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Geldanlage : Die Fonds-Falle

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Die Börsen steigen wie verrückt, und alle kaufen Fonds: Ausgerechnet das könnte den ganz großen Crash auslösen.

          5 Min.

          Am vergangenen Mittwoch ging eine Nachricht des Internationalen Währungsfonds (IWF) um die Welt. Wer sie genau las, konnte den Eindruck gewinnen, als wollten die IWF-Experten im fernen Washington Anlegern rund um den Globus die Laune so richtig verderben. Denn ausnahmsweise handelte die Nachricht weder von Griechenland noch vom Wachstum der Weltwirtschaft (obwohl sich der IWF in der vergangenen Woche zu beidem auch äußerte). Sie griff stattdessen ein Thema auf, dem die Fachleute in Washington sonst eher wenig Aufmerksamkeit schenken: Investmentfonds.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit anderen Worten: Es geht ums Geld und zwar nicht um die Milliarden einiger weniger Superreicher. Sondern um unser aller Geld. Denn auch wenn Fonds mitunter Milliarden verwalten, tun sich dabei doch in erster Linie viele Privatanleger mit kleineren Beträgen zusammen, um ihr Geld von einem Profi vermehren zu lassen. Die Masse macht’s, lautet das Erfolgsprinzip. Ein Prinzip, an dem der IWF in der vergangenen Woche heftig rüttelte: „Von Fonds kann ein Risiko für die Stabilität des Finanzsystems ausgehen“, heißt es im Financial Stability Report der Organisation. Im Extremfall drohten heftige Kursstürze und der Zusammenbruch ganzer Wertpapiermärkte.

          Diese wenig erfreuliche Botschaft müssen sich Anleger ausgerechnet in einer Woche anhören, die vor Rekorden nur so strotzt: Der Dax erreichte am Freitag einen neuen Höchststand, das japanische Aktienbarometer Nikkei erreichte den höchsten Wert seit dem Jahr 2000 und auch in Amerika stiegen die Kurse. Wieso um alles in der Welt will man uns da die Stimmung vermiesen?

          Das billige Geld treibt die Aktienmärkte an

          Weil sich die IWF-Experten ernsthaft Sorgen machen. Übrigens im Verein mit den Fachleuten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, die sich ebenfalls intensiv mit Marktrisiken beschäftigen. Auch wenn viele Anleger dies nicht gerne hören werden: Die beiden Organisationen sorgen sich zurecht. In ihren Analysen decken sie auf, dass ein gefährlicher Gleichlauf die Finanzmärkte erfasst hat: Je mehr Investmentfonds es gibt und je größer sie werden, umso mehr gleicht sich das Verhalten der Marktteilnehmer aneinander an. Sie bewegen sich also alle in die gleiche Richtung. Das ist schön und bequem, so lange die Kurse steigen und alles so wunderbar läuft wie derzeit. Aber das kann gefährlich, ja geradezu verheerend sein, sobald das Pendel einmal in die andere Richtung ausschlägt.

          Wie kommen die Experten nun zu dieser Einschätzung? Indem sie zunächst einmal ganz simpel auf die Zahlen geschaut haben. Die zeigen: Die Fondsbranche hat in den vergangenen Jahren weltweit einen einzigartigen Siegeszug erlebt. Laut einer Statistik des Fondsverbandes Efama sind heute sage und schreibe 28.290 Milliarden Euro in Fonds investiert – das ist doppelt soviel wie noch im Jahr 2008. Das heißt: Noch nie spielten Investmentfonds auf den Finanzmärkten eine so bedeutende Rolle wie heute.

          Nun kann man als Fondsmanager derzeit nicht viel falsch machen: Aufgrund der außergewöhnlichen, heftig umstrittenen Geldpolitik der Zentralbanken (Stichwort: Anleihekäufe), sind die Kurse von Anleihen gestiegen, als gäbe es kein Morgen (spiegelbildlich dazu fielen die Renditen). Und gleichzeitig hat das billige Geld die Aktienmärkte von einem Rekordhoch zum nächsten getrieben. Ob mit Aktien oder mit Anleihen im Depot: Die Kurse erhöhten sich zuletzt wie von selbst. Die Fondsmanager mussten sich einfach nur von der Herde mit treiben lassen.

          Steter Anstieg: Investmentfonds binden so viel Geld, wie nie zuvor

          Genau das ist aus Sicht der IWF-Fachleute das Problem: „Ein solches Herdenverhalten erhöht die systemischen Risiken.“ Nun klingt das zunächst einmal nicht gerade nach einer neuen Erkenntnis: Herdentrieb – also allein deswegen zu handeln, weil andere Investoren dies auch tun - ist an den Finanzmärkten schließlich ein altbekanntes Phänomen. Der Herdentrieb aber, den BIZ und IWF meinen, ist ein etwas anderer, weil er durch eine neue Entwicklung verstärkt wird: durch den Trend zu börsengehandelten Indexfonds (ETF). Fast 3000 Milliarden Euro haben Anleger aus aller Welt in sie investiert.

