https://www.faz.net/-gv6-qwz9

Charttechnik : Aktien-Rally nimmt Fahrt auf

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Die Aktienmärkte verhalten sich derzeit so, als wären sie gerade in einen neuen Haussemarkt eingetreten, meint Mark Arbeter, technischer Chefanalyst von Standard & Poor's.

          4 Min.

          Der Aktienmarkt scheint auf allen Töpfen zu fahren und trotz einiger recht deutlich überkaufter Werte hat die Rally noch eine gute Strecke vor sich. Die Anleiherenditen vollzogen letzte Woche eine scharfe Kehrtwendung nach unten, während die Rohölpreise weiter niedrig sind.

          Nach unserer Auffassung verhält sich der Aktienmarkt derzeit so, als sei er gerade in einen neuen Haussemarkt eingetreten, nachdem im Juni und Juli ein Vier-Jahres-Tief zu beobachten war. Häufig fällt der Markt während dieses zyklischen Vier-Jahres-Tiefs noch weit mehr als in diesem Jahr. Diesmal betrug der Rückgang von der Spitze bis zur Talsohle im S&P-500 nur 7,7 Prozent und für den Nasdaq Composite nur 14,8 Prozent.

          Typische Signale eines Bullenmarktes

          Oft sind die Anfänge eines Bullenmarktes (nach einem Bärenmarkt) durch gewaltige Kursgewinne, extrem überkaufte Bedingungen und einer eher zurückhaltenden Stimmung hinsichtlich des Bullenlagers. Nach dem großen Baissemarkt im Jahr 1932 stieg der Dow Jones Industrials Index innerhalb von 50 Tagen um 92 Prozent bei einer maximalen 100-Tage-Änderungsrate (ROC) von 64 Prozent. Im Jahre 1975 lag die höchste 50-Tage-ROC für den S&P-500 bei 27 Prozent und die die höchste 100-Tage-ROC bei 30 Prozent.

          Bild: FAZ.NET

          Nach den Bärenmärkten der Jahre 1982, 1990, 1998 und 2003 betrug die höchste 50-Tage-ROC für den S&P-500 zwischen 18 und 35 Prozent und die höchste 100-Tage-ROC zwischen 23 und 33 Prozent. Diese Ergebnisse folgten sämtliche auf Bärenmärkte, die innerhalb der zyklischen Vier-Jahres-Tiefs eintraten, mit Ausnahme des Tiefstands von 1932.

          Kein neuer Bärenmarkt in Sicht

          Da es nicht danach aussieht, als ob wir in diesem Jahr ein größeres zyklisches Vier-Jahres-Tief oder einen Bärenmarkt erleben würden, können wir uns einighe der vergangenen Jahre ansehen, die mit dem Vier-Jahres-Tief zusammenfielen und in denen der Markt keine bearishe Tendenz aufwies: das war 1986 und 1994 der Fall. Im Jahre 1986 ging der S&P 500 um 9,4 Prozent zurück und erreichte seine Talsohle Ende September. Nach diesem Korrekturtiefstand erreichte die 50-Tage-ROC fast 20 Prozent, während die 100-Tage-ROC bis zu 26 Prozent erreichte.

          Im Jahre 1994 ging der S&P-500 um 8,9 Prozent zurück und ging im Prinzip bis zu seinem endgültigen Tiefstand im Dezember seitwärts. Danach stieg der Index innerhalb von 50 Tagen um 9,3 Prozent, seine höchste 100-Tage-ROC betrug 17,6 Prozent. Natürlich schwenkte der Markt nach dem Korrekturtiefstand wieder in seinen historischen Verlauf ein und erreichte den nächsten Höchststand erst im Jahr 2000. Die Mini-Baisse von 1998 war die einzige wirkliche Unterbrechung dieses kräftigen Aufwärtstrends.

          Überkaufte Niveaus sind typisch

          Bisher lag die höchste 50-Tage-ROC für den S&P-500 in diesem Jahr seit der Erholung vom Tiefstand im Juli bei 8,7 Prozent, also fast auf dem gleichen Wert wie die 9,3 Prozent des Jahres 1995. Die 100-Tage-ROC hat erst 9,9 Prozent erreicht, aber bei dieser Maßgröße müssen wir etwas länger warten, bis wir sie mit den Renditen von 17,6 Prozent im Jahr 1995 und 26 Prozent im Jahr 1987 vergleichen können.

          Der S&P-500 hat einige technische Indikatoren auf extrem überkaufte Niveaus getrieben, wie man sie häufig zu Beginn eines großen Bullenmarktes beobachtet. So erreichte der 14-Tage-RSI (Relative Stärke Index) am 26. Oktober fast 80 und lag damit etwas über dem Wert vom Januar 2004 und November 1998 und auf dem höchsten Stand seit Ende 1996. Der 6-Tage-RSI stieg am gleichen Tag auf 90 und auch dieser Wert kam denen von Anfang 2004, 1998, 1995 und 1987 recht nahe.

