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Finanzmärkte : Bernankes Befreiungsschlag

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Notenbankpräsident sorgte für Kursfeuerwerke an den Aktienmärkten und machte viele Anleger glücklich. Doch sein Schritt birgt auch Inflationsrisiken.

          Nachdem sich der frühere amerikanische Notenbankpräsident Alan Greenspan noch am Tag zuvor mit der Veröffentlichung seines Buchs „The Age of Turbulence - Adventures in a New World“ im Rampenlicht sonnte, zog sein Amtsnachfolger Ben Bernanke am 18. September alle Aufmerksamkeit auf sich.

          Fachleute gingen mehrheitlich davon aus, dass der als farblos geltende Wirtschaftswissenschaftler vorsichtig agieren und den Leitzins lediglich um einen Viertelprozentpunkt verringern würde. Doch Bernanke und seine Fed-Kollegen senkten den Leitzins überraschend um einen halben Prozentpunkt - von 5,25 auf 4,75 Prozent.

          Aus dem Schatten von Greenspan

          Plötzlich wurde deutlich, wer hier wirklich den Ton angibt - und zwar nicht Greenspan, trotz des Medienrummels um sein Buch. Bernanke, ehemaliger Wirtschaftsprofessor der Universität Princeton, strebt vielleicht nicht ins Scheinwerferlicht, als Präsident der weltweiten Nummer eins unter den Zentralbanken hat er jedoch enormen Einfluss auf den Kurs der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und der Welt.

          Natürlich ist Geldpolitik keine Arena für männliches Dominanzgebaren. Und natürlich wählte Bernanke diesen unerwartet großen Zinsschritt nicht, um seinem Amtsvorgänger Greenspan eins auszuwischen, sondern weil er darin die richtige Entscheidung für die Wirtschaft sah. Dieser Schritt zeigt indes, dass Bernanke nicht als zögerlicher Technokrat abgestempelt werden kann, der vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzt. Sein Mut im Umgang mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ist gewachsen.

          Licht und Schatten

          Doch war es der richtige Schritt? Gute Frage. Die Finanzmärkte waren augenscheinlich begeistert. Die Kurse schossen nach oben, da die Zinssenkung die Chancen vergrößert, eine Rezession in den Vereinigten Staaten abzuwenden und die Spendierlaune der Verbraucher aufrechtzuerhalten.

          Zu den großen Gewinnern zählten Hausbauunternehmen wie Hovnanian Enterprises (die allerdings am Mittwoch wieder um elf Prozent einbrachen), Beazer Homes und Einzelhändler Aéropostale (die am Mittwoch etwas nachgaben) sowie 99 Cents Only Store (die sich behaupten konnten). Der amerikanische Verband des Produzierenden Gewerbes kommentierte die Aktion der Fed als „entscheidenden Schritt“. Profitieren werden auch Eigenheimbesitzer mit variabel verzinslichen Hypotheken, deren Raten nach Neuaushandlung der Darlehenskonditionen dank der Zinssenkung niedriger ausfallen dürften.

          Der große Zinsschritt hat jedoch auch Schattenseiten. Einerseits vergrößert er das Inflationsrisiko. Andererseits korrigiert er nur bedingt das gegenwärtig größte Problem: die Lähmung bestimmter Kreditmärkte, die durch Sorgen um die Qualität von Kreditsicherheiten, etwa mit Eigenheimhypotheken besicherte Wertpapiere (RMBS), entstanden ist.

          Um diese Sorgen auszuräumen, bedarf es in erster Linie keiner Verringerung der kurzfristigen Zinsen, sondern einer verbesserten Offenlegung von Informationen über den realen Wert dieser Wertpapiere. Im schlimmsten Fall könnten Zinssenkungen genauso wirkungsvoll sein wie der Zug an einem einzigen Faden einer Marionette.

          Begründung: Übergreifen der Finanzkrise auf Realwirtschaft verhindern

          Dem im Sessel der Macht sitzenden Bernanke war klar, dass er es sich nicht leisten konnte, auf eine Selbstheilung der Märkte zu hoffen und zu warten. Die Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt ist zwar nur ein grobes Instrument und kein scharfes Skalpell, doch letztlich ist es das wirkungsvollste der zur Verfügung stehende Mittel. Die Zinsentscheidung auf der von Bernanke geleiteten Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed wurde einstimmig geschlossen - ein Zeichen der Stärke, wenn man bedenkt, dass einige Mitglieder des Gremiums nur wenige Tage zuvor öffentlich ihre Skepsis über die Notwendigkeit eines großen Zinsschrittes äußerten.

          Nachfolgend der entscheidende Abschnitt aus der Entscheidungsbegründung der Fed: „In der ersten Jahreshälfte verzeichnete die Wirtschaft ein moderates Wachstum, doch die Verschärfung der Kreditkonditionen könnte die Korrektur auf dem Häusermarkt verstärken und das Wirtschaftswachstum allgemein in Mitleidenschaft ziehen. Die heutige Aktion zielt darauf ab, einige der nachteiligen Auswirkungen auf die breite Wirtschaft verhindern zu helfen, die sich andernfalls infolge der Störungen auf den Finanzmärkten ergeben könnten; weiterhin soll auf ein moderates Wachstum im Zeitablauf hingewirkt werden.“

          Mit anderen Worten: Die Probleme begannen auf dem Häusermarkt und breiteten sich anschließend auf die Kreditmärkte aus. Nun muss die Fed verhindern, dass diese Probleme auch auf die allgemeine Wirtschaft übergreifen.

          Folgt nun ein Zinspause?

          Wie problematisch die Situation geworden ist, wurde kurz vor der Sitzung des Offenmarktausschusses deutlich. Ein viel beachteter Indikator zur Messung der Stimmung unter den Hausbauunternehmen, der NAHB/Wells Fargo Housing Market Index, ging um zwei Punkte auf 20 zurück, und zog damit mit dem bislang niedrigsten Wert vom Januar 1991 gleich, der seinerzeit in einer tiefen Rezession gemessen wurde.

          Erleichtert wurde die Entscheidung der Fed zudem durch eine moderate Entwicklung der amerikanischen Erzeugerpreise im August. Die am 18. September veröffentlichten Zahlen zeigten einen deutlicheren Rückgang gegenüber dem Vormonat, als im Vorfeld erwartet. Ist die Inflation unter Kontrolle, erweitert das den Spielraum der Fed für Zinssenkungen.

          John Silvia, Chefvolkswirt von Wachovia Economics, rechnet damit, dass die Fed angesichts des großen Zinsschrittes vorerst eine Pause einlegen könnte. „In ihren Prognosen gehen sie wahrscheinlich von einem niedrigeren Wirtschaftswachstum aus als ich, und ich nehme an, dass sie genügend Kreditsorgen sahen, um sich mit diesem Befreiungsschlag etwas Luft zu verschaffen“, so John Silvia. Ob sich die Fed eine Zinspause leisten kann, wird von der Wirksamkeit dieser Zinssenkung abhängen, die sich erst nach und nach zeigen wird.

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