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Folgen des Niedrigzins : Der langsame Abschied von der kleinen Bank

Trend geht zur Fusion: Immer mehr Banken können den Anforderungen nicht mehr gerecht werden und schließen sich mit anderen Geldinstituten zusammen. Bild: dpa

Niedrige Zinsen und strengere Regulierung machen gerade kleinen Banken zu schaffen. Die Volksbanken erwarten, dass die Zahl der Institute in den kommenden Jahren deutlich schrumpft - mit spürbaren Folgen für die Kunden.

          Sieben Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 haben die Volksbanken ein beunruhigendes Bild von der seither erfolgten staatlichen Regulierung gezeichnet. „Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme“, sagt Uwe Fröhlich, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). Vor allem die kleinen Banken, die wie ihre Kunden unter der Niedrigzinsphase leiden, sehen sich offenbar von der Fülle an Vorschriften im Meldewesen und für den Anlegerschutz mittlerweile überfordert. Allein die zusätzlichen Dokumentationspflichten beim Wertpapierverkauf bedeuteten 100 Millionen Euro im Jahr zusätzliche Kosten für die Volksbanken.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das könnte auch Folgen für die Bankkunden haben: Fröhlich sagte, er rechne damit, dass die Zahl der kleinerem Institute in Deutschland weiter zurückgehen werde. „Wir haben im Augenblick noch 1047 Genossenschaftsbanken in Deutschland, aber nach dem Stand der Anmeldung von Fusionen bei uns im Verband wird die Zahl von 1000 in absehbarer Zeit unterschritten.“ Bislang verschwinden etwa 20 eigenständige Volksbanken im Jahr in Deutschland, die Zahl könnte aber nach Schätzungen des Verbandes aufgrund des erhöhten Kosten- und Regulierungsdrucks deutlich steigen.

          Zentralisierung der Banken droht

          Roman Inderst und Andreas Hackethal, zwei Finanzprofessoren von der Frankfurter Goethe-Universität, haben in einem Gutachten im Auftrag des Genossenschaftsverbands sehr detailliert untersucht, welche Folgen die neuen Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Banken haben. Unter anderem haben sie Fragebögen an die Manager von mehr als 1000 Volks- und Raiffeisenbanken verschickt und ausgewertet. Sie meinen, die Ergebnisse ließen sich auch auf andere kleine Banken übertragen. Die Wissenschaftler haben den Eindruck, dass die zusätzlichen Auflagen kleine Institute überproportional belasteten und dazu führen, dass die Institute sich mehr mit Formularen und weniger mit ihren Kunden beschäftigten. Durch die geplanten neuen Meldepflichten könnte sich das Problem sogar noch verschärfen.

          Vor allem für sehr kleine Volksbanken, die es auf dem Land nach wie vor gibt und die oft die einzige Bank im Ort darstellen, kamen sie dabei zu beunruhigenden Ergebnissen. Bei Instituten mit einer Bilanzsumme von weniger als 50 Millionen Euro verursachten die Vorschriften rund um die Dokumentation des Verkaufs von Wertpapieren mittlerweile so hohe Kosten, dass sie die gesamten Erträge aus dem Wertpapiergeschäft (und zwar den Rohertrag, vor Abzug der Personalkosten), überstiegen, führten die Frankfurter Finanzwissenschaftler aus. Bei diesen Instituten lagen die Kosten durch die neue Regulierung bei fast 140 Prozent der Erträge dieses gesamten Geschäftsbereichs. Selbst bei etwas größeren Banken, mit einer Bilanzsumme von 50 bis 100 Millionen Euro, lägen die Kosten durch die neuen Vorschriften bei fast 80 Prozent der Erträge im Wertpapiergeschäft.

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