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Erklär mir die Welt (44) : Warum machen Anleger immer alles falsch?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Menschen handeln an der Börse alles andere als rational. Gefühle, Geldgier und Selbstüberschätzung kosten viel Rendite. Ein Grund zu verzweifeln ist das nicht.

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          An den Börsen geht es wieder bergauf. Die erste ernsthafte Korrektur in diesem Jahr ist überstanden, der Dax hat längst die Marke von 7000 Punkten überschritten. Und wir haben wieder einmal den Einstieg verpasst. Dabei hatten wir uns doch geschworen, dass es diesmal besser läuft.

          „Die Mehrheit der Marktteilnehmer verdient zwangsläufig nicht das große Geld“, sagt Joachim Goldberg, Experte für Kapitalmarktanalyse. „Vielmehr ist sie es, die die großen Gewinne Einzelner finanziert.“ Goldberg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit „Behavioral Finance“, einer verhaltenswissenschaftlich orientierten Forschungsrichtung für Finanzmärkte. Die Wissenschaftler nutzen Erkenntnisse der Psychologie, um zu untersuchen, warum Anleger immer wieder die gleichen Fehler machen - und wie sich diese vermeiden lassen.

          „Muster der Unvernunft“

          Erstes Ergebnis: Börsianer sind nicht rational. Die Kapitalmarktforscher haben herausgefunden, dass die Psyche den Anlegern oft böse Streiche spielt. Der gemeine Privatanleger ist vom Idealtyp des Homo oeconomicus, der streng rational denkt, so weit entfernt wie der Affe vom Menschen. Dabei hatten sich die Ökonomen das so schön ausgedacht: Alle Entscheidungen der Wirtschaftsakteure zielen allein darauf ab, ihren persönlichen Nutzen zu maximieren. Sie werden nur auf Basis vernünftiger Überlegungen und unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen getroffen. Doch mehr und mehr akademische Studien zeigen, dass sich die Menschen irrational verhalten und - schlimmer noch - immer wieder die gleichen Fehler machen.

          Peter L. Bernstein erzählt in seinem Buch „Against The Gods“ („Wider die Götter“), wie sich „Muster der Unvernunft, Inkonsequenz und Inkompetenz wiederholen, wenn Menschen Entscheidungen bei Ungewissheit treffen“. Und nichts anderes ist ja der Aktienkauf und überhaupt die Geldanlage: eine Entscheidung über den Erwerb oder Verkauf eines Wertpapiers bei Ungewissheit über die künftige Kursentwicklung.

          Menschen bewerten Verluste schwerer als Gewinne

          Dank der Behavioral Finance verstehen wir heute besser, wie Gefühle Anleger beeinflussen. Viele Forscher glauben sogar, dass die Behavioral Finance ein düsteres Licht auf die These von der Effizienz der Finanzmärkte wirft und dass sie gut erklären kann, warum immer wieder spekulative Blasen entstehen, die dann platzen - wie zum Beispiel Ende der 90er Jahre am Neuen Markt. Vor allem aber weiß die Behavioral Finance, warum der durchschnittliche Anleger ein glückloses Wesen ist.

          Die schlimmste Psychofalle ist, dass Menschen Verluste offensichtlich schwerer bewerten als Gewinne in gleicher Höhe. Ein Verlust von 1000 Euro schmerzt ungefähr zweieinhalbmal so sehr, wie ein Gewinn von 1000 Euro glücklich stimmt. Das führt dazu, dass Anleger Verluste bis zum bitteren Ende aussitzen, weil sie sie nicht realisieren wollen, und Gewinner-Aktien viel zu früh verkaufen. Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat herausgefunden, dass der Mensch weniger riskieren will, wenn er sich auf der Gewinnerseite befindet. Hofft er dagegen, einen Verlust wettzumachen, geht er eher Risiken ein. Das ist genau die falsche Strategie.

          Der Mensch neigt zur Selbstüberschätzung

          Die Psychologen haben auch eine Erklärung dafür, dass es uns so schwerfällt, unsere T-Aktien nach 20 Prozent Verlust zu verkaufen. „Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie leidensfähig sie sind“, sagt Goldberg. „Sie passen lieber ihre Wahrnehmung ihrer Entscheidung an als umgekehrt - bis hin zu vollständiger Ignoranz.“ Unter dem Schock eines Verlustes blenden Anleger widersprüchliche Informationen aus, färben andere schön, glauben bereitwillig Analysten und Journalisten, die sie ermutigen durchzuhalten. Leon Festinger beschrieb das Phänomen der kognitiven Dissonanz bereits in den 50er Jahren.

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