostet die Überweisung acht Euro, jede weitere fünfzig Euro Geldtransfer schlagen mit zwei Euro Gebühr zu Buche. Normale Geschäftsbanken nehmen für solche Transaktionen meist mehr als 20 Euro. Und selbst nach Mogadischu lässt sich nicht einmal mit der sonst allpräsenten Transaktionsfirma Western Union direkt Geld überweisen. Auch Nichtregierungsorganisationen in fragilen Staaten nutzen Hawala oft für die Bezahlung lokaler Mitarbeiter.

Unregelmäßigkeiten melden

Angaben, wie viel Geld weltweit überwiesen wird, gibt es kaum. Der Ökonom Schneider schätzt das weltweite Transaktionsvolumen auf etwa 100 Milliarden Dollar jährlich, nach Angaben von "Transparency International" und den UN könnten es auch bis zu dreimal so viel sein, das entspräche laut einer 2002 von den UN durchgeführten Studie etwa 2,5 Prozent des Welthandels. "Im deutschsprachigen Raum werden etwa drei bis vier Milliarden Dollar so überwiesen", sagt Schneider. Und Hassan vermutet, dass aus Deutschland insgesamt etwa ein bis zwei Millionen Euro nach Ostafrika fließen.

So etwas wie eine zentrale Hawala-Aufsichtsbehörde gibt es naturgemäß nicht. Im offiziellen Hawala-Geschäft wurde bei geringen Transaktionen früher auch in Deutschland oft nicht einmal der Ausweis verlangt. Mittlerweile muss jede Überweisung mitsamt Auftraggeber und Empfänger dokumentiert werden. Jeder Anbieter ist gleichsam verpflichtet, Unregelmäßigkeiten zu melden.

Jamal hat gar nichts dagegen, als er sich für die Überweisung bedankt: "Vertrauen ist inshallah das Letzte, was uns hier übrig geblieben ist." Noch ein paar solcher Transaktionen, dann könne er seine Frau und sein Baby aus Jilib in der südsomalischen Region Jubbada Hoose nachholen und die kenianischen Beamten an der offiziell geschlossenen Grenze bezahlen. Auch in Jubbada Hoose hat Kaah-Express mehrere Agenten. Dorthin allerdings Geld zu überweisen sei ihm dann aber doch zu unsicher.

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