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Gesetzesänderung kommt : Gewinne mit alten Fonds werden ab 2018 steuerpflichtig

Wie stehen die Kurse? Neue Steuervorgaben könnten die Rendite vieler Fondsanleger schmälern. Bild: Marc-Steffen Unger

Die Besteuerung von Fonds ändert sich ab 2018 radikal. Wer vor 2009 in Indexfonds investierte, verliert den Bestandsschutz. Aktien behalten vorerst den Steuervorteil.

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          Mit einer bisher wenig beachteten Änderung im Investmentsteuergesetz zielen Bundesregierung und Finanzamt auf die künftigen Wertzuwächse im Fondsaltbestand vermögender Sparer. Das ist bitter für diejenigen, die darauf vertraut haben, dass sie ihre vor 2009 erworbenen Fonds auch noch in vielen Jahren verkaufen können, ohne auf die aufgelaufenen Gewinne Steuern zahlen zu müssen. Doch was seit 2009 mit Einführung der Abgeltungsteuer als quasi heilig vor dem Fiskus galt, verliert seine Heiligkeit Ende 2017. Ab 2018 greift dann der Fiskus ungerührt auf alle Gewinne zu, die ein Publikumsfonds erzielt, gleichgültig, wann ein Anleger die Fondsanteile erworben hat. Vielmehr muss die Depotbank jedes Privatanlegers beim Fondsverkauf künftig automatisch 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag plus gegebenenfalls Kirchensteuer von dem Gewinn abführen, der seit Anfang 2018 im Fonds entstanden ist.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit 2009 die Abgeltungsteuer eingeführt wurde, unterliegen Kapitalerträge wie Zinsen, Dividenden und auch Veräußerungsgewinne (Wertzuwächse, Kursgewinne zum Verkaufszeitpunkt) der Abgeltungsteuer. Zuvor waren Gewinne mit Wertpapieren nach Ablauf einer Ein-Jahres-Haltefrist steuerfrei gewesen. Deshalb müssen Besitzer von Fonds auch heute noch keine Abgeltungsteuer auf Wertzuwächse zahlen, wenn sie ihre vor 2009 gekauften Fondsanteile verkaufen. So ist es auch mit Aktien und fast allen anderen Wertpapieren.

          Für diesen Wertpapieraltbestand hatten die Politiker vor Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 eben diesen Bestandsschutz versprochen – und viele Banken hatten ihre Kunden genau mit diesem Argument vor 2009 noch in Fondslösungen getrieben: Dividenden und Veräußerungsgewinne auf Fondsebene sind steuerfrei, und wer als Anleger noch vor Jahresanfang 2009 investiert, dessen Wertzuwächse bleiben auch steuerfrei.

          Doch neben vielen anderen Änderungen, die angeblich für mehr Steuergerechtigkeit zwischen ausschüttenden und thesaurierenden Fonds sorgen sollen, wird im neuen, im Juli 2016 beschlossenen Investmentsteuergesetz von 2018 an auch der Bestandsschutz für Gewinne des Anlegers mit Fonds ausgehebelt. Nur gemeinnützige Anleger und Investmentanteile, die im Rahmen zertifizierter Altersvorsorge-Verträge (private Riester-Rente) oder Basisrentenverträge (Rürup-Rente) gehalten werden, bleiben von der Steuer verschont.

          Zusage einer Freigrenze von 100.000 Euro

          Um den Wertzuwachs im Fondsaltbestand ab 2018 zu erfassen, wird zu einem Trick gegriffen. Die Depot führende Bank des Anlegers ist angehalten, so zu tun, als hätte der Kunde seine schon vor 2009 gekauften Publikumsfonds Ende 2017 verkauft und sofort wieder neu erworben. Zum Jahresschlusskurs 2017 gelten die Fondsanteile als angeschafft, der Bestandsschutz ist weg. Gewinne, die ab 2018 entstehen, sind dann beim Verkauf steuerpflichtig.

          Um den Ärger von Kleinanlegern gering zu halten, hat der Gesetzgeber eine Freigrenze von 100.000 Euro zugesagt. In dieser Höhe bleiben die Gewinne aus dem Altbestand, der Ende 2017 als neu angeschafft gilt, steuerfrei. Bei größeren Depots wird diese Grenze jedoch irgendwann überschritten. Wer zum Beispiel Ende 2017 einen Bestand an vor 2009 erworbenen Altfonds im Wert von 500.000 Euro besitzt, kann in Folgejahren einen Gewinn von 20 Prozent, also 100.000 Euro, durch Verkäufe steuerfrei realisieren. Sobald diese Freigrenze überschritten ist, wird auf den ab 2018 erzielten Wertzuwachs beim Fondsverkauf Abgeltungsteuer fällig. Verluste mit Fondsanteilen werden gegengerechnet.

