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Folgen der Bankenkrise : Gute Chancen für Lehman-Anleger

Verluste mit Lehman-Zertifikaten: Anleger in der Verbraucherzentrale Hamburg Bild: dpa

Nur ein Prozent wusste, dass man mit dieser Anlage Geld hätte verlieren können: Mehr als 2000 „Lehman-Opfer“ suchten bei der Verbraucherzentrale Hamburg Rat. Die sieht in fast allen Fällen einen Schadensersatzanspruch.

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          Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht drei Monate nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers „in fast allen Fällen einen Schadensersatzanspruch“ gegen die Bank, die ihnen die Zertifikate verkauft hat.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Die „Grundsätze der anleger- und objektgerechten Beratung“ seien beim Verkauf der Lehman-Zertifikate „praktisch nie beachtet worden“. Die Auswertung von Fragebögen hätte einen durchschnittlichen Schaden von rund 17.000 Euro ergeben. Der Höchstwert eines Anlegers liegt bei 2 Millionen Euro.

          Ein weiteres Ergebnis der Befragung erschloss sich unmittelbar beim Betreten des Kellers der Verbraucherzentrale in Hamburg: Das Durchschnittsalter der Anleger ist relativ hoch, etwa 63 Jahre. Auch die „Lehman-Opfer“ waren am Donnerstag in die Kirchhofallee 22 eingeladen worden. Einer äußert die Hoffnung, sich „im Guten“ mit der Citibank zu einigen - andere lachen darüber freudlos, halten es für falsche Hoffnung. „Ich bin über 80 und wollte mir von dem Geld einen Platz im Heim reservieren“, erzählt ein Rentner. Er war sich schon bewusst, dass die Anlage nicht hundertprozentig sicher war. „Aber wie sicher ist die Bundesrepublik?“, fragt er konsterniert.

          Noch „keine gefestigte Rechtssprechung“

          „In diesem Alter spielt das Sicherheitsbedürfnis eine ganz andere Rolle“, sagte Edda Castelló. Sie ist Juristin in der Verbraucherzentrale und macht den alten Leuten Hoffnung: Die Initiative für den Kauf der Lehman-Zertifikate sei in drei Viertel der untersuchten Fälle von den Banken ausgegangen. Oft geschah das per Anruf. Dabei sei ein solcher „cold call“ verboten, sagt Castelló. Zwar dürfe die Bank zum Hörer greifen, aber nur, wenn es um einen bestehenden Vertrag gehe.

          Ein Anruf nach dem Motto „ich hab was ganz Tolles für Sie“ sei dagegen verboten. Über eine entsprechende Klage gegen die Haspa werde noch im Dezember entschieden. Durch das Frankfurter Urteil (Die Kläger haben den ersten Prozess verloren) sollten sich die Betroffenen im Übrigen nicht „deprimieren“ lassen. Es gebe noch „keine gefestigte Rechtsprechung“, sagte Castelló. Nach anfänglich positiven Signalen werde von den Banken jetzt allerdings „null angeboten“. Hilfe vom Rechtsanwalt sei möglich, dabei koordiniert die Verbraucherzentrale ähnlich gelagerte Fälle.

          Ahnungslosigkeit bei Zertifikaten und Risiken

          Die Verbraucherzentrale befragte auf ihren Informationsveranstaltungen 400 zufällig ausgewählte Teilnehmer von etwa 1000. Insgesamt hätten 2000 Lehman-Geschädigte Rat gesucht. Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale, hält Hamburg für besonders betroffen. Dabei hätten sich offenbar besonders Kunden der Hamburger Sparkasse (Haspa) engagiert: 71 Prozent der Befragten waren dort Kunde.

          Dabei wurde auch die Anlagekenntnis geprüft. 94 Prozent der Teilnehmer hatten demnach keine Ahnung, wie ein Zertifikat überhaupt funktioniert. Nur ein Prozent wusste, dass man mit dieser Anlage Geld hätte verlieren können. Die Zahl der Geschädigten rechnet die Verbraucherzentrale hoch und kommt so auf erhebliche Schadenssummen: 69 Millionen Euro für Haspa-Kunden, 173 Millionen Euro für Hamburger Anleger insgesamt. Auf die Bundesrepublik hochgerechnet ergäbe das 692 Millionen Euro, errechnen die Verbraucherschützer, allerdings aufgrund von schlichten Dreisatzrechnungen.

          „Das habe ich natürlich nicht durchgelesen“

          Nicht immer bleibt die Diskussion sachlich, nicht alle Aussagen sprechen für die potentiellen Kläger: Eine Betroffene zitiert schon mal die Sachkunde eines Kegelbruders. Ein hochgewachsener Künstler mit feinen Gesichtszügen sagt, Zertifikate seien ihm zu unsicher gewesen. Und doch habe er sich überreden lassen, bekam „ein dickes Papier“. Dann räumt er ein: „Das habe ich natürlich nicht durchgelesen“ und ergänzt schließlich: „Ich wusste, dass ich ein Risiko einging.“

          Die Verbraucherzentrale setzt darauf, dass ein kleiner Hinweis im Prospekt nicht genüge. Außerdem ginge man davon aus, dass die Banken mehr wussten. Eventuell werde man in dieser Frage Gutachter beauftragen. Auffällig fanden die Verbraucherschützer die „Vermarktungswelle“ Ende 2006, die mit dem Provisionssystem der Banken zusammenhinge. Schmitz verweist zudem auf das „Preisproblem“, denn der Emittent bestimme die Preise, zu denen die Zertifikate zurückgenommen würden. Auch an diesem Morgen zeigte sich, was Juristen immer wieder betonen: Dass Anleger viele Argumente brauchen, wenn sie nicht zur verlorenen Investition auch noch Prozesskosten tragen wollen und dass es immer um Einzelfälle geht. Die Forderung der Verbraucherzentrale Hamburg an die Banken - „schnelle, unbürokratische Entschädigung“ - wird daher wohl unerhört bleiben.

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