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Erklär mir die Welt (21) : Warum brauchen wir Geld?

Ohne geht's nicht Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Ohne Geld wäre die Welt entsetzlich kompliziert. Und die Menschen ziemlich arm. Mit Geld kommt die Wirtschaft erst in Schwung. Doch wie kam das Zahlungsmittel unter die Menschen?

          3 Min.

          Stellen wir uns vor, wir wollten auf einem Wochenmarkt Brot kaufen, ohne daß Geld existierte. In diesem Fall müßten wir auf dem Markt selbst Güter verkaufen können, um das Brot zu bezahlen. Nehmen wir an, wir hätten uns auf die Herstellung von Runkelrüben spezialisiert. Nun wäre es aus unserer Sicht natürlich am einfachsten, wir könnten Brot gegen unsere Runkelrüben tauschen. Aber was geschieht, wenn der Brotverkäufer gar keine Runkelrüben mag? Dann kommt das Geschäft nicht zustande, zumindest nicht direkt.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Es mag sein, daß wir durch die Einschaltung eines Dritten doch noch Brot erhalten. Wenn der Brotverkäufer zwar keine Runkelrüben, dafür aber Kichererbsen mag und ein auf dem Markt anwesender Produzent von Kichererbsen Interesse zeigte, das eingetauschte Brot gegen unsere Runkelrüben zu tauschen, kämen wir auf diesem Umweg doch noch zu unserem Brot. Aber das ist alles sehr kompliziert und unsicher.

          Geld vereinfacht den Tausch von Gütern

          Mit einer Ware, die von allen Beteiligten akzeptiert wird, kommen die Geschäfte dagegen ganz leicht zustande. Geld vereinfacht den Tausch von Gütern (und Dienstleistungen) ganz erheblich. Erst Geld läßt einen Markt (und damit auch eine ganze Marktwirtschaft) effizient funktionieren.

          Doch die Funktion des Geldes beschränkt sich nicht auf die eines Zahlungsmittels. Anders als die schnell verderblichen Runkelrüben oder Kichererbsen ermöglicht Geld, Werte zu speichern, zu bewahren und damit auch zu akkumulieren und zu verleihen. Die Bildung erheblicher Vermögen und die Finanzierung großer Investitionen waren erst in der Geldwirtschaft möglich. Geld ist eine der Grundvoraussetzungen für eine dynamische Ökonomie. Lenin wird der Satz zugeschrieben, wer den Kapitalismus vernichten wolle, müsse sein Geld vernichten. Das war nicht absurd.

          Geld darf nicht beliebig vermehrbar sein

          Um als Wertaufbewahrungsmittel zu dienen, darf Geld nicht beliebig vermehrbar sein. Aus diesem Grund dienten Metalle wie Gold und Silber lange Zeit als Geld, Kieselsteine dagegen nie.

          In unsere Zeit übertragen hat diesen Gedanken der Nobelpreisträger Milton Friedman. Was passiert, fragte Friedman, wenn ein Hubschrauber so viele Banknoten abwirft, daß sich das umlaufende Geld verdoppelt? Viele Menschen mögen glauben, der unverhoffte Geldsegen würde sie reicher machen. Weit gefehlt, sagt Friedman. Denn die Produzenten würden die Gelegenheit nutzen, um ihre Preise deutlich zu erhöhen. Am Ende hätten die Menschen zwar mehr Geld in der Tasche, könnten aber nicht mehr Güter kaufen.

          Wie kam das Geld unter die Menschen?

          Geld ohne Wert ist kein Geld mehr. Der deutsche Ökonom Georg Friedrich Knapp (1842 bis 1926) entwickelte vor rund 90 Jahren die damals populäre „Staatliche Theorie des Geldes“, in der er postulierte, Geld entstehe und existiere durch Anordnung des Staates. Zwar wird Geld bis heute überwiegend von Staaten ausgegeben, doch seine Verwendung läßt sich nicht anordnen, sobald das Geld seinen Wert verloren hat, wie jede große Inflation zeigt. Wo das Geld nichts mehr taugt, hat der Staat sein Recht verloren.

