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Finanzmärkte & Ökonomie : Eine Rezession in Amerika ist hoch wahrscheinlich

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Kasriel Recession Warning Indicator: Monetary Base / CPI % Change UND Year to Year Interest Rate Spread: 10-Year Treasury Bond Less Fed Funds Rate, 4-qtr MovingAverage % Bild: Northern Trust

Die amerikanische Zentralbank kann den Leitzins senken und dadurch die Verbraucher zum Trog drängen. Aber können und wollen sie überhaupt saufen? Daran gibt es ebenso Zweifel wie an optimistischen Wachstumsprognosen.

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          Nach massiven Kursverlusten kommt es an den internationalen Börsen zwar immer wieder zu deutlichen Gegenbewegungen. Allerdings dürfte es ratsam sein, diese angesichts der anhaltenden Kreditkrise und ihren Folgen für die konjunkturelle Entwicklung in den Vereinigten Staaten und indirekt weltweit nicht zu überschätzen.

          Ob die Gegenbewegungen mehr sind als technisch bedingte Erholungsversuche, kann angesichts der fundamentalen Entwicklung bezweifelt werden. Denn die Wahrscheinlichkeit für eine ausgeprägte und länger anhaltende Rezession in Amerika ist hoch. Die jüngsten Konjunkturzahlen fielen nicht gerade ermutigend aus, und Abkoppelungstheorien werden durch vorlaufende Indikatoren in Asien und Europa immer deutlicher widerlegt.

          Kreditboom ist passé

          Die Weltwirtschaft lebte in den vergangenen Jahren vor allem vom Kreditboom in den angelsächsischen Staaten. Dieser wurde durch niedrige Zinsen sowie scheinbar unendlich steigende Vermögenspreise alimentiert und zeigte sich in Form einer ausgeprägten Konsumneigung. Auf diese Weise landeten viele der weltweit hergestellten Konsum- und Investitionsgüter entweder direkt oder indirekt in diesen Regionen.

          Damit ist es inzwischen vorbei. Erstens steigen die Immobilienpreise nicht mehr, sondern fallen. Die hoch verschuldeten Eigenheimbesitzer können kein Kapital für den Konsum mehr abschöpfen, wie sie das in den vergangenen Jahren taten. Zweitens haben die Banken im Rahmen der Kreditkrise der vergangenen Monate ihre Vergaberichtlinien für Hypothekar- und Konsumentenkredite deutlich verschärft.

          Auf diese Weise werden die Verbraucher von mehreren Seiten in die Mangel genommen. Mit Blick auf die Vermögenslage der Haushalte liegt die Vermutung nahe, dass diese in den kommenden Monaten und Jahren Gürtel werden enger schnallen müssen. Sie haben in den vergangenen Jahren massiv über ihre Verhältnisse gelebt und ihre finanzielle Lage nicht selten überstrapaziert.

          Nach Daten des Chicagoer Ökonom Paul Kasriel haben die amerikanischen Haushalte in den vergangenen Jahren mehr ausgegeben, als sie an verfügbarem Einkommen hatten. Ein rekordhoher Anteil wurde konsumiert, ohne dass er in die längerfristige Verbesserung der Lebensqualität investiert worden wäre. Auf diese Weise ist das Verhältnis zwischen Schulden und dem Marktwert der in den Haushalten vorhandenen Vermögenswerten auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gestiegen.

          Tiefe Zinsen nützen wenig, wenn die Kreditnehmer nicht mehr kreditwürdig sind

          Aus diesem Grund ist es fraglich, ob massive Zinssenkungen in Verbindung mit einem keynesianischen Ausgabenprogramm den Konsum auch mit Blick auf den schwächer werdenden amerikanischen Arbeitsmarkt wieder werden beleben können. Tiefe Zinsen nützen wenig, wenn die potentiellen Kreditnehmer nicht mehr kreditwürdig sind. Steuersenkungen oder steuerfinanzierte Gehaltsschecks werden möglicherweise zum Abbau der Schulden verwandt werden statt für den Konsum. Immerhin ist absehbar, dass solche Programme längerfristig zu einer höheren Staatsverschuldung und früher oder später zu steigenden Steuern führen.

          Selbst bei den Unternehmen dürften niedrige Zinsen kaum Wirkung entfalten. Denn erstens brauchen viele Unternehmen angesichts einer soliden Finanzlage keine Fremdmittel. Und selbst wenn, so werden sie diese kaum aufnehmen und investieren, wenn sei mit einer nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik rechnen müssen. Zunehmende Kapazitäten bei abnehmender Nachfrage verderben die Margen und lassen bei hohen Fixkosten die Gewinne rasch schmelzen. Und wo und an wen sollten sie ihre Waren verkaufen?

          Genau dieselbe Frage dürften sich die „Produktionsplattform-Staaten“ in Asien und anderen Teilen der Welt stellen. Immerhin haben die angelsächsischen Konsumenten nicht nur ihre Kreditwürdigkeit überstrapaziert, sondern gleichzeitig rauben der schwache Dollar sowie hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise zumindest den amerikanischen Verbrauchern zusätzliche Kaufkraft. Sobald die Importnachfrage Amerikas nachlässt, dürften sowohl die optimistischen Wachstumsprognosen für die Schwellenländer als auch die Rohstoffpreise korrekturanfällig werden. Insgesamt dürfte kaum verwundern, dass zuverlässige Rezessionsindikatoren, wie sie Kasriel entwickelt hat, genau diese anzeigen.

          Es dürfte daher ratsam sein, die Wachstumserwartungen der Volkswirte und Gewinnerwartungen der Unternehmen kritisch zu betrachten. Das gilt in erster Linie für die Finanzwerte, da bei vielen Firmen der Branche bei hohem Abschreibungsbedarf Ertragsquellen der Vergangenheit wegfallen werden.

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