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Vermögensverwaltung : Der rationale Irrsinn des Herdentriebs

Gibt das auch eine Spekulationsblase? Bild: AFP

Es ist keineswegs nur die Geldpolitik, die für Spekulationsblasen sorgt. Sondern auch das Parallelverhalten der professionellen Anleger. Doch wer setzt schon für ein paar Euro mehr den Job aufs Spiel?

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          An den Finanzmärkten ist wieder häufiger von platzenden Spekulationsblasen die Rede, nachdem der chinesische Aktienmarkt in die Knie gegangen und die Nervosität rund um den Globus gestiegen ist. Auf der Suche nach Verantwortlichen für die Bildung von Spekulationsblasen wird von vielen Finanzmarktteilnehmern vor allem die Politik genannt. Dazu zählt die Geldpolitik mit niedrigen Zinsen und Ankaufprogrammen für Wertpapiere, aber auch der Staat als Gesetzgeber und Regulator, der beispielsweise Staatsanleihen bevorzugt behandelt.

          Besonders problematisch ist die Rolle des Staates am Anleihemarkt: Hier sind die Regierungen als Emittenten von Anleihen am Markt, die als Regulator diese Großanlegern in die Depots drücken. Gleichzeitig erleichtert die Geldpolitik mit niedrigen kurzfristigen Zinsen die Tragfähigkeit der Staatsschuld. Zusätzlich treten Zentralbanken als Käufer von Staatswertpapieren auf. Dass die Preise für Staatsanleihen als Folge dieser Eingriffe verzerrt sind, ist sehr wahrscheinlich. Daher zeigen kritische Finanzmarktteilnehmer zu Recht mit dem Finger in Richtung Regierungen, Aufseher und Zentralbanken.

          Blasenbildung durch Herdentrieb

          Aber wer mit einem Finger auf andere zeigt, zeigt gleichzeitig mit drei Fingern auf sich selbst. Tatsache ist, dass Finanzmarktteilnehmer selbst erheblich zu starken Kursbewegungen beitragen. Und daran sind nicht allein staatliche Stellen schuld; Teilnehmer an Finanzmärkten sind keineswegs nur hilflose Hampelmänner der Geld- und Finanzpolitik.

          Daran erinnert Karl-Heinz Thielmann, Vorstandsmitglied der Long-Term Investing Research AG in Karlsruhe, in einem lesenswerten Aufsatz mit dem Titel „Die heutige Investment-Welt der Superblasen“. Darin geht Thielmann einerseits auf den staatlichen Einfluss auf Kapitalmärkte ein, der keineswegs verschwiegen werden sollte.

          Thielmann befasst sich aber auch mit dem „rationalen Herdenverhalten“ an Finanzmärkten. Viele Teilnehmer, darunter auch Fondsmanager, besitzen Anreize, in einer Herde mitzulaufen. „In der Praxis bilden sich viele Anleger keine eigene Meinung zu Chancen und Risiken, sondern imitieren andere Investoren, die erfolgreich scheinen“, schreibt Thielmann. „Letztlich laufen die meisten mit; genau wie ein Rind in der Herde der Leitkuh hinterherläuft. Dabei lassen sie sich durch kurzfristige Gewinnaussichten oder momentane Unsicherheiten beeindrucken, was dann oft zu langfristig falschen beziehungsweise übermäßig riskanten Entscheidungen führt.“ Ein solches Verhalten hat man schon oft bei Privatanlegern beobachtet, aber es trifft auch auf Profis zu.

          Wer mitläuft, behält seinen Job

          Und es ist keineswegs irrational. Früher wurde der Herdentrieb an Kapitalmärkten gerne als Ausdruck irrationalen Verhaltens beschrieben, zum Beispiel als Ergebnis „animalischer Instinkte“. Aber das ist nicht zwingend so. Es existiert, von Finanzökonomen schon vor längerer Zeit untersucht, ein rationales Herdenverhalten, das nach Thielmanns Ansicht zu einem „vernünftigem Irrsinn“ führt. Seinen Ursprung findet dieses Verhalten in den beruflichen Anreizen vieler Fondsmanager und Vermögensverwalter.

          „Professionelle Fondsmanager verwalten nicht ihr Geld, sondern handeln im Auftrag anderer“, gibt Thielmann zu bedenken. „Dabei haben viele bei ihren Anlageentscheidungen vorwiegend ein Ziel: ihren gut bezahlten Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Kunden und Vorgesetzte honorieren es in der Regel kaum, wenn ein Vermögensverwalter langfristig eine herausragende Performance erzielt. Sie reagieren hingegen oft wütend, wenn eben diese Geldmanager kurzfristig eine relativ negative Performance haben.“

          Das führt dazu, dass sich Fondsmanager und Vermögensverwalter nicht selten kurzfristigen Trends an den Kapitalmärkten anschließen, selbst wenn sie diese eigentlich für unbegründet halten. Damit wirken sie extrem trendverstärkend sowohl in der Hausse wie in der Baisse. Daher: Wenn Finanzmarktteilnehmer die Politik kritisieren, haben sie damit häufig recht. Aber zumindest ab und zu könnten sie auch in den Spiegel schauen, wenn sie Verursacher von Spekulationsblasen suchen.

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