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Finanzmarkt : Amerikanische Börsen signalisieren eine gewisse „Verzweiflung“

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Die Stimmung an den Börsen ist vergleichsweise gut. Viele rechnen mit weiter steigenden Kursen. Die amerikanischen Indizes laufen jedoch charttechnisch „gegen die Decke“. Die Kursanstiege werden von „Ramschwerten“ bestimmt.

          Die Stimmung an den Börsen ist gut. Viele der Anleger rechnen mit steigenden Kursen. Denn die Zinsen seien kein Problem, die Konjunkturentwicklung sei robust und die Unternehmen verdienten gutes Geld, so scheint die allgemeine Logik zu sein.

          Die Mehrheit scheint sich nicht zu fragen, wie steigende Leitzinsen in Amerika, die hohen Rohstoffkosten, die tiefen Renditen, die zum Teil ambitionierten Bewertungen und auch die zunehmenden makroökonomischen Ungleichgewichte ins Bild passen. Dabei deuten bei näherer Betrachtung einige Anzeichen auf eine Abschwächung des weltwirtschaftlichen Wachstums hin.

          Amerikanische Indizes laufen gegen die Decke

          Daneben machen gerade auch die amerikanischen Leitbörsen keinen sonderlich dynamischen Eindruck. Sowohl Dow Jones als auch der S&P 500 und auch die Nasdaq laufen charttechnisch immer wieder „gegen die Decke“. Selbst bei den verschiedenen Russell-Indizes ist das der Fall. Das heißt, auch die Rally in den amerikanischen Small- und Midcap-Werten ist zumindest kurzfristig in eine Stagnationsphase übergegangen.

          Gleichzeitig wurde in den vergangenen zwei Monaten die Aufwärtsbewegungen an den amerikanischen Börsen oft von Unternehmen angeführt, die nicht zur Crème de la Crème gehören. Das sind Unternehmen, bei denen die Analysten vom Kauf abraten, die am Anleihemarkt als risikoreich gelten, die jedoch bei spekulativen Anlegern offensichtlich sehr beliebt sind.

          Das überdurchschnittliche Abschneiden dieser Aktien, darunter Namen wie Calpine und General Motors, sei ein Signal dafür, daß der Bullenmarkt, der nun seit zwei Jahren anhält, vielleicht zum letzten Mal Atem schöpft, erläutern Investoren. "Das riecht nach Verzweiflung - sie stürzen sich auf alles mögliche," sagte Donald Yacktman, Fondsmanager bei Yacktman Asset Management in Chicago der Nachrichtenagentur Bloomberg.

          In diesem Quartal ist der Standard & Poor's 500 Index um 1,8 Prozent gestiegen, gegenüber dem Jahrestief hat er in der Spitze sieben Prozent zugelegt. Zugpferde der Aufwärtsbewegung waren Aktien, denen die Ratingagentur S&P eine mindere Qualität bescheinigt. S&P vergibt bei ihrem Ratingsystem für Aktien Noten von A+ bis D auf der Basis der Gewinnentwicklung in der Vergangenheit und des Dividendenwachstums.In diesem Quartal waren 29 Unternehmen mit einer C-Note die Spitzenperformer, sie legten im Schnitt 16 Prozent zu. Hingegen kamen die Werte mit der Bestnote A+ nur auf einen Kursgewinn von 2,1 Prozent. Auch im Jahr 2003 schlugen sich die mit C benoteten Aktien besser als die Qualitätswerte.

          „Ramsch-Werte“ führen die Kursanstiege an

          Acht von den zehn S&P-Werten, die zwischen dem 20. April und 17. Juni die beste Kursentwicklung hinlegten, haben auch ein Anleiherating. General Motors und fünf andere werden von S&P oder Moody's in der "Ramsch"-Kategorie eingestuft. Neun von den zehn Aktien, die an der New York Stock Exchange die meisten Leerverkäufe aufwiesen, haben seit April zugelegt, geht aus Bloomberg-Daten hervor. Dazu zählen Aktien wie Calpine, KB Home oder auch General Motors (GM). Die Aktie hat in diesem Quartal 17 Prozent zugelegt, nachdem der Milliardär Kirk Kerkorian mit 1,16 Milliarden Dollar eingestiegen ist. Es dürfte manche Leerverkäufer zu Aktienrückkäufen gezwungen haben.

          Das zeigt sich unter anderem an den Papieren von Visteon. Sie schnellten um 80 Prozent gegenüber dem Jahrestief nach oben, als Leerverkäufer sich auf die Aktie stürzten. Insgesamt ist die Zahl der leerverkauften Aktien an der NYSE in den ersten fünf Monaten des Jahres auf 8,6 Milliarden gestiegen, sank dann aber wieder auf 8,4 Milliarden im Juni. Solche „Eindeckungen“ können eine Kursbewegung nach oben zunächst beschleunigen. Aber früher oder später geht ihr die Puste aus, argumentieren Skeptiker.

          Optimistische Anleger dagegen argumentieren, die bessere Kursentwicklung von risikoreicheren Unternehmen sei der natürliche Startschuß für eine größere Marktrally. Getragen würde diese von der Erwartung, die amerikanische Notenbank sei bald am Ende ihrer Zinserhöhungen angelangt. Insgesamt dürfte es ratsam sein, auf der Hut zu bleiben. Denn - abgesehen von der anstehenden Sommerflaute - scheint alles möglich zu sein.

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