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Ethik-Fonds : „Siemens ist nicht akzeptabel“

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Sophie Horsfall: „Wer ethisch investiert, muss nicht auf Rendite verzichten” Bild: F&C Asset Management

Sophie Horsfall, Fondsmanagerin des Stewardship International Fund, im FAZ.NET-Interview über ethisch korrekte Geldanlage und die Frage, warum sie Aktien von Starbucks kaufen darf, aber keine von Wal Mart.

          Sophie Horsfall hat sicher nicht den einfachsten Job, den eine Fondsmanagerin haben kann. Bevor sie eine Aktie für ihren Stewardship International Fund kaufen darf, muss sie sich von einem Ethik-Gremium das Okay dafür holen. Wie das funktioniert, verrät sie im FAZ.NET-Interview.

          Horsfall ist auch verantwortlich für die weltweite Aktienanlage bei F&C Asset Management in London. F&C legte 1984 den ersten Ethik-Fonds Großbritanniens auf. Drei Jahre später folgte der Stewardship International Fund, der inzwischen auch in Deutschland zum Vertrieb zugelassen ist (Isin GB0030833767). Die Managementgebühr beträgt 0,5 Prozent im Jahr, der Ausgabeaufschlag 5,0 Prozent.

          Frau Horsfall, Sie begannen Ihre Karriere vor gut zehn Jahren als Analystin für die Chemie- und Ölbranche. Wie kommt es, dass Sie jetzt einen Nachhaltigkeitsfonds managen?

          Stimmt, in meinem ersten Berufsjahr war ich für die Branchen Chemie und Öl zuständig. In dieser Zeit lernte ich das Handwerk des Analysten kennen, wurde danach aber schnell Fondsmanagerin. Der Vorteil für meine jetzige Arbeit ist, dass ich weiß, wie die Ölmärkte funktionieren. Der Ölpreis beeinflusst ja auch den Aktienkurs von Unternehmen aus der Branche der erneuerbaren Energien, die in unserem Portfolio hoch gewichtet sind.

          Die Nachhaltigkeitskriterien von F&C gelten als besonders streng. Was unterscheidet Ihren Fonds von anderen Produkten?

          Am besten lässt sich das mit unseren Ethik-Kriterien erklären. Wir investieren nicht in Unternehmen, die Waffen herstellen oder verkaufen, gentechnisch verändertes Saatgut produzieren, mit Kernkraft oder Glücksspiel ihr Geld verdienen oder Tierversuche durchführen. Auch Tabak- und Alkoholproduzenten sind tabu.

          Firmen, die Tabak oder Alkohol verkaufen, schließen Sie aber nicht aus?

          Nein. Wenn der Verkauf dieser Produkte weniger als zehn Prozent des Umsatzes ausmacht, akzeptieren wir das. Nehmen Sie die Kaffeehauskette Starbucks. Dieses Unternehmen hat sehr früh mit fairem Handel begonnen, auch die Arbeitsbedingungen sind sehr gut. Jetzt hat Starbucks aber einen Kaffee mit Likör auf den Markt gebracht. Die Aktie durfte trotzdem im Portfolio bleiben. Denn Starbucks stellt den Likör nicht selbst her, außerdem machen die Umsätze deutlich weniger als zehn Prozent aus.

          Dürfen Sie Wal-Mart-Aktien kaufen?

          Nein, schließlich verkauft Wal Mart in einigen Kaufhäusern in den Vereinigten Staaten ja Waffen.

          Und Siemens?

          Siemens? Siemens ist nicht akzeptabel.

          Wegen der Kerntechnik oder der Korruptionsaffäre?

          Nein, hier war ausschlaggebend, dass das Unternehmen Rüstungsgüter produziert. Manchmal ist die Abgrenzung aber schwieriger. Nehmen Sie Microsoft: Vermutlich kommt deren Software auch bei der Armee zum Einsatz. Doch nur aus diesem Grund wollen wir die Aktie nicht ausschließen. Das wäre bloß der Fall, wenn die Produkte für den Kampfeinsatz bestimmt sind.

