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Fonds : Nachhaltigkeit soll das Risiko im Depot mindern

  • -Aktualisiert am

Investieren in BP moralisch vertretbar? Der Untergang der Deepwater Horizon verursachte eine Ölkatastrophe im Golf von Mexico Bild: dapd

Nachhaltigkeit der Unternehmen stellt eine Hilfe zur Auswahl von Unternehmen dar. Investoren wie Sarasin oder die DWS nutzen das Konzept als Frühwarnsystem - ganz ohne moralischen Anspruch.

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          Eine zermürbende Debatte spaltet seit Jahren die Vertreter der nachhaltigen Geldanlage. Es geht um die Frage, wie tugendhaft Investments sein sollten. Vor allem BP und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko spaltet die kleine Welt der Gutmenschen an der Börse. Ist es moralisch vertretbar, in die Aktien eines solchen Umweltverschmutzers zu investieren? Es geht nicht nur um die Umwelt, sondern um die Welt an sich und die Frage: Wie können Anleger ethisch unangreifbar bleiben? Wo verläuft die Trennlinie zwischen anstößig und anmaßend, gut und böse? Es ist eine an vielen Stellen enge Debatte. Viele Investoren wollen sich ihr nicht länger beugen. Sie entfliehen dem engen Korsett der nachhaltigen Geldanlage und verzichten darauf, ihre Finanzprodukte überhaupt mit dem Etikett der Nachhaltigkeit zu versehen. Auf das Konzept selbst wollen sie jedoch nicht verzichten.

          Die DWS beispielsweise, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, führt nur wenige Nachhaltigkeitsfonds im engeren Sinn in ihrem Sortiment. Da wäre der DWS Stiftungsfonds mit einem Vermögen von 320 Millionen Euro oder der DWS Responsibility mit einem Volumen von nur 62 Millionen Euro - zwei Leichtgewichte in einer Branche, die am liebsten in Milliarden zählt. Und doch zählt die DWS zu den aktivsten Akteuren auf diesem Gebiet. Auch die DWS achtet darauf, ob Unternehmen die ESG-Kriterien einhalten, die zu den Grundlagen nachhaltiger Geldanlagen zählen. E steht für Environment (Umwelt), S für Social und umfasst sozial verantwortliches Handeln, G schließlich bedeutet Governance, wobei es um die Einhaltung der Prinzipien guter Unternehmensführung geht. Dies führt dann dazu, dass Investoren die Aktien bestimmter Unternehmen nicht kaufen, weil sie diese Kriterien verletzen oder nicht auf ihre Einhaltung hinarbeiten.

          Vergleiche unter Fonds möglich

          "ESG ist bei uns fester Bestandteil des gesamten Investmentprozesses", sagt Gunnar Friede, Fondsmanager und Experte für Nachhaltigkeit bei der DWS. Die Fondsgesellschaft hat eine interne elektronische Datenbank namens G-Cube aufgebaut, in die sämtliche Studien und Analysen einfließen sowie die Ergebnisse der rund 2000 Unternehmensbesuche, die jedes Jahr die unterschiedlichen Analysten und Fondsmanager der DWS absolvieren. Neben finanziellen Kennzahlen berücksichtigen sie auch die ESG-Kriterien.

          Jeder Fondsmanager kann zudem per Knopfdruck vergleichen, wie sein Fonds beispielsweise beim CO2-Verbrauch im Vergleich zur Branche liegt, ob er also eher in Dreckschleudern investiert oder in relativ saubere Unternehmen. Wie stark er jedoch die ESG-Kriterien in seinen Entscheidungen berücksichtigt, bleibt jedem Fondsmanager überlassen.

          Risiken zur Bewertung früh erkennen

          "Es geht darum, von sklavischen Ansätzen wegzukommen", sagt auch Falko Paetzold, Nachhaltigkeitsexperte der schweizerischen Privatbank Vontobel, und dabei handelt es sich nicht um einen Versuch, das Konzept insgesamt zu verwässern. Paetzold geht es um etwas Anderes: "Bisher dominiert die Werte-Diskussion das Thema Nachhaltigkeit", beklagt er. Was darf ein Unternehmen tun, was nicht, in welche Richtung soll es sich entwickeln?

          Paetzold will Risiken früher erkennen, die sich bei Unternehmen ergeben, wenn sie Nachhaltigkeit gar nicht oder halbherzig betreiben. Bei Vontobel arbeiten Nachhaltigkeitsanalysten und klassische Aktienanalysten deshalb eng miteinander. Dadurch könnten sie bestimmte Risiken besser und früher erkennen. Gerade bei der Bewertung von Gefahren für die Reputation eines Unternehmens täten sich Aktienanalysten schwer. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Konzepten hält Paetzold für den richtigen Schritt: "Es ist schon einmal ein Fortschritt, überhaupt die Risiken zu kennen."

          Nachhaltigkeit bereits wichtiges Kriterium außerhalb Deutschlands

          Während Nachhaltigkeit in Deutschland stark unter Umweltaspekten diskutiert wird, ist der integrative Ansatz, wie ihn die DWS verfolgt, in Großbritannien schon weit verbreitet. So betreibt die Fondsgesellschaft Threadneedle keine Nachhaltigkeitsfonds. Und dennoch besetzt Therese Niklasson, Leiterin verantwortungsvolle Investments, eine Schlüsselposition. "Meine Abteilung nimmt an allen für unsere Investments wichtigen Besprechungen teil und bringt ihre Sichtweise ein", sagt Niklasson. "Dabei geht es uns nicht nur darum, auf Risiken hinzuweisen, sondern vielmehr darum, Unternehmen zu finden, deren Aktien aus einer Nachhaltigkeitsperspektive heraus Kurschancen bieten."

          Besonders skandinavische Fondsgesellschaften sind in dieser Hinsicht weiter als deutsche. Dort ist die Einbeziehung von Nachhaltigkeitskriterien in die Fondspalette längst Standard. So sortiert auch Nordea nicht mehr nur jene Unternehmen aus, die Kinder oder Sklaven für sich arbeiten lassen oder unverantwortlich die Umwelt belasten. "Wir gehen positiv vor und versuchen, jene Unternehmen zu finden, die besonders fortschrittlich Nachhaltigkeit betreiben", sagt Sasja Beslik, Leiter verantwortungsvolle Geldanlagen bei Nordea. "Und dann wollen wir durch aktive Aktionärspolitik auf diese Unternehmen einwirken, damit sie sich an den Punkten verbessern, die wir als Schwachstellen identifiziert haben."

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