https://www.faz.net/-gv6-wfts

Finanzmarktkrise : Schuld sind die Anderen

  • Aktualisiert am

Die Finanzkrise habe „recht wenig angerichtet”, meint Goldman-Sachs-Deutschland-Chef Alexander Dibelius. Bild: Daniel Pilar

Wenn Alexander Dibelius, einer der mächtigsten Investmentbanker Deutschlands über die Finanzmarktkrise fabuliert, offenbart sich eine eigene Welt, in den von einer Krise keine Rede ist und lediglich ein Hauch von Selbstkritik weht.

          3 Min.

          Gleich zu Beginn will Alexander Dibelius etwas klarstellen: „Ich habe das Thema nie wirklich akademisch durchdrungen“, sagt der Investmentbanker vor seinem Vortrag an der privaten Frankfurt School of Finance & Management. Schließlich hat der 48 Jahre alte Manager einst in München Medizin studiert. Doch seit mehr als drei Jahren ist der Mann mit dem schwarzen Seitenscheitel alleiniger Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Und als solcher erklärt er nun den Zuhörern in einer reichlich unakademischen Sprache die Welt, wie er sie sieht.

          Eigentlich sollte Dibelius auf seinem Vortrag vor Studenten darüber sprechen, wie viel Regulierung die großen Unternehmenskäufer (“Private Equity“) vertragen. Mit dieser aus Sicht des Investmentbankers rhetorischen Frage - deren Antwort natürlich nur „gar keine Regulierung“ sein kann - hält sich der Banker nicht lange auf. Stattdessen referiert der ebenso hochintelligente wie ehrgeizige Manager über eine reichlich einfach gestrickte Welt.

          „Non-Cash-PIK-Notes ohne Covenants, die erst nach sieben Jahren accruen“

          In Dibelius' Welt hat die seit einem halben Jahr wütende Finanzkrise, die unter anderem zur Beinahepleite der IKB, der Sachsen LB und der West LB sowie zu einem Einbruch an den Aktienmärkten führte, „eigentlich recht wenig angerichtet“. Eine echte Bankenkrise gebe es nicht, dank arabischer und asiatischer Staatsfonds sei keine große amerikanische Bank in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Für Dibelius' Arbeitgeber Goldman Sachs ist die Krise wahrhaftig nicht schlimm - die Bank hat frühzeitig auf einen Zusammenbruch des amerikanischen Hypothekenmarktes gewettet und ist bisher als Krisengewinnler dabei herausgekommen.

          Dibelius' Welt ist zwar nicht akademisch durchdrungen, dafür aber sprachlich auf höchstem Komplexitätsniveau. Da wurden die falschen „Interest-Kosten gecharged“ und „Non-Cash-PIK-Notes ohne Covenants vergeben, die erst nach sieben Jahren accruen“. In diesem Kauderwelsch gibt es keine Exzesse von Finanzinvestoren, sondern lediglich „angebotsinduzierte Übertreibungen“. Will sagen: Die Banken haben es den Beteiligungsfonds ermöglicht, die gekauften Unternehmen mit zu viel Schulden zu belasten. „Wir haben das auch mitgemacht“, lässt Dibelius einen Hauch von Selbstkritik spüren.

          Schuld sind die Verkäufer

          Bei dem Hauch bleibt es dann auch. Als Beispiel für Übertreibungen nennt Dibelius sogenannte PIK-Notes - in den vergangenen Jahren oft an Beteiligungsfonds für Unternehmenskäufe vergebene Kredite, die erst nach sieben bis acht Jahren getilgt werden müssen und nun als Zeitbombe gelten.

          Doch die Beteiligungsfonds haben nach Dibelius' Diktion nur das genommen, was die Banken ihnen anboten. Dass mancher in der Branche angesichts hoher Schulden eine Pleitewelle fürchtet, ficht ihn nicht an. Finanzinvestoren seien verantwortungsbewusst und würden „nicht zulassen, dass ein Unternehmen an die Wand fährt“.

          Kommt es doch einmal zu einer Pleite, sind andere schuld. Bei der Schieflage der Bundesdruckerei vor einigen Jahren sei etwa der Staat die Heuschrecke gewesen, denn er habe als Verkäufer den Preis zu hoch getrieben. Also auch eine „angebotsinduzierte Übertreibung“ und nicht, wie bisher vermutet, ein zu aggressiver Kaufpreis, den Apax und der Beteiligungsarm der Allianz bezahlten?

          Viel Feind, viel Ehr'

          Derartige Exzesse sieht Dibelius nicht. Er kenne in Deutschland nur ein einziges Unternehmen, dessen Finanzierung zu riskant sei, sagt er. Ob er damit vielleicht das nach Ansicht vieler Banker mit gut 2,3 Milliarden Euro - darunter die berüchtigten PIK-Notes - viel zu hoch verschuldete Chemieunternehmen Cognis meint, an dem neben Permira auch Goldman Sachs beteiligt ist? Der Name fällt jedenfalls nicht.

          Doch dass Dibelius den Banken die größere Schuld zuschreibt, ist kein Wunder. Von einer klassischen Investmentbank ist Goldman Sachs längst meilenweit entfernt. Das Investmenthaus investiert immer mehr auf eigene Rechnung, unter anderem mit einem 20 Milliarden Euro schweren Beteiligungsfonds - dem zweitgrößten der Welt. Interessenkonflikte mit Kunden aus der Unternehmenswelt scheinen da zweitrangig.

          Eigentlich ist der Banker sogar stolz auf diese Aggressivität: Als die SPD ihre berüchtigte „Heuschrecken-Liste“ veröffentlicht habe, um Finanzinvestoren zu brandmarken, habe er sich auf Platz zwei wiedergefunden, erzählt er nicht ohne Stolz. Daraufhin habe ihn der damalige Goldman-Sachs-Chef Hank Paulson angerufen und gefragt, ob er nun Leibwächter benötige. Das habe er verneint, und Paulson habe geantwortet: „Nun gut, es wäre schlimmer gewesen, wenn du gar nicht auf der Liste gestanden hättest.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Die Grünen : Was das Klima kostet

          Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, mit ihrem Programm vor allem diejenigen anzusprechen, denen es nichts ausmacht, tiefer in die Tasche zu greifen. Fest steht: In höheren sozialen Schichten sind sie besonders erfolgreich.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.