          Was passiert eigentlich bei Übernahmen? Mussten Sie die Body-Shop-Aktien verkaufen, als das Unternehmen von L'Oréal geschluckt wurde?

          Body Shop hatten wir nicht im Portfolio. Aber beim Stahlunternehmen Arcelor war es so: Arcelor war akzeptabel, Mittal nicht. Darum mussten wir aussteigen. In einem solchen Fall lassen uns die Investmentregeln sechs Monate Zeit, um die Aktie zu verkaufen. Ferrovial war ein weiterer Fall: Als die Spanier den britischen Flughafenbetreiber BAA übernommen haben, mussten wir aussteigen, denn Luftfahrt ist für uns ein Tabu. Dazu kommen die Einnahmen aus dem Duty-Free-Verkauf von Alkohol und Tabak.

          Ein großer Unterschied zu vielen anderen Fonds ist der Ausschluss von Unternehmen, die „nicht akzeptable Geschäfte“ finanzieren. Bedeutet das, dass Sie in keinen Finanzdienstleister investieren dürfen?

          Es gibt nur wenige Ausnahmen. Sie können ja nur bei den wenigsten Banken detailliert überprüfen, wem sie Geld für welche Zwecke leiht.

          Dadurch schrumpft Ihr Anlageuniversum ziemlich zusammen.

          Allein die Finanzdienstleister machen 25 bis 30 Prozent der Marktkapitalisierung in unserem Vergleichsindex MSCI World aus. Auch die Pharmabranche ist fast komplett ausgeschlossen, dieser Sektor macht etwa acht Prozent aus. Alles in allem können wir nur in 22 Prozent der MSCI-World-Werte investieren.

          Sie schließen sogar explizit Unternehmen aus, die Muttermilch-Ersatz „unethisch“ vermarkten. Warum das?

          Es gibt Unternehmen, die Ihre Werbung für Muttermilch-Ersatz in Westeuropa eingestellt haben, diese Produkte zum Beispiel in Afrika aber weiterhin vermarkten. Dort geben einige Frauen ihr weniges Geld für diese Produkte aus, obwohl sie ihre Kinder stillen könnten. Diese Vermarktungspraxis ist unserer Meinung nach nicht in Ordnung.

          Sie haben nicht nur Ausschlusskriterien, sondern auch Positivfaktoren.

          Genau. Dazu zählen zum Beispiel Umweltschutz und gute Arbeitsbedingungen. Wir wollen Unternehmen unterstützen, die die Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen. Wir lehnen aber nicht nur unethische Firmen ab und unterstützen gute, sondern versuchen auch, Unternehmen dazu zu bringen, ihre soziale Verantwortung besser als bisher wahrzunehmen.

          Wer entscheidet eigentlich, welches Unternehmen die Ethik-Kriterien erfüllt?

          Unser Investmentprozess ruht auf drei Säulen. Zunächst überwacht ein unabhängiger Beraterkreis mit Ethik-Experten aus Wirtschaft und Nicht-Regierungsorganisationen die Investmentpolitik. Dieses Gremium trifft sich alle drei Monate und diskutiert zum Beispiel, wie der Fonds mit neuen Entwicklungen umgehen soll. Gentechnik spielte vor 20 Jahren, als der Fonds aufgelegt wurde, zum Beispiel noch keine Rolle. Oder nehmen Sie das Thema Biokraftstoffe. In Brasilien, einem der größten Produzenten, wird zum Teil Regenwald abgeholzt, um Energiepflanzen anbauen zu können. Hier muss also differenziert werden, auch wenn das Thema Biokraftstoffe für uns natürlich interessant ist.

          Einzelne Unternehmen kann dieses Gremium aber wohl kaum unter die Lupe nehmen?

