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Erklär mir die Welt (12) : Warum brauchen wir Aktienmärkte?

  • -Aktualisiert am
Die Börsentiere: Der Bär für fallende und der Bulle für steigende Kurse

Die Börsentiere: Der Bär für fallende und der Bulle für steigende Kurse Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Börsen vereinfachen das Leben. Sie lenken Geld dorthin, wo es am besten aufgehoben ist. Und bewerten den Erfolg einer Investition. Gäbe es sie nicht, müßten in Geldfragen alle unmittelbar miteinander handeln und würden dabei viel Zeit verlieren.

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          Angenommen, es gäbe keine Banken und keine Börsen. Was wäre dann?

          Verbraucher und Arbeitnehmer könnten ihr Geld weder aufs Sparbuch legen noch in Aktien, Anleihen oder Investmentfonds investieren. Unternehmen würden nicht mal eben einen Kredit bei einer Bank aufnehmen oder sich relativ schnell Kapital besorgen, indem sie Wertpapiere ausgeben. Alle müßten in Geldfragen unmittelbar miteinander handeln - und alle würden dabei viel Zeit verlieren und wohl auch hohe Kosten für jedes Geschäft in Kauf nehmen.

          Schließlich müßte jeder Haushalt viele Einzelbeziehungen pflegen, wenn er sein Geld nicht bloß auf ein Unternehmen verteilen möchte. Und sich immer fragen: Wem ist zu trauen, wem nicht? Wie kann eine durchschnittlich informierte Familie ein gutes von einem schlecht geführten Unternehmen unterscheiden?

          Bild: F.A.Z.

          „Klumpen“-Risiko

          In einer Welt ohne Banken und Börsen wäre es daher eine gute Idee, genau so ein Institut zu gründen, um damit Geld zu verdienen. Denn der Banken- oder Börsenunternehmer nimmt nicht nur den anderen unangenehme Arbeiten ab, sondern steigert auch den Wohlstand aller, weil sich nun jeder auf das konzentrieren kann, was er am besten beherrscht.

          Die Leistung einer Börse liegt vor allem auf vier Gebieten. Sie lenken das Kapital der Anleger in sinnvolle Verwendungen, sie verwandeln das „Klumpen“-Risiko eines großen Unternehmens in viele Kleinrisiken, sie erzeugen kurzfristig liquide und handelbare Finanzanlagen aus langfristigen Sachanlagen und als wichtigste Aufgabe schließlich: Sie bewerten Unternehmen, indem sie den aktuellen Marktpreis feststellen.

          „Fairer“ Wert der Aktie

          Regelmäßig ermitteln sie - ein- oder mehrmals täglich - den Preis, der nach Stand der eingegangenen Kauf- und Verkaufsaufträge einen größtmöglichen Umsatz erlaubt. Hieraus ergibt sich idealerweise ein Marktpreis, der zu jedem Zeitpunkt den „fairen“ Wert der Aktie abbildet.

          Als „fair“ gilt der Marktwert, wenn er den heutigen Wert aller zukünftigen Dividendeneinkommen wiedergibt. Ist der Preis einer einzelnen Aktie bekannt, so läßt sich leicht berechnen, als wie wertvoll heute das Eigenkapital des Unternehmens angesehen wird. Der Börsenwert ergibt sich aus dem Einzelpreis der Aktie multipliziert mit der Anzahl aller ausgegebenen Aktien.

          Unerwartet reich und schnell wieder arm

          Je höher er ist, desto positiver bewertet die Börse die Erfolgsaussichten eines Unternehmens. Die Entwicklung des Aktienkurses besitzt daher einen hohen Informationswert - nicht nur für die Anleger und Aktionäre, sondern auch für das Management und dessen Kontrolleure im Aufsichtsrat.

          Dabei ist zu berücksichtigen, daß Börsenkurse stark schwanken und vielen Einflüssen unterliegen. Man denke an die großen Börsenkräche 1929 und 1987 oder die Interneteuphorie um die Jahrtausendwende. Diese dramatischen Kursbewegungen haben die Investitionstätigkeit und die Konjunktur weltweit erheblich beeinflußt. Nicht zuletzt, weil viele Menschen ganz unerwartet reich und schnell wieder arm wurden.

          Transparenz und Insiderhandelsverbot

          Nicht nur wirtschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Börsenpreise, auch gut informierte Anleger tun dies. Investoren mit Informationsvorsprüngen werden als Insider bezeichnet. Sie handeln womöglich zu „unfairen“ Preisen. Schließlich gibt es immer wieder Versuche, Kurse zu manipulieren.

          Damit es nicht zu solchen Auswüchsen kommt und sich Preise effizient bilden können, brauchen Börsen einen guten rechtlichen Rahmen. Dazu gehören: strikte Zulassungsstandards für Börsenneulinge; Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse aller notierten Unternehmen (Transparenz) und die Überwachung der Händler an der Börse. Kein Handelsteilnehmer darf über einen Informationsvorsprung vor potentiellen Handelspartnern verfügen (Insiderhandelsverbot).

          Für die breite Bevölkerung interessant

          Diese Regeln werden in Deutschland durch die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) durchgesetzt. Sie tragen dazu bei, daß die Börsenpreise „fair“ zustande kommen und der Markt Informationen effizient verarbeitet.

          Das ist wichtig: Wo Marktpreise effizient sind, dort darf auch der über ein einzelnes Unternehmen schlecht informierte Kleinanleger (wie der Autor dieses Beitrags) vertrauensvoll seine Kauf- oder Verkaufsaufträge einreichen.

          Er muß dann nicht damit rechnen, daß er von einer besser informierten Gegenpartei über den Tisch gezogen wird. „Faire“ Preise sind daher eine Voraussetzung, damit der Kapitalmarkt anhaltend wachsen kann und für die breite Bevölkerung interessant wird.

          Drakonische Strafen

          Diese Bedingungen sind keineswegs selbstverständlich. In Deutschland etwa ist der Insiderhandel erst seit 1995 gesetzlich geregelt (und unter Strafe gestellt), während Insiderhandel in Amerika schon sehr viel länger verboten ist und zum Teil drakonisch bestraft wird.

          Der unterschiedliche Stellenwert „fairer“ Börsenpreise hat möglicherweise mit der unterschiedlichen Bedeutung von börsengehandelten Wertpapieren für die Vermögensbildung und die Altersversorgung in beiden Ländern zu tun.

          Deutscher Kapitalmarkt relativ klein

          Künftig werden Börsen vermutlich noch wichtiger, gerade in Ländern mit vergleichsweise bescheidenen Aktienmärkten wie etwa Deutschland (siehe Grafiken). Die Marktbewertung der Deutschen Börse AG ist ein Beleg. Sie ist hoch, obwohl der deutsche Kapitalmarkt relativ klein ist.

          Ein Zeichen dafür, daß die Wachstumsaussichten hierzulande als besonders positiv eingeschätzt werden. Ob Fusionen, Kapitalerhöhungen, Fonds oder Zertifikate, die Vermittlung durch die Börsen wird mehr denn je gebraucht.

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