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Finanzmärkte : Fondsmanager sehen Abschied von Benchmarks

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Widriger Wirtschaftsdaten zum Trotz sehen Fondsmanager von Amis und Invesco ein „normales Aktienjahr“ am Horizont. Fonds werden künftig weniger an Benchmarks als an der Wertentwicklung gemessen, meinen sie.

          3 Min.

          Nichts hält in diesen Tagen die Finanzmärkte so in Atem wie der Krieg der „Koalition der Willigen“ gegen den Irak. Hinzu kommen, als beunruhigende Elemente, die unberechenbare Lungenkrankheit SARS sowie der latente Konflikt zwischen den ungleichen koreanischen Bruderstaaten. Wie werden sich die geopolitischen Schwierigkeiten auf Sicht auf die Finanzmärkte auswirken?

          Wolfgang Gänsdorfer, Vorstandmitglied der Wiener Amis AG und Fondsmanager, sowie Bernhard Langer, Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft Invesco in Frankfurt äußern sich optimistisch. Beide rechnen trotz der weiter bescheidenen wirtschaftlichen Rahmendaten bis Jahresende mit einem deutlichen Aufschlag bei den Aktienkursen. Ein Plus von acht bis zwölf Prozent halten sie für möglich, wie sie am Dienstag sagten. Mit Blick auf die Bewertung von Fonds sehen Benchmarks unwichtiger werden. Unterschiedlicher Meinung sind aber in der Frage, wie das Portfolio ihrer Fonds gestalten.

          Kurzer Krieg kostet soviel wie Aufbau Ost in einem Jahr

          Gänsdorfer sieht, wie andere Akteure auf den Finanzmärkten auch, zwei Szenarien für den Verlauf des Irakkriegs. Bei einer Dauer von nur wenigen Wochen rechnet er mit Gesamtkosten von rund 124 Milliarden Dollar durch den Krieg - 75 Milliarden Dollar davon entfielen auf Ausgaben für militärische Zwecke, dieselbe Summe auf Kosten für die nach Kriegsende wahrscheinliche weitere Truppenpräsenz, 30 Milliarden Dollar auf den Wiederaufbau und eine Milliarde auf humanitäre Hilfe. Von dieser Zwischensumme abzuziehen seien etwa 40 Milliarden Dollar durch einen mutmaßlich sinkenden Ölpreis.

          Sollte sich der Krieg über Monate hinziehen, kalkuliert der Fondsmanager mit Kosten von 1,924 Billionen Dollar. 778 Milliarden Dollar an Belastung kämen nach seiner Meinung auf die Märkte zu, weil der Ölpreis wieder stiege. Zudem schössen die Kosten für Besatzung und Friedenserhaltung in die Höhe - auf rund 500 Milliarden Dollar.

          Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der deutlichen Fortschritte, die die Koalition in den vergangenen Tagen erzielt hat, neigt er jedoch dem günstigen Szenario zu. Ein Gutteil der Kosten - soviel, wie jährlich aus dem Westen Deutschlands in den Osten fließen - könnte im übrigen durch den Verkauf irakischen Öls aufgebracht werden, meint Langer. Zwar werde die amerikanische Wirtschaft nicht boomen und die europäische schon gar nicht. Doch sei ein Wachstum von zwei bis 2,5 Prozent in Amerika und von einem Prozent in Euroland wahrscheinlich und eine Erholung der Aktienmärkte ebenso, meinen beiden.

          „Normales Aktienjahr“ erwartet

          Und zwar trotz der eher schwachen wirtschaftlichen Rahmendaten und des gestörten Verbrauchervertrauens. Denn: Wenn der Krieg von der Koalition gewonnen sei, weiche Unsicherheit bei den Konsumenten, und ein sinkender Ölpreis wirke sich günstig auf die Produktion und den Verbrauch aus, weil weniger Kapital ins schwarze Gold fließe, als es vor einigen Wochen noch der Fall gewesen sei. Für Langer ist auch das verstärkte Engagement in vergleichsweise riskante Unternehmens- und Staatsanleihen mit hohen Rendite ein Anzeichen, dass bei Anlegern die Risikoaversion wieder sinke. Dies sei ein Frühindikator für ein Beleben der Aktienmärkte, meint er.

          Gestützt auf diese Annahme erwarten sie ein „normales Aktienjahr“ mit Renditen von acht bis zwölf Prozent im Durchschnitt. Um dabei mit Fonds Erfolg zu haben sei ein breit gestreutes Portfolio wesentlich: „So banal es klingen mag: Das ist immer noch das Ein und Alles“, so Langer.

          Fondsmanager wollen sich von Benchmarks verabschieden...

          Einig sind sich beide in der Annahme, dass Benchmarks unwichtiger werden, wenn die Wertentwicklung eines Produkts beurteilt werden soll. Der Trend gehe zum Total Return: dem Ziel, möglichst viel aus dem Kapital zu machen, statt dem Ehrgeiz zu frönen, einen Index zu schlagen. Denn der Anleger habe nichts davon, wenn ein Fonds zwar besser als die Benchmark sei, aber dennoch in den roten Zahlen liege.

          Gänsdorfer hält es auch für sinnvoll, im Sinne der Mehrung des Kapitals stärker zwischen Aktien, Staats- und Unternehmensanleihen im Portfolio zu wechseln - und im Zweifelsfall sich auf dem Geldmarkt umzusehen, wenn es sonst nichts zu verdienen gibt. Invesco dagegen hat es bisher so gehalten, stets voll investiert zu sein, wie es dem Fondscharakter entspreche. Anleger hätten ja die Möglichkeit, die Anteile zurück zu geben, wenn sie unzufrieden seien, so Langer. Dessen ungeachtet sieht er massive Umschichtungen aus Wachstumsaktien-, Telekom- und Technologiefonds in offene Immobilienfonds, breiter gestreute Fonds und Anleihenprodukte sowie China-Titel.

          ... und von Spezialitätenfonds

          Gänsdorfer dagegen erachtet es als notwendig, sich von Spezialitätenfonds zu verabschieden. Statt noch einen Fonds mit Titeln aus einem bestimmten Segment einer bestimmten Region der Welt aufzulegen, wolle er das Angebot von Amis „straffen“. Auch hat er angekündigt, in diesem Frühjahr letztmals mit Angaben, wie hoch der Anteil von Aktien aus gewissen Staaten in einem Fonds sei, aufgewartet zu haben.

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