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Finanzmärkte : Anleger machen gewagte Konjunkturwetten

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Bild: FAZ.NET

An der Börse wird die Zukunft gehandelt: Obwohl die meisten der in den vergangenen Tagen veröffentlichten Konjunktur- und Unternehmensdaten auf eine tiefe Rezession hinweisen, laufen die europäischen Aktienmärkte im Wochentrend nach oben.

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          An der Börse wird die Zukunft gehandelt, heißt es. Das zeigte sich auch in dieser Woche. Obwohl die meisten der in den vergangenen Tagen veröffentlichten Konjunktur- und Unternehmensdaten auf eine tiefe, andauernde Rezession hinwiesen, schüttelten zumindest die europäischen Aktienmärkte mit wenigen Ausnahmen anfängliche Schwächen zu Wochenbeginn ab und liefen im Trend nach oben. Der Dax liegt am Freitag neun Prozent über dem Wochentief, das er am Montagvormittag noch markiert hatte.

          Besonders gut gelaufen sind die zyklischen Werte. Der Aktienkurs von Salzgitter legte im Wochenverlauf 20 Prozent zu, die Papiere von K+S und Thyssen-Krupp gewannen mehr als 16 Prozent an Wert, selbst der Aktienkurs des angeschlagenen Technologieunternehmens Infineon stieg um 14 Prozent, während die Papiere der Lufthansa 13 Prozent im Wert zulegten. Konsum- und Finanzwerte entwickelten sich unterdurchschnittlich.

          Zyklische- und Rohstoffwerte zeigen Kursdynamik nach oben

          Im europäischen Rahmen zeigten die Rohstoff- und einzelne Finanzwerte besondere Kursdynamik nach oben. Der Aktienkurs des britisch-schweizerischen Unternehmens Xstrata legte 40 Prozent zu, die Titel von Kazakhmys 30 Prozent und die Anteilscheine von Rio Tinto 28 Prozent. Insgesamt scheinen die Anleger einmal mehr darauf zu wetten, dass die erheblichen geld- und fiskalpolitischen Anreize der Notenbanken und der Regierungen zu einer raschen wirtschaftlichen Erholung führen werden.

          Tatsächlich berichteten verschiedene Automobilunternehmen in den vergangenen Tagen über positive Effekte der im Rahmen eines Konjunkturpakets mit 50 Milliarden Euro beschlossenen Abwrackprämie in Deutschland. Vor allem die Nachfrage nach Kleinwagen habe deutlich zugenommen. „Es ist der totale Wahnsinn, was hier los ist. Die Leute sind wie angestochen. Das kenne ich nur von Erzählungen aus der Zeit nach dem Mauerfall. Da kamen sie auch in Massen aus Ostdeutschland, weil sie ihre Trabis satthatten und neue Autos wollten“, sagte der Chef eines Autohauses vor wenigen Tagen dieser Zeitung.

          Nicht nur der Kauf von Autos wird gefördert, dazu kommen auch Steuerentlastungen und erhebliche Investitionen im Infrastrukturbereich sowohl in Deutschland als auch in anderen Staaten: China und die Vereinigten Staaten allein wollen rund 500 beziehungsweise 700 Milliarden Euro ausgeben, um ihre Konjunktur anzukurbeln.

          Sollten diese Programme tatsächlich zeitnah umgesetzt werden, würde auf diese Weise der wirtschaftliche Kreislauf zumindest vorübergehend wieder in Gang kommen, der in den vergangenen Monaten förmlich zusammengebrochen war.

          Wer Autos und Brücken bauen oder Schulen renovieren will, braucht Energie, Arbeitskräfte und das notwendige Material. Das heißt, die Nachfrage nach primären Rohstoffen oder weiterverarbeiteten Produkten wie Stahl und Aluminium werde wieder anziehen. Unternehmen, die in den vergangenen Monaten ihre Kapazitäten reduziert hatten, würden wieder stärker ausgelastet werden. Sie könnten auf reduzierter Kostenbasis ihre Gewinne unter Umständen rasch und deutlich steigern und den Markt möglicherweise sogar positiv überraschen. Genau das scheinen die Anleger im Moment im Sinn zu haben, wenn sie Aktien kaufen.

          Wetten sind gewagt: Geringe Umsätze und fragile Wirtschaftsentwicklung

          Allerdings sind solche Wetten noch gewagt. Denn erstens sind die Handelsumsätze an den Börsen vergleichsweise gering, das heißt, die Kursgewinne können rasch wieder dahinschmelzen. Zweitens sind die Konjunkturzahlen so schwach, dass nicht sicher ist, ob kreditfinanzierte Ausgabenprogramme wirklich dauerhaft helfen können. Nach jüngsten Zahlen vom Freitag ist die Industrieproduktion in Deutschland allein im Dezember im Jahresvergleich um zwölf Prozent geschrumpft. Im restlichen Europa, in Asien und auch in den Vereinigten Staaten sieht die wirtschaftliche Lage ähnlich kritisch aus. Dort liegt die Arbeitslosenrate auf dem höchsten Stand seit sechzehn Jahren.

          Drittens ist offen, wie die Unternehmen auf die kurzfristigen Impulse der Ausgabenprogramme reagieren werden. Sie könnten dazu tendieren, in Antizipation eines „Strohfeuereffekts“ bei zunehmender Nachfrage eher die Preise zu erhöhen, statt die ersten vor wenigen Tagen oder Wochen stillgelegten Kapazitäten zu reaktivieren. Steigende Kosten für Rohstoffe und Zwischenprodukte sowie höhere Zinsen würden die fremdfinanzierten Konjunkturprogramme in diesem Fall richtig teuer werden lassen. Und das gilt sowohl für die Staaten als auch für Unternehmen wie die Lufthansa, die kurzfristig vom tiefen Ölpreis profitieren können. Erfahrene Ökonomen rechnen allenfalls mit einer wirtschaftlichen Zwischenerholung von tiefer Basis. Clevere Anleger wissen, wie sie das zu nehmen haben. Sie kaufen selektiv und sichern sich gleichzeitig geschickt gegen Kursrückschläge ab.

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