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Geschlossener Immobilienfonds : Mein Haus am Brandenburger Tor

  • -Aktualisiert am

Berlin, 1-A-Lage: Pariser Platz, Hausnummer drei. Unverbaubarer Blick auf das Brandenburger Tor Bild: ullstein

Ich bin unter die Genossen gefallen. Meine Volksbank hat mir ein Haus verkauft - nun ja, zumindest zum Teil. Und nun ist es bald nur noch die Hälfte wert. Dabei steht es mitten in Berlin am Brandenburger Tor! Da läuft was schief.

          Suchen Sie eine Immobilie in Berlin? Oder kennen Sie jemanden, der eine sucht? Ich hätte da was abzugeben, umständehalber: Ein Haus, höchst repräsentativ, 15.516 feine Quadratmeter, mitten in Berlin. Und wie jedes Kind weiß: Die Hauptstadt boomt, die Mieten explodieren, die Wartelisten werden lang und länger.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur mit meinem Haus stimmt etwas nicht. Der jüngste Brief des Verwalters liest sich, als besäße ich eine Ruine. 40 Prozent Verlust sind demnach einzukalkulieren. Womöglich mehr. Jedenfalls sei das Gebäude nur schwer vermietbar, zumindest nicht zu einträglichen Preisen: Also am besten schnell weg damit, abstoßen!, so die Empfehlung. Bevor das Haus weiter im Wert verfällt.

          Wie bitte? Mein Haus. Mitten in Berlin. Eins-A-Lage. Ausgerechnet hier soll die Krise sich in die Mauern fressen, ausgerechnet in einem Jahr, in dem sich alle hitzig reden über die Blase am Immobilienmarkt! Da läuft etwas gewaltig schief. „Von wem hast du dich da betrügen lassen? Wie bescheuert ist das denn!“, sagt meine Freundin, die Investmentbankerin. Sie hat’s nicht so mit dem Trösten.

          Ich muss nach Berlin

          Erstanden habe ich das vermeintliche Betongold vor Jahren in der örtlichen Volksbank, wo mein Großvater schon Genosse war, und ich seit Kindesbeinen auch. Empfohlen hat das Haus der Banker meines damaligen Vertrauens. Der hat, wie ich heute weiß, ordentlich hingelangt bei der Provision - so viel zur höheren Moral der Genossenschaftsbanken, für die sie sich so gern besingen lassen. Gauner, Zocker, Spekulanten sind immer die anderen.

          Es hilft alles nichts: Ich muss nach Berlin, gucken nach meinem Hab und Gut, oder was davon noch übrig ist. Es werden doch nicht Mietnomaden darüber hergefallen sein. Von Bränden oder Naturkatastrophen hätte ich gehört: Mein Haus ist nämlich berühmt, regelmäßig in den Nachrichten. Ich winke immer in den Fernseher, wenn ein Staatsgast davor entlang spaziert: Berlin, Pariser Platz, Hausnummer drei. Das macht was her: Links das „Hotel Adlon“ und die Akademie der Künste, rechts die Amerikanische Botschaft, daneben das Brandenburger Tor. Geschichtsträchtiges Gelände, das mein Geld hat aufbauen helfen, damals Ende der neunziger Jahre.

          Der Sicherheitsmann am Eingang ist freundlich, fast devot, als ich ihm sage, dass mir die Immobilie gehört, es mir deshalb ein Anliegen wäre, zu schauen, ob alles in Schuss ist. Vorne an der Fassade hängt gerade ein Putz-Team am Kran und wischt die Fenster sauber. Gut so. Eine der dickwandigen Scheiben - ich tippe kugelsicher - dürfte mir gehören, ihr Wert entspricht in etwa meinem Anteil, im Gegenwert von einstmals 20.000 D-Mark.

          Gierig ist eine Bank selten alleine

          Denn: Das Haus gehört mir nicht allein. Ich bin Teilhaber, genauer gesagt Gesellschafter in einem geschlossenen Immobilienfonds: Da werfen Leute ihr Geld auf einen Haufen, kaufen sich dafür zusammen ein Haus - und bleiben fortan aneinander gekettet in der Hoffnung, dass die Immobilie Gewinne abwirft. Loszuschlagen ist sie allenfalls am Zweitmarkt: Dort steht mein Haus derzeit mit 50, maximal 60 Prozent im Kurs.

          „Haus und Kunstwerk zugleich“, tönt die DZ-Bank

          Ja, ja, schon im kleinen Sparer-ABC steht: Jeder geschlossene Fonds beinhaltet ein unternehmerisches Risiko. Das weiß ich wohl. Viele Zahnärzte haben viel Geld verloren, weil sie dachten, durch Abschreibungen Steuern zu sparen, wenn sie dank Immobilien Verluste produzieren. Die Sache mit den Verlusten stimmt. Der Rest ist Glückssache.

          Meine Banker, die Genossen, jedenfalls haben wenig beigetragen zur Vermögensbildung im Land: 50 Immobilienfonds hat ihr Spitzeninstitut, die „DG Bank“, aufgelegt - und damit ein Desaster angerichtet. Viel Vermögen ehrlicher Sparer wurde vernichtet. Viel Ärger vor Gericht war die Folge: Klagen, Prozesse, Schadensersatz. Wie oft die Bank verurteilt wurde, mag der Buchstaben-Konzern, der damals DG- und heute „DZ Bank“ heißt, nicht verraten. Man habe die Entwicklung damals wohl falsch eingeschätzt, heißt es nun kleinlaut. Im Übrigen will man an das Kapitel nicht mehr erinnert werden. Schließlich ist die Bank komplett ausgestiegen: Sie konstruiert keine Baufonds mehr.

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