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Robo-Advising : Fondsbranche ist beim digitalen Wandel zu bequem

Vom Robo- zum Allfinanz-Advisor

Leurs sieht die Zukunft der Fintechs daher eher in Kooperationen mit etablierten Vermögensverwaltern. Auch die Fintechs setzen auf Kooperationen. So hat die Frankfurter Vaamo jetzt eine digitale Lösung speziell für Finanzberater entwickelt, die diese in ihre Finanzberatung integrieren sollen. Doch auch dies steckt noch in den Anfängen. Nur 27 Prozent der von PwC befragten Chefs suchen nach dieser Form der Zusammenarbeit, deutlich weniger als bei Banken und Versicherungen. Das Beharrungsvermögen der Branche führt Leurs nicht zuletzt auf die eher passive Kundschaft zurück. Fonds würden nun einmal nicht gekauft, sondern verkauft.

Damit die automatisierte Beratung eine Chance in der Breite hat, muss sie sich selbst noch verändern, meint Hammer. „Der Robo-Advisor muss erst zum Allfinanz-Advisor werden. Dann kann man ihn umfassend im Vertrieb einsetzen und nicht nur für Teilprobleme.“ Das sei aber bislang noch nicht vorhanden. Die große Chance für die Fondsgesellschaften liege auch woanders. „Derzeit sind sie vor allem Produktlieferanten, die den Vertrieb in der ein oder anderen Form ausgelagert haben . Wenn sie zum Lösungsanbieter werden, dann wäre das eine disruptive Veränderung, weil sie dann eine Wertschöpfungsstufe eliminieren.“

Doch das sei eine große Umstellung, die auf zwei Herausforderungen stoße. Zum einen seien die Unternehmen hochreguliert, das erschwere den Wandel. „Zum anderen brauchen digitale Lösungen selbständige Kunden. Denn wenn wir unsicher sind, wenden wir uns doch lieber an Menschen.“

Siri, welche Aktie soll ich kaufen?

Aus diesem Grund mag Hammer auch nicht so recht an den Erfolg von Apple, Facebook oder anderen in diesem Bereich glauben. „Soziale Medien und Anlageberatung – das ist ein Duo, das nicht notwendigerweise zusammenpasst. Gerade in Deutschland teilen die Menschen vielleicht ihre Fotos, aber über Geld redet man dann doch eher nicht. Auch das ‚Social Investing‘ hat nur sehr begrenztes Potential.“

Eher können sich die Unternehmensberater vorstellen, dass das Smartphone zum Anlageberater wird. „Wenn Siri auf dem iPhone Restaurants empfiehlt, so ist es nur ein kleiner Schritt, sie auch Empfehlungen für die Geldanlage geben zu lassen. Sie kennt das Depot, die Vermögensverhältnisse, den Habitus, aber auch die Analysen und Empfehlungen am Markt – warum also nicht?“, sagt Leurs. Hammer sieht die Chance hier aber doch eher bei der Hausbank, die den Kunden schon jetzt hat.

Komplizierte Rechtslage rund um den Robo

Der Erfolg des Robo-Advisings hänge am Ende immer davon ab, wie die Algorithmen gestaltet seien, meint Leurs. Wenn es dazu komme, dass Programme bestimmte Produkte vorrangig empfehlen würden, weil der Betreiber an diesen besser verdient, sei das extrem schädlich. „Wenn Anbieter von Finanzprodukten eine bessere Empfehlung kaufen könnten, wäre das das Ende“, sagt Leurs, der eine strengere Regulierung für unausweichlich hält.

Derzeit ist die Rechtslage kompliziert. Laut der Finanzaufsicht Bafin hängt die aufsichtsrechtliche Bewertung stark von der Gestaltung der Plattform ab. Vor allem aber muss für eine mögliche Beschwerde „die Person ermittelt werden, der die automatisierte Anlageberatung zugerechnet werden kann“. Bei einem Algorithmus, der von mehreren Programmierern und Anlageberatern erstellt und von weiteren Personen möglicherweise verändert wurde, könnte das schwierig sein. „Ein eindeutigeres Regelwerk wären hier sicherlich gut“, sagt Leurs. „Denn wer jetzt eine Genehmigung umgehen möchte, findet Wege. Die gute Nachricht ist aber, dass etwaige schwarze Schafe ihr Geschäftsmodell nicht nachhaltig betreiben können.“

Zurücklehnen ist nicht angebracht

Auch wenn die Robo-Advisor das Fondsgeschäft nicht von heute auf morgen umkrempeln werden, so könnte ein selbstzufriedenes Zurücklehnen ein Fehler sein, warnte auch PwC jüngst in einer Studie „Asset Manager, die ihre Wertschöpfungskette durch innovative Lösungen von FinTechs ergänzen, werden sich erkennbar besser entwickeln als der Marktdurchschnitt", sagt Hammer.

Leurs Plädoyer klingt noch etwas drängender: „Fondsgesellschaften müssen jetzt Vorstellungen entwickeln, wie ihre digitale Agenda in den fünf kommenden Jahren aussehen soll. Heute macht jeder so vor sich hin. Unter anderem stecken so wichtige Themen wie Datenanalyse und individuelle Kundenansprache noch in den Kinderschuhen, es wird viel ausprobiert. Diese Themen müssen gesamthaft in eine digitale Roadmap eingebettet werden.“

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