          Bei ETF handelt es sich eigentlich um eine gute Erfindung: Sie bilden die Entwicklung eines Börsenindex zu niedrigen Kosten exakt ab. Steigt beispielsweise der Dax um drei Prozent, legt auch ein Dax-ETF um drei Prozent zu, bei Verlusten vice versa. Bildlich gesprochen: In welche Richtung auch immer die Herde läuft – die ETF sind immer mittendrin.

          Ein Paradoxon: Wo ist die Liquidität, wenn man sie braucht?

          Wie aber ist das bei klassischen Fonds? Theoretisch könnten deren Manager weitgehend frei agieren und müssten sich um die Entwicklung des Dax oder anderer Börsenbarometer gar nicht scheren. In der Praxis aber tun dies nur wenige. Der Grund dafür ist einfach: Die meisten Fondsmanager werden danach bezahlt, wie sie im Vergleich zu Dax & Co. abschneiden. Da zahlreiche Studien zeigen, dass auf Dauer kaum jemand bessere Ergebnisse erzielen kann als der Markt als Ganzes, gehen die Manager darum häufig auf Nummer Sicher und richten ihre Anlagestrategie stark an der Gewichtung der Aktien im Index aus. So laufen sie zumindest nicht Gefahr, schlechtere Resultate zu erzielen als das Börsenbarometer. Dass dies, hart gesagt, einer Art Arbeitsverweigerung gleichkommt, steht auf einem anderen Blatt. Das Resultat ist jedenfalls: Sowohl klassische Fonds als auch ETF folgen ganz nah dem Index.

          Was so technisch klingt, heißt aber ganz konkret: Da jeder Fondsmanager sein Handeln so eng am Handeln des anderen orientiert und da den ETF wegen ihres Konstruktionsprinzips ohnehin keine andere Wahl bleibt, fließen in einem Schwung Milliarden in einen Markt hinein und lassen die Kurse steigen. Oder aber, und das ist das Gefährliche, die Milliarden fließen in einem Schwung wieder heraus und lassen die Kurse heftig abstürzen. Im Extremfall kann es sogar passieren, dass alle ihre Wertpapiere verkaufen möchten und keiner sie kaufen will. Der Fachbegriff für diesen Zustand lautet Illiquidität. Man könnte aber auch sagen: Der Markt ist dann am Ende – und die Anleger wären es im übertragenen Sinne auch.

          Howard Marks, den Chef der bekannten amerikanischen Hedgefondsgesellschaft Oaktree, treibt diese Sorge schon länger um. In einem Brief an seine Kunden fand er Ende März treffende Worte: „Es ist paradox: Wenn sich keiner um Liquidität schert, ist sie im Übermaß vorhanden. Wenn man sie dagegen am dringendsten benötigt, ist sie beim besten Willen nicht aufzufinden.“ Liquidität nämlich kann es nur geben, wenn sich eine Gegenpartei findet, die den Verkaufswilligen ihre Wertpapiere abnimmt. In einer Welt gleichgeschalteter Fonds aber fehlt es womöglich an jenem Wettgeld, das den Markt vor dem Zusammenbruch schützt.

          Die Banken, die früher in einer solchen Situation regelmäßig einsprangen und die Papiere auf ihre Bücher nahmen, fallen als Ausputzer aus: Nach der Finanzkrise wurden ihre Möglichkeiten zum Eigenhandel stark eingeschränkt. „Ohne Arbitrageure kann kein Markt der Welt funktionieren“, sagt Andreas Hackethal, Finanzprofessor an der Universität Frankfurt. Zugespitzt formuliert: Niemals wurden echte Spekulanten so dringend benötigt wie heute.

          Aber was soll einen Crash genau herbeiführen?

          Nun könnte man einwenden: Was um Himmels Willen soll denn bei der aktuellen Börsenlage den Crash herbeiführen, vor dem die Experten sich so fürchten? Natürlich weiß dies niemand ganz genau. Aber Aussagen von Notenbankern sind stets imstande, heftige Verkaufssignale auszulösen. Dies war beispielsweise 2013 so: Der damalige amerikanischen Notenbankpräsident Ben Bernanke hatte da lediglich von der Möglichkeit geringerer Anleihekäufe gesprochen – und nur damit an den Aktienbörsen vieler Schwellenländer ein Beben ausgelöst. Selbst damals aber, wenden Kritiker der IWF-Thesen ein, sei der Markt nicht gänzlich zusammengebrochen.

          In der Tat mag sich an den großen Aktienbörsen noch immer ein Käufer finden – nur eben zu einem äußerst niedrigen Preis. Schwieriger sieht die Sache an Märkten aus, an denen ohnehin etwas weniger gehandelt wird. Dies gilt insbesondere für Firmenanleihen mit einer schlechten Ratingnote (sogenannte High Yield-Bonds) und für Anleihen aus den Schwellenländern. Wer hier Schlimmeres befürchtet, sollte in solche Fonds und Wertpapiere besser gar nicht erst einsteigen.

          Diese neue, von Fonds dominierte Finanzwelt muss darum mit einer besonderen Paradoxie leben: Wenn alle das machen, was für jeden einzelnen Anleger am besten erscheint - sich nämlich nach dem Markt richten – kann das den Markt zerstören. Anders gesagt: Wenn alle das Richtige tun, geht es am Ende womöglich richtig schief.

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