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Gastkommentar : Bei Hedge Fonds vergessen Anleger die Vorsicht

  • -Aktualisiert am

Obwohl über ihre Anlagegrundsätze wenig bekannt ist, werden Hedge Fonds in Amerika rege gekauft. Dabei habe sich blindes Investieren noch nie als sehr weise erwiesen, gibt Caroline Baum von Bloomberg zu bedenken.

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          Anleger in Amerika drängen sich derzeit geradezu in Hedge Fonds. Eric Mindich, der vor kurzem Goldman Sachs Group Inc. verlassen und seinen eigenen Hedge Fonds gegründet hat, ging mit einem Rekordkapital von drei Milliarden Dollar an den Start - und mußte noch Interessenten abweisen. Die Anleger stört offenbar nicht, daß Mindich keine Angaben zu seiner Strategie macht. Es sieht so aus, als ob sie die sonst übliche Vorsicht bei Investments aufgegeben haben.

          Das erinnert fatal an den Hedge Fonds Long-Term Capital Management, dem Investoren ebenfalls blind vertrauten, bis er nach Verlusten von vier Milliarden Dollar fast zusammenbrach. Es ist etwas mehr als sechs Jahre her, daß ein Konsortium von Wall-Street- Banken 3,6 Milliarden Dollar in Long-Term Capital Management (LTCM) pumpte um Schlimmeres zu verhindern. Dank der Rettungsaktion mußte der Hedge Fonds nicht liquidiert werden.

          Blindes Vertrauen auch bei Hedge Fonds unangebracht

          Als die amerikanische Notenbank LTCM näher untersuchte, waren alle, einschließlich der LTCM-Investoren, "schockiert", daß dort Glücksspiel betrieben wurde. LTCM hatte das 25fache des Hedge Fondskapitals aufgenommen um seinen Ertrag zu steigern (in diesem Fall den Verlust).

          Wenig beachtet wurde damals der offensichtliche Mangel an Vorsicht auf Seiten der Investoren. John Meriwether und die anderen Manager des LTCM waren für ihre Gewinne so bekannt, daß die Anleger kaum Fragen stellten. Banken und Investmentbanken waren bereit, dem Hedge Fonds riesige Summen zu günstigen Konditionen zu leihen, obwohl unter den Sicherheiten für die Kredite so riskante Anlagen waren wie russische Anleihen. Als Rußland im August 1998 den Rubel abwertete und den Schuldendienst auf Rubelanleihen einstellte, verlor LTCM in diesem einen Monat 44 Prozent seines Anlagekapitals.

          Hedgefonds sind kaum regulierte Anlagegesellschaften für vermögende Privatanleger und institutionelle Investoren. Sie können sich durchaus weigern, Anlegern Informationen über ihre Portfolios, ihre Strategie, ihr Risikomanagement und andere Punkte zu geben. Das heißt jedoch nicht, daß Anleger ihnen blind Geld anvertrauen müssen. Es liegt an den Anlegern, die Art des Fonds und sein Risikoprofil zu bewerten. Wenn sie dies vernachlässigen, ist es ihr Problem.

          Wall Street mit Kurzzeitgedächtnis

          Nichts hören und nichts sehen ist kein guter Investmentgrundsatz. Bei dem neuen Hedge Fonds von Eric Mindich scheinen Anleger allerdings nach genau diesem Grundsatz vorzugehen. Obwohl Mindich einem Bericht des Wall Street Journal zufolge keine Details über seine Strategie bekannt gibt, war die Nachfrage nach seinem neuen Hedge Fonds so groß, daß er einigen Interessenten Absagen erteilen mußte.

          Und so kommt es, daß gut sechs Jahre nach dem Zusammenbruch von LTCM, nachdem Geld lange Zeit sehr billig war, die Zahl und das Volumen der Hedge Fonds explodiert ist und es "Anzeichen von möglicherweise übertriebener Risikobereitschaft an den Finanzmärkten" gibt - so die Federal Reserve Bank - und Anleger die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln über den Haufen werfen.

          Nun ist das Gedächtnis der Wall Street kurz, aber eigentlich nicht so kurz. Die Geschichte ist voll von Fällen, in denen Banken bei der Kreditvergabe zu großzügig waren. Sie glaubten, daß die Kreditsicherheiten nicht an Wert verlieren würden. Hier eine kurze Liste der Empfänger solch Kredite, die oft mehrmals von der Großzügigkeit der Kreditgeber profitierten: Schwellenmärkte, die Ölbranche, Immobilien, Junkbonds, neu gegründete Unternehmen, die weder Gewinne noch einen Geschäftsplan vorweisen konnten, und jetzt vielleicht auch Hedge Fonds.

          Starke Nachfrage deutet auf zu hohe Risikobereitschaft hin

          Hedge Fonds bemühen sich, von Ineffizienzen der Märkte zu profitieren, dabei gehen sie oft hohe Wetten ein. Im Gegensatz zu Investmentfonds, bei denen der Anleger seine Anteile jederzeit verkaufen kann, fordern zahlreiche Hedge Fonds, besonders wenn sie in illiquiden Märkten investieren, daß ihre Anleger sich mindestens für ein Jahr oder noch länger festlegen.

          Je mehr Anleger von den gleichen Ineffizienzen profitieren wollen, desto geringer sind die Möglichkeiten für den Einzelnen. Im letzten Jahr haben Hedge Fonds nicht besser abgeschnitten als der Benchmarkindex Standard & Poor's 500. Ein gewichteter Hedge Fonds-Index von Hedge Fund Research Inc. aus Chicago zeigt einen Wertzuwachs von 8,9 Prozent für 2004. Der S&P 500 kommt auf ein Plus von 10,9 Prozent.

          Nachdem die Blase am Aktienmarkt im Jahr 2000 platzte, stiegen die Zahl der Hedge Fonds und das von ihnen verwaltete Kapital kräftig an. Im ersten Quartal 2004 belief sich das von Hedge Fonds verwaltete Vermögen auf 900 Milliarden Dollar, schätzt Hedge Fund Research, knapp doppelt so viel wie Ende 2000.

          Geschichte wiederholt sich vor allem deshalb, weil sich die Natur des Menschen nicht ändert. An der Wall Street wird die menschliche Natur meist mit den zwei Worten "Angst" und "Gier" beschrieben. Wenn man die Hedge-Fondsbranche als Maßstab nimmt, kennen Investoren derzeit so gut wie keine Angst.

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