https://www.faz.net/-gv6-8vpys

Robo-Advising : Fondsbranche ist beim digitalen Wandel zu bequem

Fintech Vaamo - Bedrohung für die Fondsbranche? Bild: Vaamo Finanz AG

Verschläft die Fondsbranche den digitalen Wandel? Nach Umfragen ist das Thema dort noch nicht angekommen. Experten finden: Es wird allmählich Zeit.

          5 Min.

          Vermögensverwaltung ist eine konservative Branche. Das zeigt sich nicht nur in ihrer Treue zu den Finanzmetropolen der Welt, sondern auch ihr Verhältnis zum technischen Wandel. Das ist eines der Ergebnisse der jüngsten jährlichen Umfrage der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers unter 185 Vorstandsvorsitzenden von Fondsgesellschaften aus 45 Ländern.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei sehen sie ihn zwar nicht als unwichtig an. Immerhin waren zwei Drittel der Ansicht, der technische Wandel werde in den kommenden fünf Jahren das Wettbewerbsumfeld zumindest deutlich beeinflussen. Doch das sind nicht nur deutlich weniger als mit 77 Prozent in der Finanzdienstleistungsbranche in ihrer Gesamtheit.

          Vielmehr aber sehen nur zehn Prozent die Förderung digitaler und technischer Fertigkeiten als Priorität, gegenüber 32 Prozent der Spitzenbanker und 28 Prozent der Chefs von Versicherungen. „Die Branche denkt beim Thema technologischer Umbruch nicht so agil wie sie sollte“, resümiert Barry Benjamin, Leiter der Abteilung Asset Management weltweit bei PwC.

          Vorsicht vor den Internet-Riesen

          Dabei scheinen neue Unternehmen, deren Geschäftsfeld eine weitgehend automatisierte Vermögensanlage ist, derzeit schier aus dem Boden zu sprießen und sind sie im Grunde eine Billig-Konkurrenz wie weiland die Direktbanken für das traditionelle Wertpapiergeschäft der Banken.

          Christian Leurs von der Unternehmensberatung EGC Eurogroup Consulting hält die augenscheinliche Gelassenheit in der Fondsbranche auch für einen Fehler. Die größte Gefahr gehe dabei nicht so sehr von den Fintechs, sondern von den großen Internet-Unternehmen aus. Wenn Banken und Vermögensverwalter keine Agenda entwickelten, wo sie in fünf Jahren in puncto Digitalisierung stehen wollten, kämen irgendwann Apple, Google oder Facebook mit Macht in den Markt.

          Das bedrohe zwar nicht Vermögensverwalter wie die Platzhirsche Deka, Union oder DWS. Denn diese verfügten über die Banken, zu denen sie gehörten, über direkte Vertriebskanäle weniger bedroht. „Wer die aber nicht hat, wird unter Druck geraten. Dann wird es sogar für etablierte Unternehmen sehr schwierig.“

          Im Robo-Advising steckt viel Potential

          Noch ist es aber nicht so weit. Mit Anlagesummen von einigen 100 Millionen Euro nimmt sich der Erfolg der „Fintechs“ gegenüber den rund 200 Milliarden Euro, die allein die Fondsgesellschaften der Sparkassen, der Volks- und Raiffeisenbanken und der Deutschen Bank verwalten, noch immer bescheiden aus.

          Die automatisierte Vermögensverwaltung, oft auch als „Robo-Advising“ paraphrasiert, erzeuge derzeit in Deutschland noch keinen großen Veränderungsdruck, meint Markus Hammer, der bei PwC Deutschland den Bereich Asset & Wealth Management leitet. „Für Robo-Advising brauchen sie entweder Kunden mit hoher Sachkenntnis oder eine hoch entwickelte Technik, die ihm das Thema nahebringt. Von beidem sind wir in Deutschland noch ein ganzes Stück entfernt.“ Kurzfristig sei das Thema nur für versierte Anleger interessant und daher eher ein Randprodukt.

          Leurs sieht aber Potential. Die Digitalisierung werde besonders für große Gesellschaften immer wichtiger. Ändern werde sich aber vor allem die Betreuung der Kleinkunden, die unverhältnismäßig teuer und mittels Robo-Advising sehr viel schlanker zu realisieren sei. Daher investierten viele Banken und Kapitalanlagegesellschaften in diesem Bereich bereits. Den Kunden könne das sogar zugute kommen, sei die Beratungsqualität in diesem Bereich bisweilen stark verbesserungsfähig. Es komme dabei darauf an, wie der Roboter-Berater aufgebaut sei. „Diese sind teilweise sehr, sehr gut aufgesetzt, berücksichtigen auch Anpassungen des Portfolios und eine Verteilung auf unterschiedliche Vermögenswerte und liefern auch eine gute Performance.“

          Für Hammer ist der Weg dahin allerdings eher lang. Erst einmal müsse sich die Branche der Fintechs in diesem Bereich auf einige leistungsfähige Anbieter konsolidieren. Auch Leurs räumt den Newcomern auf Dauer wenig Chancen ein. „Die Fintechs profitieren derzeit von einer geringen Regulierung. Sie müssen keine Beratungsprotokolle erstellen, sie haben keine Kosten für Richtlinien wie Mifid. Aber das wird irgendwann kommen. Und dann kommt es darauf an, wie viele Kunden man hat. Dann kommt man mit 500 bis 1000 nicht aus.“ Allzumal das Robo-Advising derzeit stark mit passiven Fonds verknüpft ist. Und dieses Geschäft sei doch eher margenschwach, sagt Hammer.