          Andreas Patzner, Steuerberater von KPMG, hält nichts davon, dass Anleger nun aus steuerlichen Gründen vor Ablauf des Jahres 2017 ihre steuerfreien Gewinne mit Fonds durch Verkauf realisieren. Vielmehr seien die Gewinne auf Altbestände auch über 2017 hinaus genauso wertvoll wie bisher schon. „Die strategische Devise lautet: Die alten Fonds behalten, bis – gerechnet ab dem Jahr 2018 – 100.000 Euro an Gewinnen darauf aufgelaufen sind. Erst wenn dieser Gewinn realisiert ist und die steuerliche Freigrenze überschritten ist, sind alte Fonds und nach 2009 erworbene Fonds gleich gestellt. Solange die Freigrenze für Gewinne nicht ausgeschöpft ist, sind die Gewinne der alten Fonds nach wie vor steuerlich privilegiert“, sagt Patzner.

          Nur ein kleiner Trost für Anleger

          Das ist allerdings nur ein kleiner Trost für Anleger, die darauf vertraut haben, dass der Altbestand „ewig“ gegenüber dem Neubestand an Fonds steuerlich bessergestellt bleibt. Aufpassen müssen 2017/2018 mit der Zeitenwende in der Fondsbesteuerung auch Anleger, die mit Sparplänen monatlich in Fonds investieren. Verkaufen sie, nimmt der Fiskus an, dass ihre zuerst erworbenen Fonds auch zuerst verkauft werden (First-in-First-out-Verfahren). Bisher fiel beim Verkauf von vor 2009 erworbenen Fonds nie Abgeltungsteuer an – dies wird sich von 2018 an ändern. Die zu leistende Steuerzahlung der Fondsanleger hängt davon ab, wie hoch die Fondspreise Ende 2017 sind und wie sich die Fondspreise anschließend entwickeln. Je nachdem fällt dann beim Verkauf in Folgejahren eher ein (hoher) steuerlich relevanter Gewinn oder auch mal ein Verlust an, den man sich für Folgegeschäfte anrechnen kann, der also den aufgelaufenen Gewinn mit Wertpapieren drückt.

          Dass die Bundesregierung den Bestandsschutz für vor 2009 erworbene Fonds aushebelt, nährt Spekulationen. Wie wahrscheinlich ist es, dass bald auch Aktien, die vor 2009 angeschafft wurden, durch einen fiktiven Verkauf und anschließenden Kauf bei der Veräußerung steuerrelevant werden? „Dafür spricht zunächst nicht viel“, sagt Steuerberater Patzner von KPMG. Seine Begründung: „Der Gesetzgeber lässt Ende 2017 den Verkauf und Kauf von Altfonds quasi in einer Sekunde deshalb simulieren, weil er die ganze Fondsbesteuerung ändert. So müssen Anleger Fonds, die ihre Erträge thesaurieren, künftig mit einer Vorabpauschale, also mit einem fiktiven vorgezogenen Wertzuwachs versteuern“, erklärt Patzner und fügt hinzu: „Vermutlich wollte der Gesetzgeber hier verfassungsrechtlichen Bedenken die Spitze nehmen und hat deshalb den Bestandsschutz für Gewinne von Altfonds mitgekippt.“

          Diese Begründung kann das Deutsche Aktieninstitut nicht beruhigen. Dort erkennt man bislang keine Anzeichen, dass der Gesetzgeber irgendwann auch den Bestandsschutz für Aktien kippt. Aber die Abschaffung des Bestandsschutzes für die Fondsanlage sieht man im Aktieninstitut sehr kritisch. „Bestandsschutz muss Bestandsschutz bleiben. Darauf muss sich der Anleger verlassen können“, sagt Norbert Kuhn, Fachmann für Steuerfragen beim Deutschen Aktieninstitut. Dass die Politiker sich über ausdrückliche Zusagen aus dem Jahr 2008 jetzt bei der Fondsanlage hinwegsetzen und als Trostpflaster einen Freibetrag von 100.000 Euro für steuerfreie Gewinne verabreichen, hält er für ein schädliches Signal. „Für die Aktien- und Wertpapierkultur in Deutschland wäre es vielmehr richtig, das Versprechen des Bestandsschutzes zu halten und die ohnehin bestehende steuerliche Diskriminierung von Aktien zu beseitigen, statt neue Hemmnisse einzuführen“, mahnt Kuhn.

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