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FAZ.NET-Spezial : Biosprit: Enttäuschte Börsenhoffnung

  • Aktualisiert am

Raps im Tank: Ende einer Erfolgsgeschichte? Bild: dpa

Der Dax macht sich auf zu einem neuen Allzeithoch. Alle Aktien steigen. Alle Aktien? Nein, die Kurse der Biosprit-Titel sind seit Monaten im Sinkflug. Das hat gute Gründe - und zeigt nebenbei den Umgang der Börse mit Trendthemen.

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          Die Aktie von Verbio hat seit ihrem Hoch im Oktober 2006 54 Prozent an Wert verloren. Bei Petrotec beträgt das Minus seit November 2006 60 Prozent, bei EOP Biodiesel seit April 2006 65 Prozent, bei Biopetrol gar 80 Prozent. Die BDI-Biodiesel-Titel gaben seit ihrem Hoch im September 15 Prozent nach, die von BKN Biokraftstoff Nord seit Februar 2007 19 Prozent.

          Kurz: Mit Biosprit-Aktien ließ sich in den vergangenen Monaten in Deutschland kein Geld verdienen. In Amerika ist es übrigens ähnlich. Dort ist Äthanol, nicht Biodiesel, das beherrschende Thema. Aventine Renewable Energy und VeraSun kamen vor knapp einem Jahr an die Börse. Der Kurs beider Aktien hat sich seither etwa halbiert (siehe: Vorsicht vor großen Namen auf dem Wühltisch!) und auch der Kurs der Südzucker-Tochter Cropenergies ging seit Februar um elf Prozent zurück.

          Zu viel Kapazität...

          In Amerika sehen Analysten die stark steigenden Produktionskapazitäten skeptisch. In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter: Die Kapazität übersteigt die Nachfrage. Der Biodiesel-Sektor ist ein schönes Beispiel dafür, wie der Gesetzgeber eine Branche nach oben katapultieren und dann wieder ausbremsen kann.

          Bild: FAZ.NET

          Bis August vergangenen Jahres war Biodiesel steuerfrei - die Abhängigkeit von Mineralölimporten und der Kohlendioxidausstoß sollten sinken, außerdem durfte sich die Landwirtschaft über neue Absatzmärkte freuen. Der Anreiz hat funktioniert: Deutschland hat in kurzer Zeit eine Produktionskapazität für jährlich 4,8 Millionen Tonnen Biodiesel aufgebaut. „Damit ist Deutschland europa- und weltweit Spitzenreiter“, schreibt der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) stolz.

          ... für die garantierte Nachfrage

          Seit August aber wird Biodiesel mit neun Cent je Liter besteuert, was dem Treibstoff seinen wohl wichtigsten Vorteil gegenüber herkömmlichem Diesel nimmt. Der Steuersatz für reines Biodiesel steigt zudem ab 2008 um jährlich sechs Cent - unabhängig von den Entwicklungen am Mineralölmarkt.

          Im Gegenzug müssen die Lieferanten seit Jahresbeginn ihrem Treibstoff 4,4 Prozent Biodiesel beimischen. „Jedoch garantiert diese Quote lediglich einen Biodieselabsatz von 1,5 Millionen Tonnen“, empört sich der VDB. „Das entspricht nicht einmal einem Drittel der bereits heute vorhandenen, unter den bis 2006 geltenden Rahmenbedingungen aufgebauten Kapazitäten.“

          Spediteure tanken wieder normales Diesel

          Die Spediteure haben auf die Besteuerung längst reagiert - und tanken kaum noch Biodiesel. Die meisten Transportunternehmen haben einer Studie des Bundesamtes für Güterverkehr zufolge wieder auf normales Diesel umgestellt, berichtete die „Bild“-Zeitung am Wochenende.

          Wenn die Steuer im kommenden Jahr wie geplant von 9 auf 15 Cent pro Liter angehoben wird, werde „der Absatzmarkt für den Reinkraftstoff Biodiesel vollständig einbrechen“, heißt es in der Studie.

          Erste Hersteller geben auf

          Für die deutschen Hersteller könnte es noch schlimmer kommen: Seit Anfang 2007 hätten amerikanische Hersteller mehr als 200.000 Tonnen Biodiesel über die europäischen Häfen auf den deutschen Markt gebracht, schreibt der VDB. „Die amerikanischen Biodieselhersteller nutzen Subventionen aus und verhindern mit ihren 'Kampfpreisen' den wettbewerbsfähigen Verkauf von heimisch hergestelltem Biodiesel“, klagt der Verband.

          Die amerikanische Ware werde mit einem Preisabstand von bis zu 30 Cent pro Liter gegenüber fossilem Dieselkraftstoff verkauft. Deutsche Biodieselhersteller schafften es seit Einführung des Energiesteuergesetzes kaum, einen Preisabstand von 10 Cent pro Liter an den Zapfsäulen zu halten. Die Campa-Biodiesel GmbH & Co. KG aus Ochsenfurt sei schon gezwungen, die Biodieselproduktion einzustellen.

          Dem steilen Anstieg folgt der Fall

          Zumindest kurzfristig sollten Anleger also von ihren Biosprit-Aktien nicht zu viel erwarten. Langfristig bleibt die Branche freilich interessant - schließlich müssen die knappen fossilen Treibstoffe nach und nach ersetzt werden. Fraglich ist zwar, ob die bislang verwendete Technik sinnvoll ist, denn Flächen- und Energieeinsatz sind häufig nicht mit dem Ziel einer nachhaltigen Energieerzeugung zu vereinbaren. Doch die Branche ist innovativ und forscht eifrig an besseren Alternativen.

          Das Beispiel Biodiesel zeigt nicht nur, wie die Politik mit ihren Anreizen den Markt beeinflusst. Es zeigt auch den Umgang der Börse mit Trendthemen. Dem steilen Anstieg folgt der Fall. Kurzfristig werden Trendaktien unglaublich hohe Bewertungen zugestanden. Grund sind übertriebene Gewinnerwartungen. Wenn die Ernüchterung kommt, müssen die Kurse entsprechend wieder fallen. Anleger machen immer wieder die Erfahrung, dass es sich an der Börse meist nicht auszahlt, spät auf einen Trend zu setzen (siehe auch: Trends dauern an der Börse selten lange).

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