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Ethik-Investments : Nachhaltigkeitsfonds haben sich etabliert

  • -Aktualisiert am

Mit Geldanlagen gegen schmelzende Eisberge: Nachhaltigkeitsfonds Bild: dpa

Die Geldanlage mit gutem Gewissen trifft den Geschmack der Anleger. In Europa wird inzwischen über eine Billion Euro unter der Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Kriterien angelegt. Deutschland hinkt hinterher.

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          Die Geldanlage mit einem guten Gewissen trifft zunehmend den Geschmack der Anleger. In Europa wird nach Angaben des europäischen Dachverbands für nachhaltige Geldanlage Eurosif inzwischen über eine Billion Euro unter der Berücksichtigung von sozialen und ökologischen Kriterien angelegt.

          Deutschland hinkt einer Studie der niederländischen Bank ABN Amro zufolge im Vergleich zu seinen Nachbarländern zwar noch hinterher, was den Bekanntheitsgrad dieser Form der Geldanlage und ihre Verbreitung betrifft. Zehn Jahre aber nach dem Beginn der ersten ernsthaften Bemühungen, das Thema Nachhaltigkeit in der Vermögensverwaltung voranzubringen, hat sich diese Form der Geldanlage vom Verdacht der Modewelle oder des Marketing-Gags befreit und etabliert.

          „Nachhaltigkeit ist kein geschützter Begriff“

          Ausländische Fondsgesellschaften, vor allem aus der Schweiz und den Benelux-Ländern, stehen an der Spitze dieser Entwicklung. Sie verspürten als erste eine Nachfrage nach entsprechenden Geldanlageprodukten, ausgelöst von großen institutionellen Kunden. In der Schweiz taten sich diesbezüglich Pensionskassen hervor. Allerdings gestaltet sich die Zuordnung unter das Etikett Nachhaltigkeitsfonds heute noch so schwierig wie in den Anfangsjahren.

          Die Pioniere auf diesem Markt sind ebenso wie die neu hinzukommenden Schwergewichte der Branche nicht in der Lage, gemeinsame Kriterien zu definieren. „Nachhaltigkeit ist kein geschützter Begriff“, sagt Christoph Butz, Nachhaltigkeitsexperte von der Schweizer Privatbank Pictet. In den vergangenen Jahren seien aber die Kunden in die Rolle einer Regulierungsbehörde geschlüpft. Einem zu offensichtlichen Etikettenschwindel wirke auch entgegen, dass sich die Konkurrenten einander äußerst genau auf die Finger schauten.

          Ausschluss von Tabakwerten oder Waffenherstellern

          Als kleinster gemeinsamer Nenner für die Zuordnung in die Kategorie der Nachhaltigkeitsfonds hat sich in den vergangenen Jahren die Wendung etabliert, dass solche Geldanlageprodukte bei ihrer Portfoliozusammenstellung über ökonomische Faktoren hinaus auch soziale und ökologische Kriterien berücksichtigen. Ein solcher Rahmen ist jedoch weit gefasst. Der Dachverband Eurosif unterteilt deshalb seine statistische Aufstellung schon in Fonds mit strenger und weniger strenger Ausrichtung an Nachhaltigkeitskriterien - wobei übrigens die strengen Fonds lediglich ein Zehntel zum gesamten verwalteten Vermögen beitragen.

          Streng ist beispielsweise der Ansatz der Schweizer Fondsgesellschaft Swisscanto, die aus Umweltgründen keine Ölaktien in ihre Nachhaltigkeitsfonds aufnimmt. Beim Konkurrenten Pictet finden sie dagegen unter dem Verweis auf die finanziellen Risiken - wegen ihrer schieren Größe sind die Ölkonzerne in den bedeutenden Marktindizes stark gewichtet - weiterhin Eingang in Nachhaltigkeitsportfolios. Bei manchen Fondsgesellschaften genügt sogar schon der schlichte Ausschluss von Tabakwerten oder Waffenherstellern, um als Nachhaltigkeitsfonds zu gelten.

          „Zweite Welle“

          Als überaus hilfreich beim Ringen um eine höhere Akzeptanz in der Anlegerschaft hat sich zuletzt die Diskussion über den Klimawandel erwiesen. Zahlreiche Fondsanbieter haben dies umgehend als Anlagethema entdeckt - und damit der nachhaltigen Geldanlage eine Frischzellenkur verpasst. Pictet-Experte Butz spricht schon von einer „zweiten Welle“ an Umweltfonds. Diese sind jedoch nicht so breit angelegt wie die etablierten Produkte der vergangenen Jahre, sondern konzentrieren sich auf einzelne Themen.

          So punktete etwa die größte deutsche Publikumsfondsgesellschaft DWS Investments mit dem Argument der zunehmend knapperen natürlichen Ressourcen auf unserem Planeten. In dem entsprechenden Zukunftsressourcen-Fonds (Isin DE0005152466) liegt inzwischen ein Vermögen von gut zwei Milliarden Euro, wozu deutsche Anleger knapp die Hälfte beisteuerten. Auch Fonds, die in erneuerbare Energien investieren, verkaufen sich erstaunlich gut. Hier hat der Blackrock/Merrill Lynch New Energy Fund (Isin LU0124384867) schon ein Milliardenvolumen in der Anlegerschaft eingesammelt. An dem Beispiel von DWS und Merrill Lynch wird deutlich, dass sich inzwischen Fondsanbieter im Geschäftsfeld der nachhaltigen Geldanlage wiederfinden, die eigentlich gar nicht die Absicht haben, dieser Kategorie zugeordnet zu werden.

          Öko-Kriterien schaden nicht der Wertentwicklung

          Nach einer Aufstellung der European Business School in Oestrich-Winkel waren zum Jahreswechsel 137 nachhaltige Publikumsfonds mit einem Gesamtvolumen von 18,2 Milliarden Euro im deutschsprachigen Raum zugelassen. Die leistungsfähigsten unter ihnen haben längst den Nachweis gebracht, dass eine Orientierung an sozialen und ökologischen Kriterien nicht zwingend zu Lasten der Wertentwicklung geht.

          Unter den besten Mischfonds, gemessen am Wertzuwachs über die vergangenen drei Jahre, findet sich beispielsweise in der aktuellen Rangliste des Fondsdatenanbieters Lipper der Swisscanto Green Invest Balanced wieder - trotz des strengen Ansatzes bei der Titelauswahl. Den Ausbruch der Nachhaltigkeitsfonds aus der Nische sieht Volker Weber, Direktor bei Swisscanto, als vollzogen an. In Kundendepots hält er einen Anteil von 40 Prozent für gut vertretbar.

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