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Wall-Street-Film : George Clooney und die Finanzmonster

George Clooney tanzt und singt als Moderator der schrillen Finanzshow „Money Monster“. Bild: Warner Bros.

Hollywood bringt einen neuen Wall-Street-Film in die Kinos. Es knallt gewaltig in „Money Monster“, wenn George Clooney und Julia Roberts die üble Finanzindustrie bekämpfen.

          Es musste irgendwann so weit kommen. Es musste in Hollywood ja irgendjemand mal auf den Trichter kommen, dass die Wall Street mit all ihren unersättlichen Investoren, gewissenlosen Bankern und coolen Börsenmaklern zwar reichlich tollen Stoff bietet, aber dass in den bisherigen Filmen die Finanzindustrie vornehmlich aus der Binnenperspektive betrachtet wurde. Seit Oliver Stones Klassiker „Wall Street“ von 1987 und vor allem in den Filmen nach der Finanzkrise 2008 ergötzten sich die Regisseure an Gier, Intrigen und Ausschweifungen innerhalb des New Yorker Finanzdistrikts. Nun ist am Donnerstag ein Film in die deutschen Kinos gekommen, dessen Ausgangspunkt ein anderer ist: In „Money Monster“ schlägt der Kleinanleger zurück.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei geht er nicht auf gewöhnliche Weise vor, indem er seinem Ärger auf einer Hauptversammlung ein wenig Luft verschafft und den Firmenvorstand mit Worten attackiert. Ein Kinokassenknüller braucht mehr Spektakel: einen geprellten Anleger, der zur Knarre greift, in ein Fernsehstudio eindringt, dem Moderator der titelgebenden Finanzshow „Money Monster“ einen Bombengurt umschnallt und droht, das ganze Studio vor laufenden Kameras in die Luft zu jagen, wenn er nicht über das angeblich abgekartete Börsen-Spiel aufgeklärt wird. Daraus entwickelt sich unter der Regie von Jodie Foster ein packender Film, der Marotten und Manipulationen der Medienmacher und der Finanzjongleure vorführt.

          Kyle Budwell (gespielt von Jack O’Donell) heißt der amerikanische Michael Kohlhaas, der durchdreht und bis zur letzten Patrone geht. Bislang hat er sich und seine hochschwangere Freundin mit einem Job als Paketbote rechtschaffen über Wasser gehalten, jetzt sieht er sich als Opfer einer üblen Finanzindustrie. 60 000 Dollar, die ihm seine verstorbene Mutter hinterließ, hat dieser Kyle einem Hedgefonds namens Ibis Clear Capital anvertraut - und über Nacht alles verloren. Gefolgt war er einem heißen Tipp des „Money Monster“-Moderators Lee Bates (George Clooney), der ein solches Investment in gewohnter Leichtfertigkeit als „so sicher wie ein Sparbuch“ bezeichnet hatte. Nun soll eine Computerpanne als lapidare Erklärung dafür herhalten, dass der Hedgefonds mal eben ein paar hundert Millionen Dollar verloren hat und somit der Kleinanleger Kyle als armer Schlucker dasteht.

          Hampeln, tanzen, rappen, schwafeln

          Schön blöd, sein ganzes Geld einem einzigen Spekulanten anzuvertrauen, könnte man an dieser Stelle als Kinozuschauer über Kyle, wie er im Drehbuche steht, sagen: Hat er noch nichts davon gehört, das eigene Geld eher sicher anzulegen und breit zu streuen, also zu diversifizieren? Ist er von so schlichtem Gemüt, dass er bei der Kapitalanlage einem Faxenmacher wie diesem Lee Bates vertraut, der in seinem Finanzshowbusiness in Boxhandschuhen herumhampelt, tanzt und rappt, wenn er nicht gerade ins Schwafeln gerät? So simpel dieser Kniff dramaturgisch ist, man sollte ihn nicht unterschätzen. Denn tatsächlich gibt es in den Vereinigten Staaten eine Menge Leute, die einem TV-Dampfplauderer lauschen und seinen Aktientipps willig folgen. So schrill die Finanzschau „Money Monster“ im Film nämlich daherkommt, ihr wirkliches Vorbild ist kaum weniger laut. „Mad Money“ heißt die Sendung auf CNBC, und deren Moderator Jim Cramer wirbt um die Zuschauer mit dem Slogan: „Du kannst es dir nicht leisten, diese Sendung zu verpassen!“

