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Finanzkrise : „Mit herkömmlichen Methoden nicht zu lösen“

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Professor Fredmund Malik Bild: Privat

Für den Unternehmensberater und Autor Fredmund Malik ist die gegenwärtige Krise nur ein oberflächliches Symptom der größten Systemtransformation der Geschichte: von einer Geld- zu einer Wissensgesellschaft. Ein Interview.

          6 Min.

          Die aktuelle wirtschafts- und Finanzkrise lässt sich nicht mit den bisher gewohnten Methoden lösen, erklärt Professor Fredmund Malik, Verwaltungsratspräsident des Management Zentrums St. Gallen. Nach Ansicht des Hochschullehrers, Unternehmensberaters und Autors vieler Publikationen ist die Krise nur ein oberflächliches Symptom für die größte Systemtransformation der Geschichte. Hin von einer Geld- zu einer Wissensgesellschaft.

          Um die Krise wirklich zu bewältigen, müssen neue Regulierungssysteme entstehen, die komplexitätsgerecht sind und die sich nicht an den kurzfristigen Interessen von Schein-Investoren orientieren. Unter anderem müsse man auch lernen, dass die Welt nicht von Geld regiert werde, wie viele weismachen wollten, sondern weit mehr von elementarer Menschlichkeit, erklärt er weiter.

          Die Wirtschafts- und Finanzkrise liegt in aller Munde. Wie würden Sie die aktuelle Lage beschreiben?

          Eine Alte Welt geht zugrunde, weil eine Neue Welt entstehen will - bildhaft vergleichbar mit einer Raupe, die stirbt, weil der Schmetterling ans Licht kommt. Was Finanzkrise genannt wird, ist nur ein oberflächliches Symptom. Weltweit gehen Wirtschaft und Gesellschaft durch die größte Transformation der Geschichte, nämlich hin zu einer Gesellschaft, deren wichtigstes Merkmal ihre extreme Komplexität ist. Deshalb nenne ich sie Komplexiätsgesellschaft.

          Deren Kapital ist nicht Geld, sondern Wissen. Hier steuert nicht Macht, sondern Information. Die herkömmlichen Organisationen funktionieren nicht unter Komplexitätsbedingungen, denn ihre Entstehung reicht tief in das vorige Jahrhundert, wo völlig andere Bedingungen herrschten. Kein Wunder, herrschen heute Orientierungs- und Ratlosigkeit. Sie führen zu Hilflosigkeit und vielfach blindem Aktionismus. Die meisten sehen im Neuen nur das Alte. Die vertrauten Reflexe sind plötzlich radikal falsch. Wie bei Autofahrern - quasi über Nacht müssen sie links statt rechts fahren.

          Wie konnte es soweit kommen?

          Die Globalisierung hat einen beschleunigenden Prozess der exponentiellen Komplexifizierung ausgelöst. Die neuen Realitäten sind hyperkomplexe, ultradynamische, vernetzte Systemkonfigurationen. Herkömmliche Denkweisen und Methoden sind gänzlich untauglich um solche Systeme zu verstehen und zu managen. Man kann sie nicht berechnen, wie zum Beispiel der Kollaps des Risikomanagements in den Banken beweist.

          Mit den längst überholten Theorien und Methoden heutiger Ökonomie konnte man das Desaster daher auch nicht kommen sehen. Die systemisch-kybernetischen Instrumenten hingegen, die ich in meiner Organisation entwickelt habe, haben den Krisen-Tsunami früh entdeckt und seinen Verlauf unmissverständlich vorausgezeigt. Seit Jahren publiziere ich das regelmäßig. Meine Mitarbeiter wenden diese Instrumente bei unseren Klienten an. Und unsere Klienten haben kein Geld verloren.

          Symptome für den sich aufbauenden Sturm waren unter anderem die Häufung falscher Unternehmens-Strategien, wie schon früh der Daimler-Chrysler-Merger, von dem ich den damaligen Vorständen entschieden abriet. Auch die meisten Bankenstrategien gehören dazu, weil diese die wahre Komplexität der Börsen ignorierten. Hier trägt das herkömmliche Consulting eine immense Verantwortung. die wird noch gar nicht thematisiert.
          Eine der Hauptursachen des Debakels ist die total fehlgeleitete amerikanisierte Corporate Governance mit ihrer desaströsen Shareholder Value Doktrin, die noch immer vorherrscht. Sie muss radikal und ersatzlos eliminiert werden, denn diese programmierte die systematische und unvermeidbare Fehlsteuerung entscheidender Teile der Wirtschaft.

          Der Markt/Kapitalismus ist schuld, heißt es vielfach. Ist das so - oder konnte er einfach seine Kräfte aufgrund falscher Anreizstrukturen, fehlender Transparenz et cetera nicht symmetrisch entfalten?

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