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Fondsmarkt : Ein Ritt auf der Rasierklinge bei Fonds-Provisionen

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Auf dem deutschen Fondsmarkt ist seit geraumer Zeit ein Phänomen zu beobachten: Trotz eines zunehmenden Wettbewerb steigen auch die Provisionen. Der Blick hinter die Kulissen zeigt, warum das so ist.

          Auf dem deutschen Fondsmarkt ist seit geraumer Zeit ein Phänomen zu beobachten: Der Wettbewerb unter den Anbietern nimmt immer mehr zu - nicht zuletzt angetrieben durch die Vielzahl der ausländischen Investmentgesellschaften, die auf den Markt drängen - und gleichzeitig werden die Fonds für die Anleger immer teurer.

          Abzulesen ist dies daran, daß die jährlichen Verwaltungsgebühren zum Teil erheblich in die Höhe geschossen sind. Für Aktienfonds liegen sie derzeit im Durchschnitt bei etwa 1,5 Prozent. Es ist noch nicht lange her, da war es bei deutschen Gesellschaften gut ein Drittel weniger.

          G esellschaften buhlen mit hohen Bestandsprovisionen um den Vertrieb

          Diese seltsam anmutende Entwicklung, die eigentlich jeder betriebswirtschaftlichen Lehre widerspricht, hat ihre Ursachen im Fondsvertrieb und bei den Fondssparern selbst. Zunächst zum Fondsvertrieb, also den Banken, Sparkassen, Maklergesellschaften und unabhängigen Finanzberatern: Ihnen ist in den Zeiten des zunehmenden Wettbewerbs eine Schlüsselrolle für den Erfolg einer Fondsgesellschaft zugewachsen. Sie haben den direkten Kontakt zum Kunden, sie haben direkten Einfluß auf die Anlageentscheidung - und entsprechend fürstlich lassen sie sich dafür entlohnen.

          Mittlerweile ist es schon üblich, daß der volle Ausgabeaufschlag beim Vertrieb landet. Doch verlangt wird auch ein finanzieller Anreiz, der über den einmaligen Ausgabeaufschlag hinausgeht. Das Zauberwort lautet: Bestandsprovision. Darunter ist der Anteil zu verstehen, den der Vertrieb von der jährlich vom Anleger zu zahlenden Verwaltungsgebühr erhält. An diesem Punkt ist in den letzten Jahren unter den Fondsgesellschaften ein zweifelhafter Wettkampf entbrannt - sich so attraktiv wie möglich für den Vertrieb zu machen, damit dieser dann die eigenen Produkte verkauft.

          Neulinge müssen mehr bieten

          Der normale Fondssparer selbst bekommt dieses harte Ringen im Hintergrund normalerweise gar nicht mit. Die vereinbarten Bestandsprovisionen werden von Banken und Beratern vielfach als geheime Verschlußsache deklariert. Generell gilt jedoch der Grundsatz: Je unbekannter eine Investmentgesellschaft bei Anlegern ist oder je kürzer ihr Marktstart zurückliegt, um so höher ist die Bestandsprovision, die sie an den Vertrieb zahlt.

          Deshalb gilt es unter Branchenexperten als gesichert, daß etwa die DWS vergleichsweise niedrige Bestandsprovisionen zahlt, weil deren Produkte schon wegen des hohen Bekanntheitsgrades in einem breit angelegten Fondsangebot nicht fehlen dürfen. Die Masse der Anbieter zahlt derzeit zwischen 40 und 60 Prozent der Verwaltungsgebühr als Bestandsprovision, heißt es. In der Spitze gehe es aber auch schon bis zu 70 Prozent, ist in Finanzkreisen zu hören. Die meisten Anbieter bezeichnen allerdings 50 Prozent als absolute Schmerzgrenze.

          Öffnung der Filialbanken für Vertrieb von Drittfonds läßt hoffen

          Am oberen Ende dürften auf jeden Fall die gezahlten Bestandsprovisionen liegen, um auf die Liste der Fremdanbieter zu kommen, die über das Filialnetz von Deutscher Bank, Hypo-Vereinsbank oder Commerzbank vertrieben werden. Genaue Zahlen veröffentlicht keiner. Allerdings ist häufig das Wort "Schmerzgrenze" in diesem Zusammenhang zu hören.

          Immerhin könnte die Öffnung der Filialbanken für den Vertrieb von Drittfonds dafür sorgen, daß das Gerangel der Anbieter bei den Konditionen nicht ausufert. Dort gelten in der Regel die geforderten Konditionen für alle ausgewählten Anbieter gleichermaßen. Die Banken wollen über diese Vorgehensweise offensichtlich das Signal an ihre Kunden übermitteln, daß Kriterien wie Bekanntheit, Wertentwicklung und Abwicklungsservice einen höheren Stellenwert besitzen als außergewöhnlich günstige Konditionen.

          Interessant - und dabei viel konkreter - ist ein Blick in die Courtageliste des größten deutschen Maklerpools BCA. Während etwa die DWS bis zu 0,2 Prozentpunkten an Bestandsprovisionen für Aktienfonds zahlt, oder die Adig bis zu 0,3 Prozentpunkte, sind ausländische Anbieter wie Fidelity und Franklin-Templeton mit bis zu 0,55 beziehungsweise 0,65 Prozentpunkten zur Stelle. Bei gleichwertigen Aktienfonds sollten sich Anleger deshalb nicht wundern, wenn zuweilen ein angelsächsisches Produkt vom Berater den Vorzug erhält.

          Anlegerschaft nicht ganz unschuldig

          Allerdings ist die Anlegerschaft an dieser Entwicklung hin zur Intransparenz bei den Vertriebskosten nicht ganz unschuldig. Die Finanzberatung ist von der Kultur geprägt, für die erbrachte Beratungsleistung kein Geld zu zahlen. Honorarberatern unterhalb der Ebene der besonders Reichen gelingt es weiterhin nur mühsam, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Der Vertrieb muß sich deshalb sein Geld zum Leben an anderer Stelle wiederholen - eben bei Ausgabeaufschlag und Bestandsprovision.

          Der Wettbewerb unter den Anbietern über das Vehikel Bestandsprovision ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Die Gefahr ist latent, daß an irgendeinem Punkt überzogen wird. Zum einen könnte der Anleger nicht mehr mitspielen, weil er nicht bereit ist, die immer höheren Gebühren zu zahlen. Zum anderen könnte die Leistungsfähigkeit der Investmentgesellschaft leiden, weil die niedrigeren Einnahmen aus den Gebühren die Ertragslage zusätzlich belasten.

          Dem Teufelskreis aus höheren Kosten für den Anleger und niedrigeren Erträgen wegen der hohen Provisionen können die Gesellschaften eigentlich nur auf zwei Wegen entkommen: Durch einen starken Markennamen - und damit direkt verbunden eine vorzeigbare Wertentwicklung - sowie durch einen überdurchschnittlichen Service für die Beraterschaft. Es bleiben auch gute Vorsätze, wie der von Friedrich Schmitz, in der Konzernleitung der Commerzbank für das Asset Management verantwortlich, um den Trend zumindest zu verlangsamen: „Profitabilität geht vor verwaltetem Vermögen."

          Daß die gesamte Branche an einem Strang zieht, um die Provisionsspirale zu stoppen, darauf sollte sich jedoch niemand verlassen.

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