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Erbschaftsteuerreform : „Da werden Sie irre, wenn Sie das durchrechnen“

  • Aktualisiert am

Bild: picture-alliance/ ZB

Die Erbschaftsteuerreform sorgt für Arbeit. Auch bei den Beratern von Pricewaterhouse Coopers, die sie ihrer betuchten Klientel auf eigene Weise versuchen nahe zu bringen.

          Der Laufsteg der Schönen und Reichen ist in Düsseldorf normalerweise die Königsallee. An diesem Dezemberabend kommen jedoch einige Mitglieder des rheinischen Geldadels nur ein paar Schritte hinter dem Hauptbahnhof zusammen. Ihr Weg führt sie über das Gelände der ehemaligen Vereinigten Kesselwerke, wo sich in einem modernen Büropark inzwischen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) angesiedelt hat. Hier sitzen sie nun in einem nüchternen Besprechungsraum, verteilt auf zehn Tischreihen, und warten auf den Vortrag von Lothar Siemers.

          Siemers ist der Experte des Hauses für das Thema Erbschaftsteuer. Diese soll im kommenden Jahr einer gründlichen Überarbeitung unterzogen werden. Und weil eine bedeutende Klientel von PwC hierzulande mittelständische Unternehmen sind, hat der umtriebige Steuerberater im Sinne der Kundenbindung eine Veranstaltungsreihe organisiert.

          Gute Laune verfliegt

          Gleich zu Beginn macht sie Station in der wohlhabenden rheinischen Metropole und tourt dann noch bis Ende Januar kurz und quer durch Deutschland. Für die angesprochene Zielgruppe - Mittelständler und vermögende Privatpersonen - ist die Erbschaftsteuerreform ein Reizthema. Das wird rasch deutlich. Vor Beginn der Veranstaltung gibt sich das Publikum noch gutgelaunt. „Es gibt nur ein Mittel, um gesund zu bleiben - konsequente Arztferne“, scherzt ein älterer Herr in kleiner Runde. Anderthalb Stunden später ist von den 30 Zuhörern kaum noch jemand zu Scherzen aufgelegt.

          „Die Reform schwebt schon seit 2005 um uns herum und nimmt nun deutlich Gestalt an“, begrüßt Siemers seine Zuhörer. Zwar befindet sich das umfangreiche Regelwerk nach der Verabschiedung im Bundeskabinett noch in den letzten politischen Abstimmungsrunden und dürfte wohl erst im kommenden Sommer endgültig stehen. Doch der erfahrene Steuerexperte, der unzweifelhaft ein enger Begleiter des Gesetzgebungsverfahrens ist, gewährt an diesem Abend bereits den einen oder anderen Blick in den Abgrund.

          Wirkungslose Verschonungsregeln und steuerliche Minenfelder

          Schon die Vererbung von Immobilienvermögen macht nämlich deutlich, dass das neue Steuerrecht die betuchte Klientel wesentlich teurer kommen kann als das alte. Die Umstellung des Bewertungsverfahrens auf die Verkehrswerte dürfte sich nach Ansicht von Siemers unmittelbar in einer höheren Steuerlast niederschlagen. Mit Werterhöhungen um mindestens 50 Prozent sei zu rechnen. „Es gibt Verschonungsregeln, aber erwarten Sie nicht zu viel“, gibt er seinen Zuhörern als Rat mit auf den Weg.

          Auch der Kern der Reform, nämlich eine schonendere Übertragung von Unternehmen auf die nächste Generation, erweist sich bei näherem Hinsehen als steuerliches Minenfeld. Vor allem die Verpflichtung an die Erben, den Betrieb mindestens 15 Jahre nicht veräußern zu dürfen, weil sonst die steuerbegünstigte Übertragung hinfällig wird, trifft viele Anwesende ins Mark. Nicht einmal zahlungsunfähig darf das Unternehmen in diesem Zeitraum werden.

          Rechnen bis der Arzt kommt

          Seit 1991 befasst sich Siemers mit der komplizierten Materie. Seither eignete er sich eine Virtuosität im Umgang mit dem Regelwerk an, die auch den einen oder anderen lockeren Spruch im Vortrag ermöglicht. So läuft er etwa zu Hochform auf, als es um die Abgrenzung des Verwaltungsvermögens vom Betriebsvermögen geht. Künftig soll die steuerbegünstigte Übertragung von Betriebsvermögen nicht möglich sein, wenn mehr als die Hälfte davon aus Immobilienvermögen, Wertpapieren und ähnlichem besteht. „Bei mehrstöckigen Unternehmensstrukturen bedeutet das eine Prüfung der 50-Prozent-Quote auf jeder Ebene“, ruft Siemers. „Da werden Sie irre, wenn Sie das durchrechnen wollen.“

          Die Gewinner und Verlierer der neuen Erbschaftsteuer sind nach anderthalb Stunden rasch ausgemacht. Verwandte ersten Grades sind künftig beispielsweise besser gestellt. „Da können sich die Vormundschaftsgerichte schon mal auf eine Welle von Erwachsenenadoptionen vorbereiten“, merkt Siemers trocken an.

          Auf der Verliererseite finden sich nach der Reform große Immobilienvermögen, ertragsstarke Unternehmen, Gesellschaften mit einem hohen Verwaltungsvermögen sowie weiter entfernte Verwandte und Nichtverwandte. Und auch, wenn es die komplexe Materie mit sich bringt, dass an der einen oder anderen Stelle weiterhin Gestaltungsspielraum besteht, der pfiffige Steuerberater ernähren wird, so ist er doch enger geworden.

          Siemers steht am Pult und sortiert seine Papiere. Draußen, wo früher Kessel geschmiedet wurden, ist es mittlerweile dunkel geworden. „Noch Fragen?“ Niemand meldet sich. „Na gut - das war ja jetzt auch ein Parforceritt“, sagt er zum Abschied. Niemand widerspricht.

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