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Fondsmarkt : „Behavioral Finance“ in einen Fonds gepackt

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Bild: FAZ

Wenn sich der irrationale Mensch auf die ach so rationalen Kapitalmärkte wagt, kann nur noch „Behavioral Finance“ helfen. Jetzt will ein neuer Fonds mit diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen Geld verdienen.

          Der Mensch gilt gemeinhin als vernunftbegabtes Wesen. Gerade dies unterscheidet ihn ja von seinen animalischen Planetenmitbewohnern.

          Doch ganz so vernünftig, wie die Krone der Schöpfung sich gerne fühlt, ist sie offenbar nicht - jedenfalls behauptet das die Wissenschaft.

          „Behavioral Finance“ nennt sich die Forschungsdisziplin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Anleger auf seine allzumenschlichen Schwächen hin abzuklopfen und zu fragen, welche unsinnige Dinge denn einem vernunftbegabten Wesen passieren können, wenn es sich auf die ach so rationalen Kapitalmärkte wagt.

          Irrationale Verhaltensweisen

          Die Liste der irrationalen Verhaltensweisen - vornehmerweise spricht man als Wissenschaftler lieber von „Verhaltensanomalien“ - ist lang und bunt: So haben Wissenschaftler beispielsweise herausgefunden, daß Anleger einen viel zu großen Teil ihres Portfolios in heimischen Aktien halten, anstatt ihr Portfolio international zu diversifizieren - „home bias“ nennt sich diese Verhaltensweise.

          Ebenso fragwürdig ist das Phänomen, das Wissenschaftler „overconfidence“ nennen: Studien haben gezeigt, daß Anleger die Titel in ihrem Portfolio viel zu häufig umschichten und dabei wenig Rendite, aber hohe Gebühren generieren. Im weniger wissenschaftlichen Börsenjargon ist dies das alte Lied vom Hin und Her, das Taschen leer macht.

          Psycho-Investment-Ansätze

          Nun gut, wenn wir einmal gewillt sind zu akzeptieren, daß wir nicht die Rationalitätsbolzen sind, für die wir uns immer gehalten haben, so fragen wir uns doch unwillkürlich, ob denn wenigstens die Profis - also die Fondsmanager - solchen Psycho-Stolpersteinen ausweichen können. Eine sensible Frage, auf die man als Fondsmanager besser ausweichend antwortet.

          Aber immerhin, daß man mit den Erkenntnissen der Psychologie Geld verdienen kann, glaubt die Branche sofort - nichts, was man nicht gewinnbringend in ein Fondskonzept verpacken könnte. Noch sind es wenige Produkte, doch immerhin legen so bekannte Namen wie JP Morgan, die Deka oder jetzt auch Ampega Investment (Isin DE000A0HGZ34) den von der Irrationalität verfolgten Fondsanlegern Psycho-Investment-Ansätze ans Herz, die sie in ihren Fonds umsetzen.

          „Marktstimmung ist häufig ein guter Kontraindikator“

          Aber wie verdient man mit den Erkenntnissen der Psychologie Geld? Der erste Investment-Ansatz stellt darauf ab, aus der Irrationalität der Märkte Kapital zu schlagen: Solange Menschen irrational handeln, wird es auch Marktunregelmäßigkeiten geben. Das bietet immer wieder Gelegenheiten, diese in einer entsprechenden Anlagestrategie zu nutzen.

          „Wir untersuchen die Stimmungslage der Marktteilnehmer und schauen uns das Marktumfeld an. Bei extremen Stimmungslagen beispielsweise ist die Marktstimmung häufig ein guter Kontraindikator“, sagt Konrad Mattern, der den Conquest Behavioral Finance Aktien AMI-Fonds betreut. So sei zu großer Optimismus ein Warnzeichen, das auf eine Korrektur hindeute. Zur Ermittlung der Marktstimmungen bedient er sich einer Reihe sogenannter Stimmungsindikatoren, die man über Befragungen oder auch die Auswertung von Presseberichten gewinnt.

          Für ein verläßliches Urteil ist es zu früh

          Doch das ist nur die eine Seite der Psycho-Fonds. Der zweite Ansatz, die Erkenntnisse der Wissenschaft in Fondskonzepten umzusetzen, besteht darin, diese in einen entsprechenden Investmentprozeß einzubringen - Disziplin und die Berücksichtigung der Erkenntnisse der „Behavioral Finance“ sollen das Fondsmanagement selbst vor psychologischen Fehltritten schützen. Disziplin ersetzt dann also den ach so schwachen menschlichen Faktor.

          Und was hat der Anleger davon? Noch ist es viel zu früh, um ein verläßliches Urteil über die Qualität dieser Produkte zu fällen - der Weg von der Couch aufs Parkett und in die Portfolios der Anleger ist weit, und ein gutes Stück Wegstrecke bleibt noch zu gehen. Den Marketing-Strategen der Fondsgesellschaften kommt die neue Investment-Psycho-Welle natürlich entgegen: Solche weichen Themen interessieren jeden, sind spannender als Berichte über Wechselkursprognosen und lassen sich mithin leichter verkaufen als der vierundvierzigste Aktienfonds mit europäischen Standardwerten.

          Das will nicht heißen, daß diese Fondskonzepte nichts taugen. Im Gegenteil: möglicherweise überholen sie sich in einigen Jahren, weil dann die Erkenntnisse der „Behavioral Finance“ in allen Fondskonzepten wie selbstverständlich angewendet werden. Das wäre dann der nächste Schritt zur Vernunft: zu erkennen, daß unendlich viel über sie hinausgeht.

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