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Vorsicht vor Aktien und Gold : Was tun, wenn die Deflation kommt?

  • -Aktualisiert am

Was soll ein Anleger tun, wenn es tatsächlich zu Deflation auch in Europa käme? Bild: dpa

Stephen King ist der ungekrönte König des Schauerromans. Der Ausblick seines Namensvetter und Chefvolkswirt der größten europäischen Bank HSBC, klingt ähnlich gruselig.

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          Vorsicht vor Aktien und Gold! So warnt Stephen King, Chefvolkswirt der HSBC. Denn er ist keineswegs derselben Meinung wie Janet Yellen. Die Präsidentin der amerikanischen Notenbank hat in der vergangenen Woche bestritten, dass Aktien irrational teuer seien. Gemessen an Inflation und Unternehmensgewinnen seien sie trotz der rekordhohen Aktienkurse an der Wall Street innerhalb historischer Normen bewertet, beschwichtigte Yellen. Stephen King, Chefvolkswirt der größten europäischen Bank HSBC, sagt dazu: „Amerikanische Aktien sind gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis nach Shiller so teuer wie 1996, als Janet Yellens Vorvorgänger Alan Greenspan von irrational exuberance, also von irrationalem Überschwang an den Finanzmärkten sprach.“ Was folgt daraus: „Ich wäre vorsichtig, jetzt viel Geld in die Aktienmärkte zu stecken“, sagte King im Gespräch mit dieser Zeitung.

          „Die Weltwirtschaft gerät mehr und mehr unter deflationären Druck“

          King sieht als Hauptrisiko für Anleger, dass die lockere Geldpolitik der Notenbanken zu „inflationierten“ Preisen für Immobilien und Aktien geführt haben dürfte. Zumindest passen rekordhohe Aktienkurse und kräftig kletternde Immobilienpreise seiner Ansicht nach nicht zu den niedrigen Renditen, die Anleihen abwerfen. Auch wüchsen die beiden wichtigsten Volkswirtschaften, die der Vereinigten Staaten und Chinas, derzeit nur schwach, stellt King fest und folgert: „Die Weltwirtschaft gerät mehr und mehr unter deflationären Druck, wie ihn Japan schon seit Mitte der neunziger Jahre kennt.“ In Japan seien in dieser Phase der Deflation, also auf breiter Front sinkender Preise, zwei Größen stets unterschätzt worden, erinnert King: „Inflation und Wachstum haben in den neunziger Jahren in Japan immer negativ überrascht.“

          Dass durch den Konflikt im Irak die Ölpreise im Juni um rund 10 Dollar je Barrel gestiegen sind, sei „keine gute Nachricht für die Weltwirtschaft“, fügt King noch hinzu. „Auch hier hat sich gerade in Japan gezeigt, dass es Unternehmen in einer Deflation noch schwerer fällt als sonst, höhere Einkaufspreise an die meist unter hoher Arbeitslosigkeit leidenden Konsumenten zu überwälzen. „Deshalb dürften höhere Ölpreise vielmehr die Gewinnmargen der Unternehmen drücken“, sagt King. Die hohen Aktienkurse wären dann noch weniger gerechtfertigt.

          Anleihen sind besser

          Aber was soll ein Anleger tun, wenn es tatsächlich zu Deflation auch in Europa käme? „In Japan wollte man während der Deflation zwei Dinge nicht besitzen: Grundstücke beziehungsweise Wohneigentum und Aktien. Denn der Wert des Geldes geht nach oben - nicht aber der Wert von Sachvermögen“, erklärt King. Tatsächlich zeigt ein Blick auf den japanischen Aktienindex Nikkei Fürchterliches: Er fiel von 39.000 Punkten Anfang der neunziger Jahre auf kaum mehr als 7000 Punkte im Jahr 2009, bis er sich wieder etwas auf 16.000 Punkte erholt hat.

          Aber was soll ein Anleger anstelle von Aktien und Immobilien kaufen? „Anleihen sind besser“, antwortet King. Bei den niedrigen Zinsen? „Ja“, sagt King. Immerhin sei die Rückzahlung recht sicher, das Geld dann in der Deflation mehr wert als heute. Und im Übrigen könnten die Renditen noch weiter sinken und sich entsprechend zwischenzeitlich Kursgewinne einstellen. Aber gilt nicht auch Gold als Schutz in allen Anlegerwelten - ob Inflation oder Deflation? „Vor drei, vier Jahren haben viele Leute Gold gekauft, weil sie glaubten, dass die Notenbanken mit ihren damals neuen Anleihekaufprogrammen (QE) die Inflation schüren würden.

          Gold diente für dieses Szenario als eine Versicherung“, sagte King. Jedoch sei die tatsächlich eingetretene Inflation viel niedriger als gedacht. Amerikas Notenbank werde noch in diesem Jahr ihre Anleihenkäufe beenden. Die Europäische Zentralbank aber habe mit ihren unkonventionellen Maßnahmen gegen den deflationären Druck erst begonnen. Es sei gut für den Euroraum, dass sich der Euro daraufhin von 1,40 auf 1,35 Dollar abgeschwächt habe. „Der Euro wird weiter abwerten, wir erwarten ihn mit 1,28 Dollar zum Jahresende“, sagt King.

          Zwar hätten einige südeuropäische Länder, allen voran Spanien, durch Sparen an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. „Aber was Spanien durch Austerität gewonnen hat, haben Frankreich und Italien verloren. Deshalb steht der Euroraum als Ganzes unter dem Druck sinkender Inflation und abnehmenden Wachstums.“ Gold könnte daher eine Versicherung sein gegen unvorhersehbare Reaktionen der Politiker und Notenbanker auf den Deflationsdruck, meint King. Als Schutz vor Deflation hält er den Sachwert Gold aber für ungeeignet.

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