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Exotenmärkte : Traumhafte Gewinne gesucht

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Von Ägypten bis Zimbabwe: Auf der Jagd nach Rendite touren Anleger durch die Schwellenländer. Noch kann die Rally der Exoten als Aufholprozess verbucht werden. Aber bei den Profis wächst die Skepsis.

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          Deutsche Anleger sind wunderliche Wesen. Die einen lieben Garantiezertifikate und freuen sich, wenn die Rendite hauchdünn über dem Sparbuch-Zins liegt. Die anderen spielen an der Börse Abenteurer und machen Jagd auf alle Aktien, die steil nach oben schnellen. Einst stürzten sich die Spekulanten auf den Neuen Markt. Heute sind riskante Anlagen aus Ländern gefragt, die sich nur mit Mühe auf der Weltkarte verorten lassen.

          Seit dem Frühjahr 2003 zählen Aktien aus den Schwellenländern, vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Asien und Lateinamerika, zu den Favoriten deutscher Anleger. Wer frühzeitig auf Emerging Markets setzte, verdiente deutlich mehr als mit Papieren aus den Industrieländern. Der wichtigste Index für die Aktienmärkte der aufstrebenden Staaten, der MSCI Emerging Markets, gewann seit Anfang 2003 rund 160 Prozent; der MSCI Welt, der die etablierten Märkte wie Amerika und Deutschland umfasst, machte nur 55 Prozent gut.

          Interesse an exotischen Märkten nimmt stetig zu“

          Die Sparer haben den Trend längst erkannt und sind in die weite Welt ausgeschwärmt. Ihre Spekulationslust spiegelt sich in der Fondsstatistik. Während seit Anfang 2006 beinahe vier Milliarden Euro aus Aktienfonds mit dem Anlageschwerpunkt Deutschland abgezogen wurden, strömte den Emerging Market Fonds knapp eine Milliarde Euro zu.

          Viel Geld fließt auch in Zertifikate, mit denen Anleger vom Aufstieg der Schwellenländer profitieren. „Das Interesse der Privatanleger an exotischen Märkten nimmt stetig zu“, sagt Jürgen Koch von ABN Amro, einem der großen Zertifikate-Emittenten. „Nach der hervorragenden Kursentwicklung in Brasilien, Russland, Indien und China, den BRIC-Märkten, sind Anleger auf der Suche nach einer Wiederholung der Erfolgsgeschichte. Dabei haben sie die dritte Reihe der Emerging Markets entdeckt.“

          Auf nach Kasachstan, Qatar, Ägypten oder Peru!

          Auf der atemlosen Jagd nach Rendite erkunden die Investoren immer entlegenere Regionen. Jetzt wird in Vietnam, Pakistan, Indonesien, Nigeria und einer ganzen Reihe weiterer Länder gezockt, die bislang nicht gerade als Musterknaben des Kapitalismus und freien Kapitalverkehrs aufgefallen sind. Die „dritte Emerging-Markets-Welle“ rollt auf die Anleger zu - in Form von Zertifikaten und Fonds. So wirbt die DWS gerade für ihr neues Zertifikat: „3rd Wave: das Ticket für die Märkte von morgen.“

          An die erste Welle werden sich nur alte Hasen erinnern. Singapur, Hongkong, Taiwan und Südkorea haben längst Anschluss an die Industrienationen gefunden. Mit der zweiten Welle hat es die Aktien von Wirtschaftsriesen wie Brasilien, Russland, Indien und China in die Depots der Anleger gespült, ebenso wie Aktien aus Osteuropa. So mancher dieser Märkte scheint inzwischen ausgereizt. Also auf in die Ukraine, nach Kasachstan, Qatar, Ägypten oder Peru!

          Unbekannte Finanzmärkte haben Aufholpotential

          Lohnen sich die Expeditionen in fremde Welten? Für die unbekannten Finanzmärkte sprechen vor allem zwei Dinge: höheres Wirtschaftswachstum als im Rest der Welt und die schlichte Tatsache, dass sie von ausländischen Anlegern noch nicht als Spekulationsobjekt ins Visier genommen wurden. Das verspricht Aufholpotential.

          Nach wie vor sind die Emerging Markets aussichtsreich - nicht nur die dritte Generation, auch ihre Vorfahren. Die Analysten von BCA Research ziehen Parallelen zur Wall Street der späten neunziger Jahre: Damals ratterten die Vereinigten Staaten als Konjunkturlokomotive der Welt voran, die Unternehmen waren dynamisch, der Dollar stark. Geringe Inflation und niedrige Zinsen beschleunigten den Aufschwung, indem sie den Konsumenten und Unternehmen einen Kauf- und Investitionsrausch erlaubten. Anleger aus aller Welt wollten mit von der Partie sein und am Boom verdienen.

          Hausse könnte noch einen langen Atem haben

          Die Schwellenländer steckten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dagegen in einer schweren Krise. „Heute ist genau das Gegenteil wahr“, glaubt BCA-Stratege Arthur Budaghyan. „Die Vereinigten Staaten und die Schwellenländer haben ihre Rollen getauscht.“ Während in den neunziger Jahren für Anleger kein Weg an Wall Street vorbeiführte, seien nun die Emerging Markets erste Wahl. Die These ist gewagt, wird aber vom Internationalen Währungsfonds gestärkt. Der stellt in seinem jüngsten Ausblick fest, dass die Weltwirtschaft in diesem und dem kommenden Jahr um jeweils 4,9 Prozent wachsen wird, obwohl die Konjunktur in Amerika empfindlich abkühlt und das Volkseinkommen der Industrieländer nur um 2,5 und 2,7 Prozent wachsen dürfte. Die Schwellenländer machen das mit ihrem hohen Wachstumstempo von mehr als sieben Prozent wett.

          Wenn das stimmt, könnte die Hausse in den Emerging Markets noch einen langen Atem haben. Denn mangels phantastischer Renditen in Amerika und Westeuropa werden Anleger wohl weiter in die Ferne schweifen. Dafür spricht auch die Bewertung: Obwohl die Aktienindizes der Schwellenländer Dax und Dow längst abgehängt haben, sind sie noch immer günstiger bewertet. Einzelne Börsen sind allerdings schon extrem heiß gelaufen. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis im kleinen Litauen bei rund 30, in Peru über 40. Andere Märkte wie Thailand dagegen sind mit einem KGV von elf recht billig.

          „Einige Millionen Euro können eine Rally einläuten“

          Noch kann die Rally der Exoten als Aufholprozess verbucht werden. Aber die Skepsis wächst, ob die dritte Welle der Emerging Markets nicht in eine Spekulationswelle mündet. Selbst die Profis sehen Parallelen zum Neuen Markt. Zumindest in den kleinen Emerging Markets machen sich die Anleger ihre Hausse selbst. „Einige Millionen Euro können im Baltikum oder in Kroatien eine Rally einläuten“, sagt ABN-Amro-Experte Koch.

          Die Anleger manövrieren sich da in eine gefährliche Situation. Sie investieren ihr Geld am liebsten in Märkte, die schon bestens gelaufen sind. „Mit unserem Vietnam-Zertifikat haben wir diese Erfahrung gemacht: Der Zustrom wurde umso größer, je stärker der Markt gestiegen ist“, sagt auch Ferdinand Haas von der DWS. „Bis es krachte.“

          Wer 100 Prozent im Jahr verdienen will, der muss auch mal einen Einbruch um 30 Prozent verkraften können. Andernfalls bleiben ja immer noch die Garantiezertifikate.

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