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Finanzmarkt : Der Börsenrally fehlt die Basis

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Abgesehen vom jüngsten terroristischen Schock bauen die Börsianer auf eine normale, starke Konjunkturerholung in Amerika. Die ist aber weder normal, noch nachhaltig, besagt eine Studie von Independent Strategy.

          Abgesehen von der kurzfristig wieder aufgekommenen Angst von Anschlägen dürften die vergangenen Tage und Monate ganz dem Geschmack der Aktionäre entsprochen haben. Denn massiv steigende Kurse lassen nicht nur ihre Herzen höher schlagen, sondern der hohe Optimismus und die inzwischen etablierten Trends machen Appetit auf mehr. Vor allem auch deswegen, weil diese Entwicklung scheinbar von durchweg guten Unternehmens- und Konjunkturzahlen begleitet wird.

          Die Frage ist allerdings, ob die Euphorie nicht überschäumt. Denn wenn schon Kommentatoren öffentlich-rechtlicher Fernsehsender nicht in der Lage oder gar willens sind, sauber zwischen annualisierten - und damit verzerrten - Quartalszahlen und jährlichen Wachstumsraten zu unterscheiden, wie soll das erst dem normalen Anleger gelingen?

          Keine „normale“ Wirtschaftserholung

          Wenn es zunächst so aussieht, als ob die amerikanische Wirtschaft rasch und stark aus einer der mildesten Rezessionen der Vergangenheit kommen und den Rest der westlichen Welt mit nach oben zu ziehen könnte, so gibt es nach einer Studie von Independent Strategy einige wesentliche Unterschiede zu Vergangenheit: Erstens sind die Konsumenten so stark verschuldet wie noch nie. Zweitens werden so wenige Jobs geschaffen wie noch nie in einer Erholungsphase. Drittens steigen die Löhne so langsam wie seit 20 Jahren nicht mehr. Viertens werden Budget- und das Leistungbilanzdefizit größer, statt sich zu verringern. Fünftens gibt es eine tiefe Inflation - die Unternehmen können ihre Preise nicht erhöhen. Sechstens ist der Ölpreis hoch und steigt in der Tendenz eher, als zu fallen.

          ... hohe Schulden ...

          Während die Verbraucher in normalen Rezessionen weniger ausgeben und mehr sparen, haben sie in den vergangenen Monaten auf Grund von tiefen Zinsen und Steuersenkungen weiter konsumiert. Dafür stecken sie mittlerweile bis zu den Augen in Schulden. Der Bauboom hat dazu geführt, daß die Preise von Häusern nicht nur gestiegen sind, statt zu fallen, sondern sie sind mittlerweile überteuert.

          ... relativ wenige neue Jobs ...

          Im vergangenen Quartal sind zwar 286.000 neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft geschaffen worden. Im Vergleich mit dem „gefeierten“ Wachstum ist das allerdings ziemlich wenig. Im reinen Produktionsbereich gehen die Stellen sogar nach wie vor zurück, denn die Herstellung von Gütern wird zunehmend zu deutlich günstigeren Standworten in Asien verlagert. Und dieser Trend dürfte anhalten. Um ein jährliches Wachstum von 3,5 bis vier Prozent zu erreichen, müssten im kommenden Jahr monatlich 250.000 neue Jobs geschaffen werden. Die sehen die Analysten von Independent Strategy nicht. Nach einer Umfrage unter Firmenchefs im Oktober rechnen lediglich 14 Prozent der Befragten damit, im Jahr 2004 neue Leute einzustellen.

          ... kaum Lohnerhöhungen ...

          Und selbst die, die einen Arbeitsplatz haben, können kaum mit großen Lohnsteigerungen rechnen. Im Oktober ist der Stundenlohn um gerade einmal 0,8 Prozent gestiegen - annualisiert, wohlgemerkt! Das ist die tiefste Rate seit 20 Jahren. Neue Arbeitsplätze werden vor allem im Service geschaffen. Allerdings liegen dort die Löhne im Durchschnitt 20 Prozent unter dem Produktionsbereich. Das dürfte dazu führen, daß Einkommen im Wert von knapp 50 Milliarden Dollar fehlen werden.

          ... extrem hohe Kapitalimporte

          Befinden sich die Zinsen noch auf einem äußerst tiefen Niveau, so dürften sie dort nicht bleiben. Denn die hohen, stark steigenden Defizite in den öffentlichen Haushalten in Verbindung mit der äußerst geringen Sparquote der amerikanischen Konsumenten machen das Land immer stärker von Kapitalimporten abhängig. Mittlerweile müssen mehr als zwei Milliarden Dollar - täglich - eingeführt werden. Mit zunehmender Skepsis und fallendem Dollar dürften ausländische Anleger immer höhere Zinsen verlangen.

          Steigende Zinsen sind Gift für die hoch verschuldeten Konsumenten. Und damit für die Wirtschaft, die Unternehmen und schließlich auch die Börse. Spätestens wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, dürfte die Party an den Börsen vorbei sein. Die Experten von Independent Strategy raten von amerikanischen Aktien dringend ab. Selbst wer nicht so skeptisch ist, wird die Entwicklung sorgfältig im Auge behalten oder sich wenigstens gegen Überraschungen absichern.

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