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Der Fall Madoff : Mörder, Monster, Teufel

Wie gemütlich ist die Metropolitan Besserungsanstalt? Madoff-Opfer hoffen: möglichst wenig. Bild: AFP

Kurz vor dem Verfahren gegen den Anlagebetrüger Bernard Madoff kommen nach und nach die persönlichen Geschichten der Opfer an die Öffentlichkeit. Sie fordern die Höchststrafe und scheuen auch vor Anfeindungen gegen Madoffs Frau nicht zurück.

          Wenige Wochen vor der Urteilsverkündung für den New Yorker Anlagebetrüger Bernard Madoff kommen die persönlichen Geschichten der Geschädigten an die Öffentlichkeit. Die Staatsanwälte haben dem zuständigen Bundesrichter Denny Chin in New York 113 Briefe und E-Mails von Opfern oder Angehörigen vorgelegt. Die Geschädigten beschreiben ihre Leidensgeschichten im Detail und lassen ihrer Wut freien Lauf. Madoff wird als „Mörder“, „Monster“, „Vergewaltiger“ und „Teufel“ beschimpft, ein Opfer vergleicht ihn mit Adolf Hitler.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der 71 Jahre alte Madoff hat sich im März in einem Betrugsverfahren in allen elf Anklagepunkten schuldig bekannt und sitzt seither in Untersuchungshaft. Unter anderem werden ihm Wertpapierbetrug, Geldwäsche, Meineid und falsche Angaben gegenüber der Börsenaufsicht vorgeworfen. Madoff hat seit Jahren ein gigantisches Schneeballsystem betrieben, bei dem Anleger nicht mit Gewinnen aus Investitionen ausgezahlt wurden, sondern mit dem Geld neuer Kunden. Mit dieser Methode hat Madoff seine Kunden um 65 Milliarden Dollar geprellt. Der Schwindel kam im Dezember ans Licht, nachdem Madoff seinen Söhnen sein System gestanden hatte. Seine Strafe soll am 29. Juni verkündet werden. Die gesetzliche Höchststrafe liegt bei 150 Jahren.

          „Ich bin jetzt bettelarm“

          In ihren Briefen ließen die Geschädigten keinen Zweifel daran, dass aus ihrer Sicht nur die höchste Strafe in Betracht kommt. Manche von ihnen forderten den Richter auf, dafür zu sorgen, dass Madoffs Gefängnisaufenthalt so unangenehm wie möglich wird: „Bitte stellen Sie sicher, dass die Einrichtung, in der er verrottet, extrem unkomfortabel ist“, schrieb Jesse Cohen aus New Jersey. Viele Opfer schildern, wie ihre Investition bei Madoff sie in den finanziellen Ruin getrieben hat.

          Bernard Madoff: Sein Gefängnisaufenthalt möge so unangenehm wie möglich sein, forderten Opfer

          „Wir haben nichts mehr. Ich habe meinem Vater (89) gesagt, dass er nicht sterben kann, weil wir nicht genug Geld haben, um ihn zu begraben“, heißt es im Brief von Kathleen Bignell aus Colorado. Allan Goldstein, ein 76 Jahre alter Kriegsveteran, schreibt: „Ich bin jetzt bettelarm.“ Er habe sein Haus verkaufen müssen, um eine Zwangsvollstreckung zu vermeiden. „Jetzt leben wir in einem Zimmer im Haus unserer Tochter.“ Morton Chalek aus New York klagt: „Ich bin 86 Jahre alt. Ich habe ein gebrochenes Knie, ich habe Lungenkrebs, und wegen Madoff bin ich jetzt bankrott.“

          Stephanie Halio aus Florida erzählt, wie sie im Dunkeln saß und sich nicht mehr traute, das Licht oder die Klimaanlage anzumachen. „Ich hatte solche Angst vor den Stromrechnungen.“ Der Verlust ihrer Anlagen bei Madoff habe auch einen gesundheitlichen Tribut gefordert: „Ich bin ständig nervös und mache mir Sorgen über meine Zukunft. Das geringste Geräusch lässt mich aufschrecken.“

          Opfer keine Superreichen

          In einigen Briefen zeigen sich die Geschädigten empört darüber, dass sie in der Öffentlichkeit als betrogene Superreiche dargestellt werden, während sie in Wirklichkeit ein bescheidenes Leben führten und bei Madoff nur etwas Geld auf die Seite legen wollten. „Wir werden als gierig porträtiert oder als Multimillionäre. Aus irgendeinem Grund wird nun auf einmal uns die Schuld in die Schuhe geschoben“, beklagt sich Natalie Erger, die ihren Brief mit den Worten unterschreibt: „Ein Direktinvestor, von Madoff zu lebenslänglichem finanziellem Ruin und emotionalem Aufruhr verurteilt.“

          Nicht nur Bernard Madoff selbst, sondern auch seine Familie und insbesondere seine Frau Ruth werden in den Briefen scharf attackiert. „Wie lange wird es dauern, bis man die ganze Familie anklagt?“, fragt Stephanie Halio. Viele Opfer richten ihren Ärger auch auf die Börsenaufsicht SEC und beklagen sich, dass die Behörde trotz etlicher Alarmsignale nicht in der Lage war, den Betrug aufzudecken.

          Die persönlichen Geschichten werden womöglich auch bei der Urteilsverkündung am 29. Juni wieder eine Rolle spielen. Acht der Geschädigten haben in ihren Briefen den Richter darum gebeten, an diesem Tag vorsprechen zu dürfen.

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