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Geldanlage : „Ein Euro ist nur noch soviel wert wie eine Mark“

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Vom Rentenfondsgegner zum Rentenfondsspezialisten: Johannes Führ Bild: F.A.Z.-Wonge Bergmann

„Beides gibt es: die offizielle und die Schwiegermutter-Statistik.“ Vermögensverwalter Johannes Führ fürchtet galoppierende Preissteigerungen und erwartet niedrige Zinsen - noch viele Jahre lang.

          Vermögensverwalter Johannes Führ fürchtet galoppierende Preissteigerungen und erwartet niedrige Zinsen - noch viele Jahre lang.

          Herr Führ, was ist ein Euro wert?

          Soviel wie eine D-Mark.

          Euro und D-Mark: Kaum noch Unterschied im Wert

          Wie rechnen Sie? 1999 haben wir zwei D-Mark in einen Euro getauscht. Und seither hatten wir viel Glück mit der Inflation.

          Nein, seit der Euro eingeführt wurde, haben wir in Wahrheit eine galoppierende Inflation. Deren Ende ist bis heute nicht abzusehen.

          Ein bis zwei Prozent Preisanstieg im Jahr sind eher schleichend?

          Bitte unterscheiden Sie zwischen der statistisch festgelegten und der gefühlten Inflation. Schauen Sie auf Gold und andere Rohstoffe. Überall Fahnenstangen nach oben.

          Was in der offiziellen Inflationsrate aber nicht ankommt.

          Das ist genau der Punkt: Was ist im Warenkorb und was nicht? Die Autokosten, die Steuern, die Gebühren steigen. Doch wir haben angeblich kaum Inflation. Das stimmt nicht überein.

          Ist der Warenkorb für die Inflationsmessung Murks?

          Ein Urteil maße ich mir nicht an. Wir sind keine Statistiker.

          Sie wiederholen dennoch, was meine Schwiegermutter auch sagt: Ein Euro ist heute eine D-Mark.

          Eine vernünftige Dame mit Lebenserfahrung. Genau dies sagen auch 99 Prozent der Normalbürger. Der Handwerker, der mir früher eine Rechnung über 30 DM stellte, schreibt heute - ohne rot zu werden - 30 Euro auf. Und der nächste verlangt schon 45 Euro.

          Das Euro-Bargeld wurde 2002 eingeführt. Seither wäre also die Inflationsrate im Schnitt um 19 Prozent pro Jahr gestiegen?

          Die gefühlte Inflation, ja. Natürlich stelle ich nun fest, daß meine Gewerbeimmobilien weniger wert und nicht zu verkaufen sind. Doch da, wo ich etwas haben möchte, wird es nicht billiger.

          Was brauchen wir denn? Lebensmittel, die sind in der Summe nicht teurer geworden.

          Das ist die nächste Diskussion. Nehmen Sie Wein. Vor sechs oder sieben Jahren konnte ich bei Aldi einen Pinot Grigio für 1,99 bis 3,99 DM kaufen. Heute gibt es den billigsten Pinot Grigio ab 2,99 Euro. Wir haben neulich alte Speisekarten gefunden. Damals konnten wir eine Pizza für sechs D-Mark bestellen, heute sind es sechs Euro. Aber das will ich nicht vertiefen. Beides gibt es: die offizielle und die Schwiegermutter-Statistik.

          Wer hat recht?

          Darauf gebe ich gar keine Antwort mehr. Ich schaue mir statt dessen an, wie die Menschen handeln. Und stelle fest, daß die alten Inflationswerte in die Höhe schießen. Daraus ziehen wir Konsequenzen. Wir kaufen am Aktienmarkt zum Beispiel Rohstoff-, Öl- und Stahlwerte. Wir sind auch bullish für Bauwerte. Denn ich weiß: Bauen wird in den nächsten Jahren nicht billiger. Das stelle ich auch im Ausland fest: Auf einer kleinen Insel in Spanien stehen mehr Kräne als in ganz Hessen. Da wundere ich mich nicht mehr über Immobilienpreissteigerungen von 20 bis 30 Prozent pro Jahr. Oder gehen Sie nach Irland, Portugal oder Italien.

          Da müßten doch bald die örtlichen Währungshüter aufschreien und Zinserhöhungen von der Europäischen Zentralbank fordern.

          Nein, nein, ganz im Gegenteil, auch in Spanien steigt doch die Staatsverschuldung. Aus den gleichen Gründen wie hierzulande. Die Regierungen haben deshalb ein vitales Interesse an tiefen Leitzinsen. Und die Währungshüter werden sie so lange niedrig halten, wie sie nur können.

          Notenbanken sind unabhängig und müssen Inflation bekämpfen.

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