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Expertengespräch : Ostasien: Erst am Anfang der Outperformance

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Henry Chan sieht Ostasien auf dem Weg zu einem neuen Zentrum der Weltwirtschaft Bild: Barings Asset Management

Chinas Wirtschaft wächst und wächst. Doch die Stimmen mehren sich, dass die Ungleichgewichte den Erfolg gefährden. Henry Chan, Leiter des Bereichs Asiatische Aktienmärkte bei Baring Asset Management, sieht die Region dagegen erst am Anfang einer überdurchschnittlichen Entwicklung.

          Angesichts der starken wirtschaftlichen Entwicklung der meisten Länder des asiatischen Raumes sind diese in den Depots der meisten Anleger doch noch deutlich unterrepräsentiert. Rund 110 Milliarden Euro haben Anleger laut der Absatzstatistik des Fonds-Verbandes BVI in europäischen Aktienfonds investiert. Im Fernen Osten ist es gerade einmal ein Zehntel dieser Summe.

          Henry Chan, Leiter des Bereichs Asiatische Aktienmärkte bei der Kapitalanlagegesellschaft Baring Asset Management sind zwei Gruppen von Anlegern, die in der Region nicht investieren. Die einen investierten nicht, obwohl sie an die Wachstumsgeschichte glauben, die anderen weil sie eben daran nicht glauben.

          Andere Verhältnisse als vor der Asienkrise

          Die zweite Gruppe verweise dann zumeist auf frühere Zeiten, nicht zuletzt auf die Jahre vor der Asienkrise, als die Euphorie für die südasiatischen „Tiger-Staaten“ ähnlich groß war wie die Begeisterung für den neuen chinesischen Giganten heute. Doch dem Rausch folgte der Katzenjammer, auf den nicht wenige auch heute wieder warten.

          Chan macht sich diese Perspektive nicht zu eigen. Er verweist darauf, dass die Verhältnisse völlig anders sein als vor zehn Jahren. Asien sei heute ein völlig anderer Ort. Die Leistungsbilanzen wiesen Überschüsse aus, die Währungen seien eher unter- als überbewertet und die Region habe sich mittlerweile vom Kreditnehmer zu einem der größten Kreditgeber der Welt gewandelt. Auch die Bilanzen der Unternehmen seien anders als vor der Asienkrise nicht mehr stark durch Fremdkapital gehebelt, sondern solide und stark.

          Entwicklung in China solider als früher

          Wer heute über Ostasien spricht, spricht vor allem über China. Und gerade hier setzen viele Kritiker an. Die vergeblich scheinenden Bemühungen der Führung, das rasche Wachstum zu dämpfen, die angesichts der hohen Investitionsquote zu befürchtenden Überkapazitäten und die hohen Inflationsraten der jüngsten Zeit scheinen die Vermutung zu bestätigen, dass der chinesische Boom kurz vor dem Ende steht, ja die Regierung gar die Kontrolle über die wirtschaftliche Entwicklung verloren hat.

          Diese Ansicht teilt Chan nicht. Zum einen sei die Wachstumsrate zurückgegangen. Zum anderen seien die Wachstumsraten der vergangenen Jahre anders als in den achtziger und neunziger Jahren durchzuhalten, lägen sie doch viel niedriger seien und bewegten sich in einer sehr viel engeren Bandbreite als früher.

          Die Preisentwicklung sei vor allem höheren Lebensmittelpreisen geschuldet und diese könnten nicht auf Dauer im selben Maße weiter stiegen. Ein Preisschub von 50 Prozent wie bei Schweinefleisch ist für ihn eine einmalige Angelegenheit. Auch Überkapazitäten seien vielmehr ein Problem schrumpfender Industriezweige wie des Textil- und Bekleidungssektors.

          Region auf den Finanzmärkten unterrepräsentiert

          Und dann seien die fundamentalen Voraussetzungen ganz andere. Seinerzeit hätten die Wachstumsschübe stets auf zentral gelenkten Exportoffensiven basiert, heute finanziere ein dezentralisiertes Bankensystem die wirtschaftliche Entwicklung - und stehe in der Hinwendung zum Verbraucher erst am Anfang. „Der Kreditzyklus hat gerade erst begonnen“, sagt Chan.

          Auch Sorgen um einen hohen Bestand an faulen Krediten im Bankensektor teilt er nicht. Vor den Börsengängen seien die Bilanzen gesäubert worden und viele Kredite an den Staat zurück verkauft worden. Problem mit Kreditausfällen gäbe es natürlich - in demselben Maße wie es zyklisch auch in anderen Volkswirtschaften der Fall sei.
          Insofern sei China in der Finanzwelt angesichts seines wachsenden ökonomischen Gewichts vollkommen unterrepräsentiert. Im MSCI World Index sei die gesamte Region kaum vertreten. Das werde sich ändern und dieser beginnende Prozess der Neubewertung sei der Anfang einer überdurchschnittlichen Wertentwicklung asiatischer Aktienwerte.

          Die deutlichen Kursverluste für chinesische Aktien in Hongkong, deren Kurse um rund 18 Prozent seit Monatsbeginn nachgegeben habe, sind für Chan eher eine gesunde Korrektur. Nach der Öffnung der Börsen für Anleger aus der Volksrepublik sei sehr viel spekulatives Geld an die Märkte geflossen, die Mahnungen von Premier Jiabao, eine weitere Liberalisierung brauche viel Zeit, habe dazu geführt, dass dieses Geld wieder abgezogen werde.

          Japanische Geldpolitik hat dem Markt geschadet

          Für das kommende Jahr erwartet Chan eine Bewertung der chinesischen Aktien am Markt in Hongkong mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von durchschnittlich 21. Das sei nicht billig, aber auch nicht teuer und heiße nicht, dass der Markt abkühlen werde.

          Den japanischen Markt, wo Baring die Gewichtung in seinen Fonds in diesem Jahr deutlich verwässert hat, hält er für nicht so attraktiv wie andere Märkte. Die schlechter als erwartete Entwicklung der Börse im laufenden Jahr sei Folge einer falschen Geldpolitik. Zu früh habe die Bank of Japan die Möglichkeit einer restriktiveren Zinspolitik ins Gespräch gebracht und damit die Wachstumshoffnungen gedämpft.

          Zu den attraktiveren Märkten zählt Chan neben Hongkong, China und Singapur vor allem Korea. Hier profitiere der Markt sehr von der Entflechtung der Konglomerate, die wie bei der LG-Gruppe den schlummernden Wert der eingeschlossenen Vermögenswerte erschlossen habe, auch wenn Samsung Electronics mittlerweile schon wieder zu groß geworden sei, um sich vom Markt unabhängig zu entwickeln.

          Viel mehr Gefallen findet Chan da an einem Unternehmen wie Ports Design. Die ehemals kanadische Marke wurde Anfang der neunziger Jahre von Hongkong-Chinesen aufgekauft und zur führenden Modemarke in China aufgebaut. Mittlerweile drängt man zurück den nordamerikanischen Markt.

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