          Nein, dafür haben wir 15 Mitarbeiter im Team für „Governance and Sustainable Investment“ (GSI). Dieses Team entscheidet, welche Unternehmen die Ethik-Kriterien erfüllen.

          Die konkrete Entscheidung, welche Aktie ins Portfolio kommt, trifft aber immer noch das Fondsmanagement?

          Selbstverständlich. Wenn wir ein Unternehmen interessant finden, das noch nicht überprüft wurde, fragen wir beim GSI-Team an. Fresenius Medical Care hätte ich gerne in den Fonds genommen, doch das GSI-Team stellte fest, dass Fresenius nicht ohne Tierversuche auskommt. Diese Aktie kommt für uns also nicht in Frage.

          Kostet diese Überprüfung nicht wichtige Zeit?

          Klar kostet das Zeit. Aber manchmal, etwa bei Börsengängen, kann es auch ganz schnell gehen. Dann haben wir schon nach zwei oder drei Tagen eine Antwort des GSI-Teams. So wächst unser Anlageuniversum Schritt für Schritt immer weiter.

          Im Vereinigten Königreich gibt es inzwischen schon 550 Unternehmen, die für Ihren Fonds in Frage kommen, im restlichen Europa sind es nur rund 140. Sind britische Unternehmen ethischer als festlandeuropäische?

          Nein, das liegt natürlich daran, dass F&C seine Wurzeln in Großbritannien hat. Außerdem spielt ethische Geldanlage in London schon länger eine Rolle. Inzwischen wächst unser Anlageuniversum außerhalb Großbritanniens schneller.

          In Japan und im restlichen Asien kommen bislang nur etwa 30 Aktien für ihren Fonds in Frage. Das ist doch sehr wenig.

          In Asien verstehen viele Unternehmen nicht, was wir von ihnen wollen. Auch in Japan wurden wir vor einigen Jahren noch gefragt: „Corporate Governance? Was ist das?“ Das ändert sich aber langsam. Inzwischen hat unser GSI-Team auch die ersten Unternehmen aus Schwellenländern positiv geprüft. Der Prüfprozess ist aber noch ungleich umständlicher und langwieriger als in Westeuropa oder Amerika.

          Wie sieht es mit deutschen Unternehmen aus?

          In Deutschland sind wir recht stark investiert. Große Werte im Portfolio sind zum Beispiel Solarworld, Q-Cells, Rhön Klinikum und Petrotec.

          Gerade Petrotec hat seit dem Börsengang im November enttäuscht. Die Aktie kam zu 17 Euro auf den Markt und kostet inzwischen 15 Euro.

          In der Tat war die Performance bisher nicht gut. Gerade bei Unternehmen aus dem Sektor der erneuerbaren Energien sehen wir uns aber als langfristigen Investor. Und auf lange Sicht hat die gesamte Branche enormes Potential. In unserem Portfolio hat sie ein Gewicht von etwa zwölf Prozent.

          Auf welche anderen Trends setzen Sie?

          Recht stark investiert sind wir außerdem in den Branchen Biolebensmittel, Gesundheitsvorsorge, Bildung und öffentlicher Verkehr.

          Bleibt für die Anleger zu hoffen, dass sich die Aktien dieser Branche künftig besser entwickeln. Im vergangenen Jahr war die Performance Ihres Fonds schließlich enttäuschend. Sie blieben hinter dem Vergleichsindex MSCI World zurück.

          2006 war ein hartes Jahr. Besonders im zweiten und dritten Quartal liefen Minen-, Pharma- und Finanzwerte besonders gut - das sind alles Aktien, die wir nicht halten dürfen. Trotzdem: Auf Sicht von drei, fünf, zehn und zwanzig Jahren hat unser Fonds in Pfund gerechnet den MSCI World geschlagen. Wer ethisch investiert, muss also nicht auf Rendite verzichten.

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