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Vermögensverwaltung : Fondsanlegern drohen höhere Ausstiegshürden

In Krisenzeiten könnte der Ausstieg von vielen Fondsanlegern die Börse schwächen. Bild: dpa

In Krisenzeiten kann ein Ausstieg von zu vielen Fondsanlegern die Börse schwächen. Finanzaufseher wollen jetzt zusätzliche Instrumente schaffen.

          Die Banken klagen über immer strengere Aufsichtsvorgaben, doch die Fondsgesellschaften sind darüber glücklich. „Wir sind für gute Regulierung“, sagte ein Sprecher des deutschen Fondsverbands BVI in Reaktion auf die vor kurzem von den Finanzaufsehern vorgelegten Empfehlungen für die 77 Billionen Dollar große Branche der Vermögensverwalter.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Finanzstabilitätsrat (Financial Stability Board, FSB), dem Vertreter der Finanzministerien, Notenbanken und Aufsichtsbehörden aus den führenden 20 Wirtschaftsländern (G20) angehören, will die von der Branche ausgehenden Systemrisiken besser überwachen und kontrollieren. Strengere Rahmenbedingungen werden im BVI als Grundlage für das Vertrauen der Anleger in die Fondsanlage begrüßt. „Die Empfehlungen des FSB gehen in die richtige Richtung“, lobt der BVI-Sprecher.

          Vermögensverwalter könnten Börsenkrisen verstärken

          Doch Anlegern soll nach den Vorschlägen des Gremiums, das die G-20-Regierungen berät, in Krisenzeiten der Ausstieg aus den Fonds deutlich erschwert werden. Denn die Vermögensverwalter, die laut Finanzstabilitätsrat 40 Prozent aller Vermögenswerte im Finanzsystem der Welt halten, können nach Ansicht der Aufseher Krisen an den Börsen verstärken. Wenn in Marktkrisen viele Fondsanleger gleichzeitig aussteigen wollen, kann das die Liquidität der Fonds überfordern. Diese wären gezwungen, ihre Bestände an Aktien oder Anleihen zu verkaufen, was wiederum die Abwärtsbewegung an den Börsen verstärken könnte.

          In Deutschland gibt es für außergewöhnliche Marktphasen vor allem die Rücknahmeaussetzung. Sie wurde zum Beispiel bei offenen Immobilienfonds verhängt, als in den Jahren 2008 bis 2011 die Rücknahme von Anteilscheinen ausgesetzt worden war, weil die Liquidität der Fonds nicht ausgereicht hatte. Deshalb wurden eine Mindesthaltefrist von zwei Jahren und eine Kündigungsfrist von einem Jahr eingeführt, um die Liquidität in den Immobilienfonds besser zu steuern.

          Liquidität soll besser gesteuert werden können

          In Großbritannien haben Immobilienfonds von Anbietern wie Henderson, M&G und Standard Life Investments nach der Abstimmung über die EU-Mitgliedschaft die Preise für die Fondsrücknahme gesenkt, weil sie mit hohen Abflüssen im Zuge des Brexit-Votums konfrontiert waren. Die Vermögensverwalter verteidigen das sogenannte „Swing Pricing“ mit dem Schutz der verbleibenden Fondsanleger, da die Transaktionskosten den verkaufenden Anteilsinhabern zugeschlagen werden.

          In Deutschland wünschen sich die Fondsgesellschaften weitere Instrumente, um in Krisen ihre Liquidität besser zu steuern. Neben der Rücknahmeaussetzung können sie auch Rücknahmeabschläge erheben. Der BVI spricht sich aber für weitere Werkzeuge wie die Begrenzung der Rücknahme oder die Zuordnung von Transaktionskosten beim Kauf oder Verkauf von Fondsanteilen aus. „Bei den Werkzeugen zur Liquiditätssteuerung gibt es in Deutschland noch Nachholbedarf“, sagt ein BVI-Sprecher. Dabei stützt er sich auf eine Umfrage der Iosco, des internationalen Verbands der Wertpapieraufseher. Demnach gibt es in Deutschland deutlich weniger Instrumente für das Liquiditätsmanagement als in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien.

          Stresstests für Vermögensverwalter

          Nach Ansicht des BVI hat der Finanzstabilitätsrat eingelenkt. Denn über den Einsatz der jeweiligen Werkzeuge sollen nach Vorstellung der Aufseher die Fondsmanager entscheiden. Das entspricht den Wünschen der Branche. Für Fondsanleger ist das nicht erfreulich, weil sie keinen Einfluss darauf haben, ob andere Instrumente aus ihrer Sicht besser wären. Dessen ist sich auch der BVI bewusst und fordert deshalb die Aufseher auf, Leitlinien zum Einsatz solcher Instrumente zu erstellen.

          Neben der Liquiditätssteuerung schlägt der Finanzstabilitätsrat auch Stresstests für die Vermögensverwalter vor. Die gibt es schon in Europa, allerdings auf Basis der gemeldeten Daten der Fondsgesellschaften an die Aufsichtsbehörden. Das hält die Branche nach Angaben des BVI-Sprechers weiterhin für ausreichend. Jedoch hält sich der Stabilitätsrat die Möglichkeit offen, systemweit zu prüfen, welche Auswirkungen die Verkäufe durch Fonds und andere Marktteilnehmer in Krisenzeiten haben können. Damit würden die Stresstests an die von Banken heranrücken, bei denen die Risikotragfähigkeit in Krisenszenarien untersucht wird.

          „Fonds sind keine Schattenbanken“

          Darüber hinaus will der Stabilitätsrat einheitliche Methoden, um die Risiken der Fonds über den Einsatz von Derivaten oder Krediten besser beurteilen zu können. Wenn das potentielle Risiko eines Fonds dreimal so hoch ist wie die Anteilswerte, dann vermuten die Aufseher Systemrisiken. Offene Publikumsfonds dürfen ihre Risiken maximal verdoppeln. Der deutsche Fondsverband hofft, dass die Aufseher das Meldewesen international harmonisieren. So ließen sich potentielle Systemrisiken eher erkennen. Zudem stellten unterschiedliche Meldesysteme in den verschiedenen Ländern für international tätige Fondsgesellschaften eine zusätzliche Kostenbelastung dar.

          Dass der Begriff Schattenbanken in den jüngsten Vorschlägen nicht mehr auftaucht, wertet der BVI als „gutes Zeichen“. „Fonds sind keine Schattenbanken, denn sie sind als Treuhänder für die Anleger tätig“, sagt der Sprecher. Die Risiken liegen also beim Anleger und nicht beim Fonds. „Das unterscheidet uns von Banken.“

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