          Vom Robo- zum Allfinanz-Advisor

          Leurs sieht die Zukunft der Fintechs daher eher in Kooperationen mit etablierten Vermögensverwaltern. Auch die Fintechs setzen auf Kooperationen. So hat die Frankfurter Vaamo jetzt eine digitale Lösung speziell für Finanzberater entwickelt, die diese in ihre Finanzberatung integrieren sollen. Doch auch dies steckt noch in den Anfängen. Nur 27 Prozent der von PwC befragten Chefs suchen nach dieser Form der Zusammenarbeit, deutlich weniger als bei Banken und Versicherungen. Das Beharrungsvermögen der Branche führt Leurs nicht zuletzt auf die eher passive Kundschaft zurück. Fonds würden nun einmal nicht gekauft, sondern verkauft.

          Damit die automatisierte Beratung eine Chance in der Breite hat, muss sie sich selbst noch verändern, meint Hammer. „Der Robo-Advisor muss erst zum Allfinanz-Advisor werden. Dann kann man ihn umfassend im Vertrieb einsetzen und nicht nur für Teilprobleme.“ Das sei aber bislang noch nicht vorhanden. Die große Chance für die Fondsgesellschaften liege auch woanders. „Derzeit sind sie vor allem Produktlieferanten, die den Vertrieb in der ein oder anderen Form ausgelagert haben . Wenn sie zum Lösungsanbieter werden, dann wäre das eine disruptive Veränderung, weil sie dann eine Wertschöpfungsstufe eliminieren.“

          Doch das sei eine große Umstellung, die auf zwei Herausforderungen stoße. Zum einen seien die Unternehmen hochreguliert, das erschwere den Wandel. „Zum anderen brauchen digitale Lösungen selbständige Kunden. Denn wenn wir unsicher sind, wenden wir uns doch lieber an Menschen.“

          Siri, welche Aktie soll ich kaufen?

          Aus diesem Grund mag Hammer auch nicht so recht an den Erfolg von Apple, Facebook oder anderen in diesem Bereich glauben. „Soziale Medien und Anlageberatung – das ist ein Duo, das nicht notwendigerweise zusammenpasst. Gerade in Deutschland teilen die Menschen vielleicht ihre Fotos, aber über Geld redet man dann doch eher nicht. Auch das ‚Social Investing‘ hat nur sehr begrenztes Potential.“

          Eher können sich die Unternehmensberater vorstellen, dass das Smartphone zum Anlageberater wird. „Wenn Siri auf dem iPhone Restaurants empfiehlt, so ist es nur ein kleiner Schritt, sie auch Empfehlungen für die Geldanlage geben zu lassen. Sie kennt das Depot, die Vermögensverhältnisse, den Habitus, aber auch die Analysen und Empfehlungen am Markt – warum also nicht?“, sagt Leurs. Hammer sieht die Chance hier aber doch eher bei der Hausbank, die den Kunden schon jetzt hat.

          Komplizierte Rechtslage rund um den Robo

          Der Erfolg des Robo-Advisings hänge am Ende immer davon ab, wie die Algorithmen gestaltet seien, meint Leurs. Wenn es dazu komme, dass Programme bestimmte Produkte vorrangig empfehlen würden, weil der Betreiber an diesen besser verdient, sei das extrem schädlich. „Wenn Anbieter von Finanzprodukten eine bessere Empfehlung kaufen könnten, wäre das das Ende“, sagt Leurs, der eine strengere Regulierung für unausweichlich hält.

          Derzeit ist die Rechtslage kompliziert. Laut der Finanzaufsicht Bafin hängt die aufsichtsrechtliche Bewertung stark von der Gestaltung der Plattform ab. Vor allem aber muss für eine mögliche Beschwerde „die Person ermittelt werden, der die automatisierte Anlageberatung zugerechnet werden kann“. Bei einem Algorithmus, der von mehreren Programmierern und Anlageberatern erstellt und von weiteren Personen möglicherweise verändert wurde, könnte das schwierig sein. „Ein eindeutigeres Regelwerk wären hier sicherlich gut“, sagt Leurs. „Denn wer jetzt eine Genehmigung umgehen möchte, findet Wege. Die gute Nachricht ist aber, dass etwaige schwarze Schafe ihr Geschäftsmodell nicht nachhaltig betreiben können.“

          Zurücklehnen ist nicht angebracht

          Auch wenn die Robo-Advisor das Fondsgeschäft nicht von heute auf morgen umkrempeln werden, so könnte ein selbstzufriedenes Zurücklehnen ein Fehler sein, warnte auch PwC jüngst in einer Studie „Asset Manager, die ihre Wertschöpfungskette durch innovative Lösungen von FinTechs ergänzen, werden sich erkennbar besser entwickeln als der Marktdurchschnitt", sagt Hammer.

          Leurs Plädoyer klingt noch etwas drängender: „Fondsgesellschaften müssen jetzt Vorstellungen entwickeln, wie ihre digitale Agenda in den fünf kommenden Jahren aussehen soll. Heute macht jeder so vor sich hin. Unter anderem stecken so wichtige Themen wie Datenanalyse und individuelle Kundenansprache noch in den Kinderschuhen, es wird viel ausprobiert. Diese Themen müssen gesamthaft in eine digitale Roadmap eingebettet werden.“

          Weitere Themen

          Was Anleger in der Krise wissen müssen

          Scherbaums Börse : Was Anleger in der Krise wissen müssen

          Die Infektionen weltweit steigen und die Konjunkturdaten sind verheerend. Für Anleger kommt es jetzt besonders darauf an, langfristig zu denken und zu handeln. Denn es gibt auch Branchen, die vom Ausnahmezustand profitieren.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.