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Finanzdynastien (4): JP Morgan : Im traditionsreichen Haus der Morgans wohnen neue Herren

JP Morgan sr. rettete 1907 das Land vor einer Wirtschaftskrise, die er mit verursacht hatte Bild: AP

Von der amerikanischen Bankiersdynastie Morgan steht seit fast siebzig Jahren niemand mehr an der Spitze von J. P. Morgan. Aber die Nachfolger bewahren die Tradition.

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          Der Name Morgan hat an der Wall Street einen ganz besonderen Klang. Immerhin trägt die, gemessen am Börsenwert, größte amerikanische Bank, die J. P. Morgan Chase, diesen Namen. Und die Nummer zwei unter den New Yorker Investmentbanken heißt Morgan Stanley. Bis Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in Großbritannien zudem die Investmentbank Morgan Grenfell. All diese Institute haben die gleichen Wurzeln, sind Relikte einer grandiosen Dynastie amerikanischer Bankiers.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der berühmteste von ihnen war John Pierpont Morgan, der vor hundert Jahren mächtigste Finanzier der Vereinigten Staaten. Aber schon seit 1943, als dessen Sohn John Pierpont „Jack“ Morgan Jr. starb, steht kein Morgan mehr an der Spitze dieser Banken. Geblieben sind nur die Namen der Institute, und auch diese sind zum Teil schon Geschichte.

          Geblieben ist nur der Schreibtisch

          Als die Deutsche Bank Ende der achtziger Jahre Morgan Grenfell kaufte, wurde die neue Tochtergesellschaft erst in Deutsche Morgan Grenfell umgetauft. Nachdem die Deutsche Bank sich dann selber einen Namen als Investmentbank gemacht hatte, war das Renommee des Namens Morgan nicht mehr nötig. Er wurde gestrichen.

          JP Morgan Jr gab sich volkstümlich, konnte aber auch schon mal Reporter prügeln
          JP Morgan Jr gab sich volkstümlich, konnte aber auch schon mal Reporter prügeln : Bild: AP

          Heute steht auf der Chefetage von J. P. Morgan nur noch der Mahagoni-Schreibtisch von Pierpont Morgan, wie der Bankier meist genannt wurde. Seine Nachkommen haben schon seit den achtziger Jahren keine starken Verbindungen mehr zu J. P. Morgan oder Morgan Stanley.

          „Schon seit Jahren ist niemand mehr aus der Familie wirklich an der Bank beteiligt“, sagte John A. Morgan, ein Großenkel von Pierpont senior, vor acht Jahren dem „Wall Street Journal“. Deswegen gab es in der Familie auch keine emotionalen Reaktionen, als J. P. Morgan im Jahr 2000 für 36 Milliarden Dollar an die Großbank Chase Manhattan verkauft wurde.

          Von der Großbank zum kleinen Investmenthaus

          Nicht, dass die Morgans keine Finanziers mehr hervorbringen. Der Großenkel ist selbst Investmentbanker. Aber er arbeitet nicht für J. P. Morgan oder Morgan Stanley, sondern gründete ein eigenes kleines Investmenthaus in New York, das unter dem Namen Morgan Joseph firmiert. Denn auch dieser Gründergeist hat Tradition in der Familie.

          Die Vorläufer der Bank reichen bis ins Jahr 1838. Damals wurde die George Peabody & Company aus der Taufe gehoben. Der Vater von Pierpont Morgan, Junius Spencer Morgan, war dort einer der Partner. Filius Pierpont begann seine Karriere mit 19 in der Londoner Filiale, nachdem ihn sein Vater unter anderem sechs Monate an die Universität Göttingen geschickt hatte, um Deutsch zu lernen. Pierpont Morgan gründete dann 1871 mit dem aus Philadelphia stammenden Banker Anthony Drexel die Bank Drexel, Morgan & Co. Nach dessen Tod wurde das Haus 1895 schließlich zur J. P. Morgan & Company.

          „Morganisieren“ - Vorläufer des Finanzinvestorentums

          Pierpont Morgan war zu diesem Zeitpunkt schon ein einflussreicher Bankier geworden. Er hatte nach dem Bürgerkrieg Wachstumschancen bei Eisenbahnen gewittert. Er sammelte Geld bei ausländischen Investoren ein, war aber nicht nur Finanzier, sondern sorgte auch für die Umstrukturierung und Konsolidierung von angeschlagenen Gesellschaften.

          Seine Art, in Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu übernehmen und neu auszurichten, wurde damals als „Morganisierung“ bezeichnet. Morgan war für einige der größten Fusionen verantwortlich, die damals die amerikanische Wirtschaft prägten. So arrangierte er 1892 den Zusammenschluss zweier Unternehmen zum Glühbirnenhersteller General Electric, der als Mischkonzern bis heute besteht. Diese Beziehungen nutzte Morgan auch privat. Sein Haus an der Madison Avenue war das erste elektrisch beleuchtete Privathaus in New York.

          Sein größter Coup aber war die Schaffung des größten amerikanischen Stahlkonzerns. Morgan kaufte 1901 dem Stahlmagnaten Andrew Carnegie sein Unternehmen ab, um es mit anderen Gesellschaften zur United States Steel Corporation zusammenzuführen.

          Fast eine Zentralbank

          Morgan war damals so mächtig, wie es heute nur der Vorsitzende der Notenbank Federal Reserve ist, die erst 1913 gegründet wurde. „Das frühe Haus Morgan war eine Art Mischung zwischen einer Zentralbank und einer Privatbank“, schreibt Ron Chernow in seiner Biographie der Bankiersdynastie „The House of Morgan“.

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