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Finanzkrise : Wo ist unser ganzes Geld geblieben?

Da erschrickt sogar das Abbild George Washingtons: Die Krise hat viel Geld vernichtet - doch wo ist es geblieben? Bild: dpa

Ein Jahr nach der Pleite von Lehman vermessen die Ökonomen die Schäden. Viele Billionen Euro hat die Finanzkrise laut diverser Studien vernichtet. Doch stimmt das wirklich? Ist dieses Geld jetzt wirklich weg?

          5 Min.

          In der Krise haben die Menschen ein neues Verhältnis zu Zahlen bekommen: Eine einzelne Milliarde ist plötzlich gar nichts mehr wert, angesichts von Multi-Milliarden-Bankenpleiten und Rettungspaketen. Ein Jahr nach der Pleite von Lehman vermessen die Ökonomen nun die Schäden. Und wie so oft gehen ihre Angaben weit auseinander: Mal ist von zehn Billionen Dollar die Rede, die dadurch verloren sind, dann wieder von 50, wie die Asiatische Entwicklungsbank sagt. 50 Billionen Dollar, das ist eine Zahl mit dreizehn Nullen: 50.000 Milliarden Dollar wurden angeblich vernichtet. Ohne Krieg oder Naturkatastrophe, einfach so.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was also ist passiert? Niemand hat beobachtet, wie säckeweise Dollar- oder Euronoten verbrannt worden wären. Wo also steckt das Geld? Taucht es irgendwann wieder auf? Und falls ja, wer hat es in der Zwischenzeit gehortet?

          Viel von dem, was angeblich vernichtet wurde, hat nie existiert, das heißt: Es stand nur auf dem Papier. Entweicht die Phantasie aus den Börsen, sinken die Kurse, der Anleger verliert, was er nie tatsächlich besessen hat - seine Gewinne waren nur Buchgewinne. "Es wurde aber auch echter Wert vernichtet", sagt der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof, ein Experte im Aufstöbern von Verlusten der Finanzkrise. Und Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bestätigt: "Es ist kein Nullsummenspiel."

          Amerikas Häuser

          Die Suche muss dort beginnen, wo das Debakel seinen Anfang nahm: in Amerika, bei den Häusern, die Menschen erworben haben, die es sich eigentlich nicht leisten konnten. Das war politisch gewollt. Das Volk war mit billigen, im Zweifel zinslosen Krediten zu versorgen. Jetzt ist der Immobilienmarkt zerstört, die Häuser verrotten: Wie mit bloßem Auge zu sehen ist, wurde hier Wert vernichtet. Hat ein Amerikaner für 200 000 Dollar ein Haus gekauft, das im Immobilienhype zwischenzeitlich auf den doppelten Wiederkaufswert stieg, konnte er sich zwar freuen. Eine echte Wertsteigerung wäre es aber nur gewesen, hätte er das Haus wirklich verkauft. Ansonsten war das Geld nie wirklich da. Reich gefühlt haben sich die amerikanischen Hausbesitzer trotzdem. "Viele haben dadurch die Kontrolle über ihre Finanzen verloren", sagt Julia Hoch, Wirtschaftspsychologin aus Dresden. "Sie haben mehr Geld ausgegeben, als sie sich leisten konnten, und sich verschuldet." Die zusätzlichen Ausgaben wurden oft über die Beleihung der Häuser finanziert - dieses Geld ist weg. Es steckt in dicken Autos und anderen kurzlebigen Konsumgütern.

          Wer sein Haus gekauft hat, als der Preis am höchsten war, und jetzt verkaufen muss, hat ebenfalls viel Geld verloren - nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich. Profitiert haben die Vorbesitzer und Immobilienmakler. Obendrein gehören die jüngst gekauften Häuser meist der Bank, die die Hypothek dafür gegeben hat. "Viele ehemalige Hausbesitzer sitzen jetzt auf der Straße", sagt Wolfgang Pflüger, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Das Problem der Banken aber ist: Die Häuser sind als Pfand kaum noch etwas wert. Insgesamt 4,7 Millionen Häuser und Eigentumswohnungen stehen in Amerika leer. Und wo keine Nachfrage ist, ist kein realer Wert.

          Börsen

          Als die Finanzkrise an Fahrt aufnahm, kamen auch die Börsenkurse ins Rutschen - vor allem seit Januar 2008. Der Dax fiel von 8000 Punkten bis auf 3600 Punkte im März dieses Jahres, auf weniger als die Hälfte. Doch das sind keine realen Verluste, sondern auch nur Buchverluste - solange die Besitzer ihre Aktien nicht verkauft haben. Hat jemand vor zwei Jahren zu 100 Euro gekauft und verkauft jetzt zu 40 Euro, hat er natürlich 60 Euro echten Verlust gemacht. Das Geld hat dann im Prinzip der Vorbesitzer, der genau diese Aktien vor zwei Jahren für 100 Euro verkauft hat. Es kann sogar sein, dass der echte Wert der Aktie zu beiden Zeitpunkten gleich hoch war. Weil sich der Wert unter anderem errechnet aus den Gebäuden, Maschinen und Patenten des Unternehmens. Nur war beim Kauf der Papiere der Aufschlag, den die Börse für eine gute Zukunftsperspektive der Firma angesetzt hat, größer als beim Verkauf.

          Banken

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