https://www.faz.net/-gv6-rwdp

Finanzmärkte : Dilemma für Anleger: Kampf oder Flucht?

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Trotz der deutlichen Zinssenkungen der amerikanischen Zentralbank zur Stützung des Vertrauens ziehen Anleger ihre Gelder aus dem Markt ab, während einige Experten das eine oder andere Nugget im Schlamm sehen.

          5 Min.

          Die Notzinssenkung der amerikanischen Notenbank am 22. Januar kommt zu einer Zeit, in der sich Anleger panikartig aus Aktien zurückziehen und damit ihr zerrüttetes Vertrauen sowohl in die Wirtschaft als auch in den Markt zum Ausdruck bringen.

          Nach Angaben des Fondsanalysehauses Morningstar zogen Anleger im vergangenen Monat 27 Milliarden Dollar aus Aktienfonds ab, was dem größten Mittelabfluss seit Juli 2002 entspricht. Bis Mitte Januar wurden nach Statistiken von TrimTabs Investment Research weitere 36 Milliarden Dollar aus Aktienfonds zurückgezogen.

          Die Argumente einiger Fondsmanager, dass Aktien mittlerweile zu äußerst attraktiven Kursen zu haben sind, prallt auf die Skepsis der Kleinanleger, was selbst die Aktien der größten Unternehmen zu spüren bekommen. Papiere, die im vergangenen Jahr gewaltige Zuwächse verbuchten, etwa die Anlegerlieblinge Google, Monsanto und First Solar, litten darunter, dass Anleger Gewinne mitnahmen, solange das noch möglich war.

          Zu viele Verkäufer treffen auf zu wenige Käufer

          „Im Moment gibt es am Markt durchweg mehr Verkäufer als Käufer“, sagt Bob Bacarella, Portfoliomanager des Monetta Fund.
          Seit Jahresbeginn hat der S&P-500 beinahe elf Prozent eingebüßt, während der Dow Jones Industrial Average knapp zehn Prozent an Wert verlor. Die Talfahrt der Aktien hat sich unlängst beschleunigt, Kleinanleger ziehen ihre Gelder jedoch bereits seit Monaten aus dem Markt zurück. Nach Schätzungen von TrimTabs wurden seit Mai 2006 Mittel im Volumen von 106 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds abgezogen, ein Wert, der seit 2002 nicht mehr erreicht wurde, als Anleger innerhalb der ersten neun Monate Gelder in Höhe von insgesamt 102 Milliarden Dollar aus diesen Fonds zurückzogen.

          Bei drohender Rezessionsgefahr schichten Anleger häufig in defensive Sektoren wie Verbrauchsgüter um. Sie setzen auf Unternehmen wie Coca-Cola, deren Produkte sich vermutlich in jedem konjunkturellen Umfeld verkaufen lassen. Im bisherigen Jahresverlauf haben diese Unternehmen den Markt zwar geschlagen, doch auch sie haben unter mangelndem Interesse der Käufer zu leiden und an Marktwert verloren. „Die meisten Investoren sitzen am Rand des Spielfelds und beobachten das Geschehen“, sagt Bacarella. „Es trifft alle und jeden“.

          Die Angst vor dem Griff ins fallende Messer

          Fondsmanager versuchen derweil, die flatternden Nerven ihrer Anleger zu beruhigen. Matthew Kaufler, Manager des Touchstone Value Opportunities Fund, erklärt seinen Kunden, dass es nun zu spät sei, um der Korrektur zu entkommen. „Wenn die Rezession die Schlinge zuzieht, kommen Aktienverkäufe zur Unzeit“, so Kaufler. Die richtige Zeit hierfür wäre der Oktober gewesen, als die Aktienmärkte ihren Höhepunkt erreicht hatten.

          Derzeit raten nur wenige zu aggressiven Käufen. Die Angst vor dem Griff ins fallende Messer ist zu groß. Der Aktienmarkt bietet gegenwärtig zwar günstige Kaufgelegenheiten, doch nach einem weiteren Marktrückgang um zehn bis fünfzehn Prozent wären diese Gelegenheiten noch günstiger, also wartet man ab.

          Die am 22. Januar von der Fed im Gefolge weltweiter Kursstürze an den Aktienmärkten vorgenommene Notzinssenkung verstärkte die vorherrschenden Rezessionsängste. Nach Meinung von Sam Stewart, Vorsitzender des Fondsverwalters Wasatch Advisors, zeichnen die Konjunkturdaten jedoch ein gemischtes Bild. Viele Volkswirte gehen zwar von einer möglichen Abschwächung der amerikanischen Wirtschaft aus, sehen den Eintritt in eine tiefe Rezession jedoch nur als Wahrscheinlichkeit.

          Steht das Schlimmste noch bevor?

          Es stellt sich nach wie vor die Frage, in welchem Ausmaß die Probleme des Finanzsystems „auf die Realwirtschaft übergreifen“, so Stewart. Die Äußerungen der amerikanischen Notenbank am 22. Januar trugen indes kaum zur Erleichterung bei. Die Zinssenkung der Fed um 75 Basispunkte erfolgte „angesichts schwächerer Konjunkturaussichten und zunehmender Abwärtsrisiken für das Wachstum“. Beunruhigend auch die Aussage der Fed, dass „die eingehenden Daten auf eine Vertiefung der Korrektur auf dem Häusermarkt sowie auf eine gewisse Abschwächung des Arbeitsmarktes hindeuten“.

          Weitere Themen

          Von der Gewinnflut zur Profitebbe

          Regimewechsel : Von der Gewinnflut zur Profitebbe

          Die Gewinne der Unternehmen flossen in den vergangenen Jahren reichlich. Robert Almeida glaubt, dass nun eine Wende bevorsteht. Kurzfristig seien die Profite aufgeblasen worden. Jetzt müsse eine Investitionslücke geschlossen werden.

          Topmeldungen

          Die Kommunalwahlen in NRW sind für die SPD von existentieller Bedeutung: Die Partei kann sich nur stabilisieren, wenn ihnen ihre kommunale Basis nicht wegbricht.

          Verschuldete Kommunen : Werden die Altschulden zur tickenden Zeitbombe?

          Die Lösung des Altschulden-Problems hat sich die große Koalition fest vorgenommen. Gerade die von der SPD regierten Großstädte im Ruhrgebiet würden von Bundeshilfe profitieren – bisher verhält sich Nordrhein-Westfalen jedoch merkwürdig passiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.