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Roman über Schweizer Banken : Die Verschwörer von Zürich

Im Allerheiligsten: Martin Suter im Tresorraum der Bank Leu in Zürich. Bild: Alberto Venzago

Martin Suters neuer Roman „Montecristo“ ist ein Reiseführer in die zwielichtige Welt der Schweizer Hochfinanz. Sie lässt sich von den Abgründen in der Realität ebenso wenig aus der Ruhe bringen wie die Figuren in Suters Werk.

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          Den Champagner haben die vier Verschwörer schon getrunken. Jetzt serviert ihnen der Butler, der sich um die mit Holz vertäfelte konspirative Wohnung im vierten Stock des Bankgebäudes kümmert, eine Geflügelleberterrine. Dazu gibt es Weißwein. Am Tisch sitzen die Chefs der beiden größten Banken des Landes, der Vorstandsvorsitzende der Banknotendruckerei und der oberste Bankenkontrolleur. Es gilt einen Skandal zu vertuschen, der andernfalls das Finanzsystem der Schweiz aus den Angeln heben würde.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gilt die Zeugen zum Schweigen zu bringen. Und es gilt, dabei diskret zu bleiben, Ruhe zu bewahren, die gediegene Fassade aufrechtzuerhalten. Im Kamin prasselt ein Feuer, an den Wänden hängt moderne Kunst, draußen fällt Schnee auf die Dächer von Zürich. „Krise will ich es nicht nennen, aber mit einer Vorstufe haben wir es schon zu tun“, sagt der Hausherr.

          Der Satz stammt aus Martin Suters neuem Roman „Montecristo“, der seit dieser Woche in den Buchhandlungen verkauft wird. Er lässt sich als Thriller lesen, als die erfundene Geschichte einer kriminellen Verschwörung. Oder als Reiseführer in die feine Welt der Schweizer Hochfinanz, die sich von den Abgründen in der Realität genauso wenig aus der Ruhe lassen bringen will wie die vier Herren beim Abendessen von dem fiktiven Skandal. 60 Milliarden Dollar Staatshilfe hat die Großbank UBS vor sieben Jahren bekommen, um ihre Verluste aus hochriskanten Geschäften in Amerika zu verkraften. Wenig später wurde bekannt, dass ein einzelner Investmentbanker derselben Bank mit Spekulationen mehr als zwei Milliarden Dollar Verlust gemacht hat. Seitdem reißen die Vorwürfe gegen die eidgenössischen Banken nicht mehr ab: Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Zinsmanipulation.

          Der Stoff lag auf der Straße

          Um im Tonfall der Verschwörer zu bleiben: Ist das schon eine Krise - oder noch die Vorstufe dazu? „Im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft ist die Schweiz weiterhin der größte Finanzplatz für internationale Kunden“, schreibt der Zürcher Bankenverband trotzig. Auf gut fünf Billionen Franken beläuft sich das verwaltete Vermögen, mehr als das Siebenfache der Schweizer Wirtschaftsleistung. Die Kunden legen Wert auf Diskretion. Auf die Ruhe, die der Schnee auf Zürichs Dächern verspricht. Auf die steinerne Fassade des Gebäudes, hinter dessen Vorhängen die Verschwörer beraten. „Das Geld ist futsch“, sagt der Bankmanager in Suters Buch. „Aber darum geht es nicht. Wir haben ja dafür sorgen dürfen, dass der Verlust nicht in den Büchern auftaucht.“

          Der Stoff für „Montecristo“ lag seit den Enthüllungen der vergangenen Jahre auf der Straße. Suters Schilderung fährt haarscharf an den Kanten der Realität entlang, das macht ihren Reiz aus. Wie im Roman, in dem die „Swiss International Bank“ und die „General Confederate Bank of Switzerland“ - kurz GCBS - das Geschäft untereinander aufteilen, beherrschen auch in der Wirklichkeit zwei Institute den Finanzplatz Zürich, sie heißen UBS und Credit Suisse. Der stattliche Hauptsitz der Credit Suisse am Paradeplatz stammt übrigens wie der Treffpunkt der Verschwörer aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er hat ebenfalls vier Etagen. Und den Balkon, auf dem der fiktive Bankchef im Schneetreiben seine Zigarette raucht, gibt es dort auch.

          Suter weiß, wovon er schreibt. Er ist in Zürich aufgewachsen und lebt - nach Jahren auf Ibiza und in Guatemala - nun auch wieder dort. Er hat als Werbetexter und Präsident des Schweizer Art Director Clubs die Wirtschaftselite des Landes kennengelernt, bevor ihm mit seinen Managerkolumnen unter dem Titel „Business Class“ und seinem ersten Roman „Small World“ der Durchbruch als Schriftsteller gelungen ist. Er hat, wie er selbst zugibt, außerdem einen Hang zum Geldausgeben, zu teurer Kleidung, schönen Häusern und gutem Essen. Berührungsängste gegenüber den Reichen und Mächtigen sind ihm fremd. Urs Rohner, den Verwaltungsratspräsidenten der Credit Suisse, zählt Suter zu seinen Freunden. Für „Montecristo“ ließ er sich zudem von Peter Siegenthaler und Moritz Leuenberger beraten, denen er im Nachwort dafür dankt. Der eine war einst Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, der andere gehörte bis 2010 der Schweizer Bundesregierung an. Und richtig: Auch im Roman kommen ein Minister und der oberste Finanzaufseher vor.

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