          Das hatte sich wohl auch Kyle gedacht. Als Knall auf Fall mittelloser Kleinanleger mit gezückter Kleinkaliberpistole schreit er anfangs seine Anschuldigungen in die Kameras („Ich bin nicht der wahre Kriminelle!“). Doch geht dem Aufrührer irgendwann die Luft aus, allmählich wird er zum jämmerlich Getriebenen. Heldenhaft erscheinen zunehmend die anderen: Bei den zuvor frustrierten Fernsehleuten von „Money Monster“, darunter die Regisseurin (Julia Roberts), erwacht plötzlich der journalistische Eifer. Und die Pressesprecherin des Hedgefonds verabschiedet sich von ihrer professionellen Phrasendrescherei und trägt ihren Teil dazu bei, den wahren Grund für das Verschwinden des Geldes zu finden. Wer die ganze Aufregung nicht versteht, ist der Hedgefondsmanager: Die Anleger sollten einfach den Mund halten und nicht danach fragen, woher ihre Rendite kommt.

          Ebenso unverbesserlich erscheint das Volk, das den ganzen Spuk vor den Fernsehgeräten im Lande oder später in den Straßen New Yorks verfolgt. Es wimmelt von Gaffern, die sich eine Zeitlang vom Live-Kitzel bannen lassen, aber ohne mit der Wimper zu zucken in ihren Alltag zurückkehren, sobald der letzte Schuss gefallen ist. Die Moral von Kyles Geschicht’? Verpufft. Und dennoch: Die Regisseurin Jodie Foster erlaubt sich in ihrem Film den einen oder anderen freundlichen Wink in Richtung all jener Zeitgenossen, die im Zuge der Finanzkrise viel Geld verloren haben und damit wie Kyle alleine blieben, während Banken vom Staat gerettet wurden. „Occupy Wall Street“ lässt sie einen Gaffer brüllen, in Erinnerung an die Proteste von 2011.

          „Der einfache Mann wird aufs Kreuz gelegt“

          Bisherige Regisseure hatten sich um diejenigen, die zu Finanzkrisenopfern wurden, nicht geschert und sich in ihren Werken lieber auf den Inner Circle der Wall Street konzentriert. Was zumindest bei zweien Regisseuren nicht verwundert, die quasi in die Finanzwelt hineingeboren wurden. Oliver Stone, der seinem Klassiker nach mehr als zwei Jahrzehnten „Wall Street - Geld schläft nicht“ (2010) folgen ließ, ist Sohn eines Brokers. Der Vater von J. C. Chandor, verantwortlich für „Der große Crash - Margin Call“, verdiente sein Geld bei Merrill Lynch.

          Jodie Foster dagegen kommt von außen, und sie verzichtet in ihrem Thriller darauf, das Finanzsystem hintergründig zu erfassen. Die frühere Schauspielerin setzt in ihrer vierten Regiearbeit schlicht dort an, wo ein grandioser Filmvorgänger endete. In Adam McKays „The Big Short“, der das Platzen der Immobilienblase von 2008 behandelt, spielen die Leidtragenden des Crashs zwar keine zentrale Rolle, bekommen aber ein Gesicht: wie die Stripperin, die freimütig erzählt, dass sie fünf Häuser auf Pump gekauft hat. Oder wie der verdutzte Mieter, der erfahren muss, dass sein Vermieter den Hauskredit auf den Namen seines Hundes aufgenommen hat. „The Big Short“, basierend auf realen Ereignissen, hat beim Filmkritiker der „New York Times“ „Wut, Brechreiz und Verzweiflung“ ausgelöst. Obwohl eigentlich friedfertig, sei er versucht, in seiner Garage nach einer Mistgabel zu suchen.

          Ähnlich ging es offenbar Jodie Foster und ihren Schauspielstars George Clooney und Julia Roberts. Folgt man ihren Worten rund um die Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes, haben sie gegen den Kapitalismus zwar prinzipiell wenig einzuwenden; warum auch, sie leben schließlich bestens davon. Sie prangern aber dessen Auswüchse an. Für ein „Ungeheuer, das wächst und wächst und nicht mehr in den Griff zu bekommen ist“, hält Julia Roberts die Finanzindustrie. Clooney meint, dass bei einem Crash kaum jemand durchblicke und am Ende „der einfache Mann aufs Kreuz gelegt wird“.

          Die Rache des kleinen Mannes, der sich mit Waffengewalt gegen die unheimliche Macht des Geldes zur Wehr setzt, scheint bei den Amerikanern anzukommen. Allein am ersten Kinowochenende hat „Money Monster“ 15 Millionen Dollar eingespielt - und damit mehr als die Hälfte seiner Produktionskosten.

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