          Wie das Geld unter die Menschen kam, ist nicht eindeutig. Viele Ökonomen meinen, die Menschen hätten beim Gütertausch den Nutzen eines allseits anerkannten Tausch- und Wertaufbewahrungsmittels erkannt und sich nach einem geeigneten Material umgesehen. In Europa und Kleinasien, wo schon vor Jahrtausenden Metalle abgebaut wurden, setzten sich Metallstücke, die Münzen, durch, weil sie solide, problemlos untereinander vergleichbar und leicht transportierbar waren. Auf der im Pazifik gelegenen Insel Yap, wo es keine Metalle gibt, benutzten die Eingeborenen ein aus einem seltenen Kalk bestehendes Steingeld, anderswo fanden Vogelfedern, Metallringe oder auch Rinder Verwendung.

          Geld als religiöses Opfer

          Eine alternative Theorie stammt von dem deutschen Wissenschaftler Bernhard Laum (1884 bis 1974), der von der These nichts hielt, Geld sei aus Nützlichkeitserwägungen entstanden. Laum vertrat die in dem Buch „Heiliges Geld“ entwickelte Sakraltheorie: Danach entstand Geld als ein religiöses Opfer, indem in der Antike Priester durch die Hingabe von Metallen Gegenleistungen von den Göttern erhofften, wobei sich im Laufe der Zeit feste „Tarife“ für bestimmte göttliche Leistungen herausgebildet hätten.

          Im Laufe der Zeit sei dann der Staat an die Stelle der Gottheit getreten und der Beamte an die Stelle des Priesters, behauptet Laum. Das Ergebnis bestand in der Verweltlichung und Ausbreitung der Geldwirtschaft. Laums Erklärung ist sehr umstritten, aber noch vor 20 Jahren gehörte sie zum Standardstoff deutscher Lehrbücher über das Geldwesen.

          Papier als optimales Rohmaterial

          Um seine nutzenstiftende Rolle als Zahlungsmittel und Wertspeicher zu wahren, mußte das Geld im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung mehrfach sein Gewand wechseln. Münzgeld war für antike und mittelalterliche Gesellschaften ideal, aber der spätestens mit der Industrialisierung einsetzende sehr rasch wachsende Geldbedarf erforderte einen neuen, leichter vermehrbaren und handlicheren „Stoff“.

          Hier erwies sich das Papier als optimales Rohmaterial, auch wenn die „Zettel“, wie man Banknoten anfangs abschätzend nannte, lange um Anerkennung kämpfen mußten. Mit dem Papiergeld wurden auch Manipulationen des Geldes leichter, und nicht zufällig fallen alle großen Inflationen in die Zeit der Banknote. Derweil kommt auch die Banknote langsam außer Mode - ein immer größerer Teil der Zahlungen findet unbar statt.

          Bunte Welt des Geldes

          Schmuckgüter wie zum Beispiel Halsringe waren vor rund 4.000 Jahren in der Bronzezeit die ersten bekannten Zahlungsmittel. Im pazifischen Raum haben sich bei Naturvölkern archaische Geldformen bis heute gehalten. Als Erfinder der immer noch üblichen Metallmünze gilt unter Geldhistorikern das ehemals in Kleinasien beheimatete Volk der Lyder (7. Jahrhundert vor Christus).

          Zigaretten zählen zu den ungewöhnlichen Zahlungsmitteln. Auch nachdem sich die Münze und die Banknote als wichtigste Geldformen durchgesetzt hatten, fanden weitere Güter immer wieder vorübergehend Verwendung als Zahlungsmittel. Das bekannteste Beispiel ist die „Zigarettenwährung“ nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Da die Reichsmark ihren Wert verloren hatte, behalf sich die Bevölkerung mit Zigaretten als Zahlungsmittel. Wie gut, daß es damals noch keinen Gesundheitsminister gab!

          Geld- und Kreditkarten stehen für die moderne Entstofflichung des Geldes. Nur noch ein geringer Teil zirkuliert als Banknoten und Münzen; der weitaus größte Teil des Geldes befindet sich unsichtbar auf Konten. Die Verfügung über Geld geschieht zu einem erheblichen Teil durch Karten. International verbreitet sind Kreditkarten großer Anbieter wie Visa und Eurocard/Mastercard, die früher Reichen vorbehalten waren, heute aber zur Standardausstattung jedes Geschäftsreisenden gehören. In Deutschland ist daneben die EC-Karte sehr verbreitet. Bargeld wird unwichtiger - so fälscht der zeitgemäße Verbrecher Kreditkarten, während Bankraub immer unmoderner wird.

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