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Finanzkrise : Hedge-Fonds fühlen sich als Sündenböcke

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Vorwurf, Hedge-Fonds hätten mit Leerverkäufen die Finanzkrise geschürt, ist zweifelhaft. Im Gegenteil: in der Branche wird befürchtet, dass viele Hedge-Fonds die Turbulenzen an den Märkten nicht überstehen werden.

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          Den meisten Hedge-Fonds geht es an den Finanzmärkten derzeit ziemlich schlecht. Die Vorstellung, Hedge-Fonds würden derzeit mit Leerverkäufen die Aktienkurse der Banken in die Knie zwingen und auf Kosten der Aktionäre massive Gewinne einstreichen, ist ein Trugschluss. Im Gegenteil: in der Branche wird befürchtet, dass zahlreiche Hedge-Fonds die Turbulenzen an den Märkten nicht überstehen werden und viele der verbliebenen Hedge-Fonds möglicherweise Jahre brauchen, um ihre Gewinnsituation wieder aufzubessern.

          Die derzeit extremen Schwankungen an den Aktien- und Kreditmärkten erschweren es den Hedge-Fonds, ihre Strategien gewinnbringend umzusetzen. Eigentlich versprechen sie, sich so gut abzusichern, dass sie auch in Krisenzeiten so gut wie keine Verluste machen. „Die Marktbewegungen sind am Tag so extrem, dass wir ununterbrochen neue Absicherungspositionen eingehen müssen“, stöhnt der Direktor eines Hedge-Fonds in der Londoner City, der die Volatilität am Markt auszunutzen sucht. Diese hohen Absicherungskosten schmälerten seine Rendite.

          Kalt erwischt

          Das Verbot der Leerverkäufe, das von den Aufsichtsbehörden unterschiedlicher Finanzplätze erlassen wurde, hat einige Hedge-Fonds, die sich auf Leerverkäufe spezialisieren, kalt erwischt und ihnen am vergangenen Freitag erhebliche Verluste eingebrockt. Zudem kämpfen einige Fonds darum, im Konkursverfahren ihre als Sicherheit bei dem Prime-Broker Lehman Brothers hinterlegten Wertpapiere zurückzuerhalten.

          Aber auch ohne diese bösen Überraschungen sieht die Rendite der Hedge-Fonds traurig aus: Während die Fonds im vergangenen Jahr nach dem MSCI Hedge Fund Composite Index eine Rendite von 9,7 Prozent einstrichen, ist es in diesem Jahr bis einschließlich August ein Verlust von 5,5 Prozent. Der enger gefasste MSCI Hedge Invest Index hat sogar gut 10 Prozent verloren. Fonds, die auf eine bestimmte Richtung des Marktes setzten, konnten ihr Kapital gerade halten, während sie 2007 noch einen Gewinn von 8,8 Prozent verbuchten. Fonds, die mit der gezielten Auswahl von Aktien nach Angaben des Security Selection Index 2007 noch ein Plus von 12 Prozent erzielten, machten seit Anfang des Jahres einen Verlust von 9,1 Prozent.

          In Deutschland wies der Deutsche Hedge-Fonds-Index im August einen Jahresverlust von 3,98 Prozent aus. Die Dachfonds lagen mit einem Verlust von 2,35 Prozent nicht viel besser. Die Turbulenzen im September dürften all diese Ergebnisse noch weiter verschlechtern.

          Verbot von Leerkäufen bringt nur kurzfristig Ruhe

          Bei 90 Prozent der Hedge-Fonds bedeuten die Verluste, dass die Fonds auf die magere Management-Gebühr angewiesen sind, die knapp die laufenden Kosten der Fonds deckt. Die saftigen Gewinne der Fonds fallen nämlich nur an, wenn die Fonds eine Mindestrendite erwirtschaftet haben. Nach einer Umfrage von Eurekahedge sind fast alle Fonds „unter Wasser“, haben also ihre Mindestrendite nicht erreicht, um die Ertragsgebühr einzustreichen, die in der Regel 20 Prozent des Fonds-Gewinns ausmacht. Diese brenzlige Situation betrifft nahezu alle Fonds, egal welche Handelsstrategie sie verfolgen.

          Die Branche wehrt sich unterdessen dagegen, als Sündenbock für Versäumnisse an den Finanzmärkten herhalten zu müssen. „Das Verbot der Leerverkäufe mag kurzfristig Ruhe bringen“, sagt der Verband der Hedge-Fonds, die Londoner AIMA. „Dies allein wird aber nicht helfen, das Vertrauen in das Bankensystem zurückzubringen.“ Ein Blick auf die Statistiken von Dataexplorers zeigt, dass die Leerverkäufe von Finanzaktien zuletzt niedriger waren als oft angenommen. Mitte vergangener Woche, also kurz vor dem Verbot der Leerverkäufe, machten diese Geschäfte bei Goldman Sachs 3,1 Prozent der Marktkapitalisierung aus, bei Morgan Stanley 3,4 Prozent, bei HBOS 3 Prozent (siehe Grafik), bei Barclays 5,2 Prozent und bei der Deutschen Bank zum Beispiel 0,35 Prozent. Diese niedrigen Prozentsätze haben kaum eine Wirkung auf den Aktienkurs.

          Es lässt sich anhand der Marktdaten daher nur schwer nachweisen, dass die Aktienkurse der Banken durch Leerverkäufe in die Knie gezwungen wurden. Im Hochsommer lag der Anteil der Leerverkäufe bei HBOS mit 10,5 Prozent der Marktkapitalisierung viel höher. Auch bei anderen Finanztiteln waren die Hedge-Fonds zuvor aktiver. Die Leerverkäufe bei Freddie Mac und Fannie Mae erreichte mitunter gar 40 Prozent der Marktkapitalisierung.

          An sich völlig legitime Handelsstrategie

          Viele Bankaktien waren im Spätsommer bereits so drastisch gesunken, dass Hedge-Fonds ihre Gewinne realisierten, bevor die Aufsichtsbehörden mit ihrem Verbot reagierten. In der Londoner City heißt es, dass die meisten Hedge-Fonds das Verbot von Leerverkäufen daher relativ glimpflich überstanden hätten.

          Einigen Hedge-Fonds hat diese Krise freilich spektakuläre Gewinne beschert. So setzte David Einhorn mit einem Greenlight Fund schon im vergangenen Jahr auf den Untergang von Lehman Brothers, und Philip Falcone von Harbinger Capital nutzte mit Leerverkäufen die Schwäche von HBOS aus.

          Ärger um die Leerverkäufe entstand, weil offenbar einige wenige Hedge-Fonds den Bogen überspannten, negative Gerüchte streuten und von der Unruhe am Markt mit Leerverkäufen profitierten. „Wir haben die Leerverkäufe vorläufig verboten, weil wir in der derzeit kritischen Situation an den Märkten dem Missbrauch vorbeugen müssen“, heißt es daher bei der Londoner Finanzaufsicht FSA. „Leerverkäufe an sich sind eine völlig legitime Handelsstrategie.“

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