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Charttechnik : Lage an den Börsen hat sich eingetrübt

  • Aktualisiert am

Bild: Staud-Research.de

So kann der Optimismus täuschen. Gingen die Privatanleger noch vor wenigen Tagen davon aus, daß die Börsen unbeirrt nach oben laufen würden, so scheint plötzlich eine breiter angelegte Konsolidierung denkbar zu sein.

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          So kann der Optimismus täuschen. Gingen die Privatanleger noch vor wenigen Tagen davon aus, daß die Börsen unbeirrt von hohen Rohstoffpreisen und steigenden Zinsen nach oben laufen würden, so dürfte sich die Stimmung aufgrund der deutlichen Kursverluste in wenigen Tagen eingetrübt haben.

          Charttechnisch ist das schon passiert. Mit einer wenig erbaulichen Vorstellung zog sich der Dax schon am Freitag unter die 6.000 Punkte-Marke zurück und durchbrach dabei den Aufwärtstrend seit Oktober des Jahres 2005. Auch am Montag tendierten die Märkte zu Handelsbeginn deutlich leichter. Der Dax sackte am Morgen zeitweise unter 5.800 Punkte und gab vorübergehend nach nur drei Tagen die Kursgewinne von zwei Monaten wieder ab.

          Auch die mittleren Titel und die Technologiewerte hatten mit starken Kursabschlägen zu kämpfen. Solaraktien gaben zweistellig ab und drückten den TecDax zeitweise um mehr als fünf Prozent ins Minus. Der Eurostoxx50 sank im Verlauf auf den niedrigsten Stand seit Februar.

          Bild: FAZ.NET

          Eine breiter angelegte Konsolidierung denkbar

          „Damit ist zwar nicht das Ende von allem eingeläutet worden, aber mit einiger Sicherheit hat damit eine breiter angelegte Konsolidierung ihren Anfang genommen. Kein Beinbruch gewiß - aber nachdem das Geld verdienen an der Börsen in den letzten Monaten zu einer weitestgehend, ausnahmsweise schmerzfreien Veranstaltung geworden war, stehen jetzt wahrscheinlich erst einmal wieder die etwas unruhigeren Nächte für Investoren und Marktteilnehmer an. Prognose - klarer Fall: der Dax wird konsolidieren,“ so lautet das Fazit des Markttechnikers Wieland Staud.

          Er geht davon aus, daß diese Seitwärtsbewegung deutlich länger als die vorangegangenen Rückschläge des Dax anhalten werde und dabei seien auch größere Kursabschläge als in den vergangenen zwölf Monaten denkbar. Das aktuelle Konsolidierungspotential liege - zumindest kurzfristig - bei Rückfällen auf Daxwerte von bis zu 5.535 Punkten.

          Waren die Märkte bisher von der „besten aller Welten“ ausgegangen, so dürfte sich das mit der zunehmenden Nervosität am Devisenmarkt verändert haben. Sie leitet sich aus den anhaltenden weltwirtschaftlichen Ungleichgewichten, den hohen Rohstoffpreisen, den inflationären Ängsten und nicht zuletzt auch aus einer gewissen Unsicherheit über die amerikanische Konjunktur und damit die Geldpolitik des Landes ab. So lassen sich die hohen Rohstoffpreise einerseits mit einem starken Wachstum, andererseits aber auch mit einer hohen Dollarliquidität weltweit erklären, die eigentlich abgeschöpft werden müßte, um Kursblasen an Finanz- und Vermögenswerten zu vermeiden.

          Das sieht man auch an den Märkten klarr. „Diese Korrektur war überfällig“, sagt Sören Steinert, Aktienhändler bei Close Brothers Seydler. „Auf Dauer konnte sich Europa dem Druck durch den hohen Euro, die gestiegenen Rohstoffpreise und die Zinsängste nicht entziehen.“ Zudem seien die Aktien von Unternehmen wie etwa Münchener Rück und Allianz trotz guter Zahlen zuletzt nicht mehr gestiegen. „Da wuchs bei Anlegern die Sorge, daß die Luft nach oben zunehmend dünner wird“, sagte Steinert.

          Die Korrektur wurde dann seit Freitag zum Selbstläufer geworden. Das zeigte sich kaum klarer als imtecDax, wo gerade die gut gelaufenen Titel zu den Verlieren gehörten. Dazu gehörten allen voran die Solarwerte oder Aktien wie United Internet und Evotec. In London standen etwa die im Kielwasser steigender Metallpreise zuletzt gut gelaufenen Minenwerte unter Druck. Die in den Indizes schwer gewichteten Papiere litten ebenfalls unter Gewinnmitnahmen, wie Händler sagten.

          Und natürlich die Rohstoffe, allen voran die Industriemetalle, die im Grunde durch die Bank als spekulativ und von überbordender Liquidität überhitzt gelten. Allen voran gingen auch hier die Top-Performer: Zink und Kupfer verloren in der Spitze zehn Prozent, ebenso wie Silber.

          Chartbild hat sich auch an der Wall Street eingetrübt

          Das charttechnische Bild hat sich nicht nur in Europa eingetrübt, sondern auch an der Wall Street. Sah es dort noch zu Beginn der vergangenen Woche so aus, als ab der Dow Jones bald auf ein neues Allzeithoch zulegen könnte, so haben sich diese Aussichten inzwischen wieder eingetrübt. Der S&P 500 droht nach unten aus dem aufwärts gerichteten Keil zu fallen, der Utility-Index scheint nach unten zu kippen - gemessen an der gleitenden 200-Tageslinie - und der Russell 2000 ist unter den mittelfristigen Aufwärtstrend gebrochen. Der „Wahlzyklus“ spricht auch nicht unbedingt für die Wall Street.

          Zusammen mit einem schwachen Dollar und schwachen Rentenmärkten deutet sich eine Änderung wichtiger Parameter an den Finanzmärkten hin. So scheint es nicht mehr sicher zu sein, ob und wie lange Aktien kleiner und mittlerer Werte besser abschneiden werden als die der „Schwergewichte“. Auch die Schwellenländermärkte dürften angesichts einer zunehmenden Risikoaversion skeptischer als bisher betrachtet werden müssen.

          Insgesamt könnte es ratsam sein, etwas Geld vom Tisch zunehmen. Dazu würde sich unter anderem die Reduktion des Aktienanteils und der gleichzeitige Kauf von derivativen Produkten anbieten. Denn auf diese Weise können Anleger die Risiken nach unten reduzieren, sind aber bei Überraschungsbewegungen nach oben immer noch dabei.

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