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Einzelkämpfer : Ein-Mann-Investmentbanken mischen die Wall Street auf

  • -Aktualisiert am

Paul Taubman: Der Einzelkämpfer profitiert von seinen Kontakten aus der Zeit bei Morgan Stanley. Bild: TINA FINEBERG/The New York Times

Unabhängige Investmentbanker mischen die Hierarchie der Branche auf. Die erfolgreichen Kleinstbanken haben schon einen Spitznamen.

          In der Welt der Investmentbanken gibt es eine klare Hierarchie, die sich auf den Ranglisten der Branche widerspiegelt. An der Spitze dieser vielbeachteten „League Tables“ stehen in der Regel die großen Platzhirsche wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Diese Firmen beschäftigen eine Armee von Angestellten, die große Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen beraten oder sie an die Börse führen. Dahinter folgen kleinere Häuser, die im Jargon der Wall Street „Boutiquen“ heißen. Ein Beispiel dafür ist Perella Weinberg Partners, die 2006 von ehemaligen Spitzenbankern von Morgan Stanley und Goldman Sachs gegründet wurde und mittlerweile 60 Partner hat.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Seit kurzem sorgt aber ein neuer Typ von Investmentbanken für Aufsehen, der noch kleiner ist als die Boutiquen. Häuser wie Lion Tree Advisors, die kaum mehr als zehn Mitarbeiter haben, werden an der Wall Street als „Kiosk“ bezeichnet. Der Extremfall dieser Büdchen-Banken ist Paul J. Taubman, der es mit seiner Firma PJT Capital im vergangenen Jahr auf den elften Platz der Fusionsberater geschafft hat. PJT Capital besteht nur aus Taubman. Er hat ein Büro bei einer großen New Yorker Anwaltskanzlei gemietet und beschäftigt noch nicht einmal eine Sekretärin. Aber die Vorstandsvorsitzenden großer amerikanischer Unternehmen kennen seine direkte Durchwahl. Die hohe Plazierung von Taubman auf den Ranglisten geht auf zwei gigantische Übernahmen zurück. Taubman beriet im vergangenen Jahr die amerikanische Telefongesellschaft Verizon beim Kauf der Minderheitsbeteiligung des britischen Konkurrenten Vodafone am gemeinsamen Mobilfunkanbieter Verizon Wireless. Der Kaufpreis: 130 Milliarden Dollar – die größte Übernahme des Jahres. Aktuell arbeitet Taubman für den amerikanischen Kabelkonzern Comcast, der den Konkurrenten Time Warner Cable für 45 Milliarden Dollar schlucken will.

          Taubman scheint die Rolle als Einzelkämpfer zu genießen

          Taubman ist an der Wall Street natürlich kein unbeschriebenes Blatt. Die wichtigen Kontakte und das Vertrauen der Spitzenmanager hat sich der 53 Jahre alte Investmentbanker in dreißig Jahren bei Morgan Stanley erworben. Er verantwortete dort zuletzt gemeinsam mit seinem Kollegen Colm Kelleher das institutionelle Wertpapiergeschäft und galt zeitweilig als aussichtsreichster Kandidat für eine spätere Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden James Gorman.

          Taubman und Kelleher verstanden sich allerdings nicht. Das Verhältnis soll so zerrüttet gewesen sein, dass sie schließlich kaum noch miteinander redeten. Im November 2012 teilte Morgan Stanley schließlich mit, dass Kelleher das Wertpapiergeschäft künftig alleine weiterführen wird. Taubman verließ die Wall-Street-Bank und nahm eine Auszeit. Nach fünf Monaten wurde Taubman dann von Verizon kontaktiert, für die er jahrelang als Vertreter von Morgan Stanley gearbeitet hatte. Ein paar Monate später meldete sich Comcast, wie Taubman der „New York Times“ verriet. Morgan Stanley war neben Taubman ebenfalls von Verizon angeheuert worden.

          An der Wall Street wird nun spekuliert, dass Taubman seine „Bude“ vergrößern könnte. Bisher scheint er seine Rolle als Einzelkämpfer aber zu genießen. „Der Ruhestand macht Spaß, und ich bin nicht sicher, ob es einen Grund gibt, das zu ändern“, sagte er kürzlich auf einer Podiumsdiskussion. Der Spaß hat sicherlich auch mit Geld zu tun. Bei einer 25-Milliarden-Dollar-Fusion zahlen Unternehmen ihren Beratern bis zu 100 Millionen Dollar. Die Geschäftsführer der Kiosk-Banken können das meiste Geld behalten, weil die Verwaltungskosten niedrig sind. „Wenn wir eine Transaktion im Jahr machen, ist das phantastisch“, sagte Jorge Lucaya der Nachrichtenagentur „Bloomberg“. Lucaya ist Geschäftsführer von AZ Capital, einer Investmentbank mit 15 Mitarbeitern, die unter anderem den spanischen Telekommunikationskonzern Telefónica beraten hat. Lucaya war wie Taubman vorher für Morgan Stanley tätig.

          An der Wall Street ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Investmentbanker selbständig machen. Lion Tree wurde 2012 in New York von zwei ehemaligen Mitarbeitern der UBS gegründet. Der Trend zu Kleinstbanken scheint aber nicht auf die Wall Street beschränkt. AZ Capital sitzt in Madrid, und in London machen die Brüder Michael und Yoel Zaoui Schlagzeilen, obwohl ihre Firma Zaoui & Co. noch nicht mal ein Jahr im Geschäft ist. Zu den Kunden der Brüder, die ihr Handwerk bei Morgan Stanley und Goldman Sachs lernten, gehört unter anderem der französische Kosmetikkonzern L’Oréal. Aktuell beraten sie auch den französischen Zementhersteller Lafarge bei dessen geplanter Megafusion mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim.

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