https://www.faz.net/-gv6-7phwm

Krisenregionen : Investieren in Krisenregionen

Michael Levy, Barings AM Bild: Barings AM

Barings-Fondsmanager Michael Levy ist ein Entdecker. Russland könnte eine phantastische Gelegenheit werden, meint er. Ansonsten steht er auf Nigeria oder Saudi-Arabien.

          3 Min.

          Michael Levy gibt sich entspannt. Er glaubt nicht an einen Anschluss der Ost-Ukraine an Russland. „Das wird in Russland zunehmend unpopulär. Und die Regierung Putin achtet mehr auf die öffentliche Meinung als noch vor zehn Jahren“, sagt der Vermögensverwalter, der für die britische Gesellschaft Barings einen Russland-Fonds und einen Fonds für die sogenannten „Frontier Markets“ managt. Eine Annektion des Gebietes um Donezk sei eine sehr kostspielige Angelegenheit. Dabei seien es gar nicht so sehr die möglichen Sanktionen, sondern vielmehr die Kosten einer Integration, die nicht im russischen Interesse seien.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Industrie in der Ost-Ukraine ist veraltet, die Wirtschaft befindet sich in einer Depression“, sagt Levy. Natürlich wolle Russland gern an Einfluss gewinnen, doch sei die amtierende Regierung sehr sensibel in wirtschaftlichen Fragen und die Lage derzeit nicht rosig. Das Wachstum gehe zurück, es fehle an Investitionsbereitschaft. Der Rubel sei schwach und die Inflation daher im Steigen begriffen. Die Situation in der Ukraine habe die Lage verschlimmert.

          Dennoch sei Russland kein schlechtes Anlagepflaster. „Die makroökonomischen Daten sehen nicht so gut aus, aber wenn sich die politische Lage normalisiert, kommen die Vorteile zur Geltung.“ Schon jetzt lasse die Kapitalflucht nach, die schlechten Nachrichten seien eingepreist. „Das könnte eine phantastische Investitionsgelegenheit werden.“ Besondere Chancen sieht Levy in der IT-Branche, dem Gesundheitswesen und der Konsumgüterindustrie. Die Dividendenrenditen russischer Aktien seien derzeit die höchsten weltweit, nicht zuletzt weil sie mit einem Bewertungsabschlag gegenüber den anderen Schwellenländern handelten.

          Lieber auf Entdeckermärkten unterwegs

          Den Schwellenländern insgesamt zieht Levy seine „Frontier Markets“ vor. „Zugegebenermaßen ist die Abgrenzung etwas schwierig. Wir verstehen darunter Länder, deren Kapitalmärkte noch nicht so weit entwickelt sind, so dass die Märkte schwerer zugänglich und ihre Regulierung noch eher rudimentär ist.“ Der Vorteil dieser „Entdeckermärkte“ sei es gerade, dass sie noch nicht so stark in die Weltwirtschaft eingebunden und daher stärker von regionalen Faktoren bestimmt würden. „Die Börsen der meisten Schwellenländer werden von denselben Faktoren bestimmt wie die der Industrieländer, etwa vom Wachstum Chinas oder der amerikanischen Geldpolitik.“

          Entdeckermärkte seien immer noch jung und dynamisch, während die Wachstumstreiber der Schwellenländer wie einfache Strukturreformen oder der Ausbau der Infrastruktur peu à peu nachließen. In China etwa schrumpfe das Arbeitsangebot schon, derweil es in Nigeria oder Saudi-Arabien noch wachse. Dadurch stiegen auch die wenig gesättigten Konsumbedürfnisse. Die Angebotsseite biete ebenfalls Vorteile: „Billige Arbeitskräfte und ein Schatz an natürlichen Ressourcen wie Öl, Phosphat oder Pottasche, der gerade erst gehoben wird.“

          Nigeria: mehr als Öl und Geldwäsche

          Nigeria gehört zu Levys Lieblingsmärkten. Hier ist sein Fonds auch am stärksten engagiert. Vor allem Banken findet der Manager attraktiv. Die Branche trage fast ein Drittel zum Wachstum bei. Investitionen in der Telekommunikation seien zu finanzieren, der Grad der Kreditfinanzierung noch niedrig und das Privatkundengeschäft stehe erst am Anfang, da wichtige Grundlagen wie eine Kreditinformationsstelle gerade erst geschaffen würden. „Und dann hapert es noch an so einfachen Dingen wie der Möglichkeit der persönlichen Identifizierung. Aber die Regierung arbeitet daran.“ Ebenso wie an der Autarkie der Landwirtschaft: Der größte Reisimporteur der Welt sei einstmals ein Exporteur gewesen.

          Dass man Nigeria und seine Banken hierzulande meist mit Geldwäsche und Terror verbinde, sei ein typisches Entdeckermarkt-Problem. „Die Menschen haben oftmals antiquierte und falsche Vorstellungen von den Ländern, weil sie eben nicht so sehr im Fokus stehen.“ So werde auch der Einfluss der Ölindustrie in Nigeria überschätzt, während Nollywood, die drittgrößte Filmindustrie der Welt, kaum bekannt sei. Gelegenheiten findet Levy auch in anderen Ländern und Branchen, so etwa im Modeeinzelhandel Saudi-Arabiens.

          Auf riskanten Märkten nicht hastig handeln

          Die Risiken der Entdeckermärkte will der Barings-Manager gar nicht herunterspielen und zählt sie auf: „Soziale Verwerfungen, politische und makroökonomische Risiken, schwierige rechtliche Rahmenbedingungen und nicht zuletzt eine suboptimale Verfügbarkeit und Integrität von Daten. Das sind die Dinge, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.“ Levy setzt auf Diversifizierung und eine ruhige Hand. „Es wäre falsch gewesen in Ägypten zu verkaufen“, sagt er. „Die einheimischen Anleger setzen gerade in unsicheren Zeiten auf Sachwerte. Immobilien und Aktien haben sich in Ägypten gut entwickelt. Tatsächlich ist der ägyptische Auswahlindex EGX30 seit dem Beginn der Proteste gegen den früheren Präsidenten Mursi im Juni 2013 um fast 90 Prozent gestiegen.“

          Ein hastiges Handeln sei auch unter anderen Gesichtspunkten nicht angezeigt. So könne fehlende Liquidität immer ein Problem darstellen. Generell seien auch die Transaktionskosten höher als in anderen Ländern. Deswegen setzt er auch nur auf große Aktien. „Kleine und mittlere Unternehmen sind das Risiko nicht wert.“ Und Diversifizierung sei ein absolutes Muss. „Deswegen sollten Anleger auch einen aktiv gemanagten Fonds investieren, zumal für Indexfonds oft auch keine Bezugsgröße vorhanden ist“, so sein Rat, den er nicht ohne ein gewisses Augenzwinkern gibt.

          Weitere Themen

          Weltgrößter Börsengang erfolgreich Video-Seite öffnen

          Aramco-Aktie im Plus : Weltgrößter Börsengang erfolgreich

          Der weltgrößte Börsengang des Ölkonzerns Saudi Aramco ist ein Erfolg: Die Aktien der saudiarabischen Staatsfirma debütierten am Mittwoch mit 35,2 Riyal an der Börse in Riad. Das ist ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Ausgabepreis.

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Radwege zu eng? : Radfahrer verursachen immer mehr Unfälle

          Mehr Fahrradfahrer, mehr Lastenräder und zu schlechte Radwege: Die Zahl der Unfälle auf zwei Rädern steigt stark, wie Unfallforscher melden. Auffällig: Besonders die Zahl der Kollisionen von Radfahrern untereinander nimmt zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.