          Warten auf den besseren Einstiegspunkt, der nie kommt

          Im Zuge der Erholung von einem Vier-Jahres-Tief scheint der Markt sehr oft viel zu schnell anzuziehen und treibt damit die technischen Tageswerte in extreme Höhen. Die Pullbacks sind nur flach oder fast nicht meßbar und alle Anleger, die nicht voll investiert sind, warten am Spielfeldrand auf einen besseren Einstiegspunkt, der aber nie kommt. Seit dem kleinen Pullback Ende September fand jede Pause in dieser Rally, gleich ob auf Intraday- oder Closing-Basis, Unterstützung in dem sehr kurzfristigen exponentiell gleitenden Durchschnitt (EMA) für 10 Tage. Sehr häufig geschieht es während mittelfristiger Aufwärtsbewegungen, daß die Pullbacks mindestens auf den 20-Tage-EMA zurückgehen, wenn nicht sogar auf den 50-Tage-EMA.

          Das ist diesmal nicht der Fall und tatsächlich ist der Anstieg in der Bewegung des S&P-500 steiler geworden. Der Anstieg in der Bewegung wurde zunächst Ende September und dann noch einmal gegen Ende Oktober steiler. Mehrere Änderungen der Steigung während einer Aufwärtsentwicklung zeigen uns, daß nun mehr Geld vom Spielfeldrand hereinkommt, wenn die Anleger allmählich in das Rennen einsteigen. Wird die Steigung zu steil, kann dies ein Zeichen dafür sein, daß eine deutliche Pause oder ein Pullback eintreten wird.

          Spielraum in den Put-Call-Ratios

          Da viele das Geschehen beoachten, sind einige Sentiment-Indikatoren recht pessimistisch geblieben, während andere bisher noch nicht mit voller Begeisterung einsteigen. Das zeigt uns, daß die Rally noch weitergehen wird und daß viele einfach nicht glauben, daß die Kurse sich noch weiter nach oben entwickeln können. Die Put-Call-Ratios der Börse in Chicago (CBOE), die im Mai und Juni Rekordhöhen erreichten, sind nach wie vor leicht erhöht und keineswegs auf einem Niveau, wie es normalerweise einer mittelfristigen Abwärtsbewegung vorausgeht.

          Das exponenzielle Put-Call-Verhältnis der CBOE für zehn Tage liegt immer noch bei 0,86, weit über dem Bereich von 0,60 bis 0,70, die in den vergangenen fünf Jahren kennzeichnend für mittelfristige Spitzen waren. Das 30-Tage Put-Call-Verhältnis der CBOE beträgt immer noch 0,90 und liegt damit weit über den Werten zwischen 0,70 und 0,80, die vor Höchstständen des Marktes zu beobachten waren.

          Jüngster Pullback war zu erwarten

          Diese Put-Call-Verhältnisse sind zwar von ihren vor kurzem erreichten Höchständen von 1,09 für 30 Tage und 1,20 für zehn Tage weit entfernt, dürften jedoch nach unserer Auffassung noch weiter zurückgehen. Derweil sich diese pessimistische Stimmung bei Optionen weiter entspannt, schafft dies nach unserer Einschätzung Aufwind für Aktien. Verkaufsoptionen werden verkauft und Kaufoptionen gekauft, was den Aufwärtstrend noch zusätzlich fördert.

          Der S&P 500 erreichte den ursprünglichen Zielwert von 1.389, den wir vor einiger Zeit angegeben hatten. Dieses Ziel wurde aus Fibonacci-Projektionen auf der Grundlage des Umfangs der Korrektur von Mai bis Juli abgeleitet. Wir multiplizierten 0,618 mit dem Umfang der letzten Korrektur (102,07 Punkte), addierten dies dann zur Ausbruchsmarke oder dem Mai-Hoch und kamen so zu einer errechneten Bewegung bis 1.388,84.

          Der Schlußstand am vergangenen Donnerstag betrug 1.389,08. Daher war ein Pullback in dieser Aufwärtsentwicklung nicht überraschend. Der exponenzielle gleitende Mittelwert für 10 Tage steht auf 1.373, während die kurzfristige Trendlinienunterstützung bei 1.375 und 1.370 ins Spiel kommt. Ein Rückgang bis zur niedrigeren Trendlinie würde bei der Projektion für eine Woche den Zielwert 1.350 ergeben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Wahl zur SPD-Landeschefin : Giffey will Bürgermeisterin von Berlin werden

          Franziska Giffey und Raed Seleh werden zu neuen Vorsitzenden der Berliner SPD gewählt. Die Bundesfamilienministerin kündigt an, bei der Bürgermeisterwahl anzutreten. Bei dem Parteitag wird auch klar: Andere Optionen hat die SPD nicht.
          Elektronenmikroskopische Aufnahme des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2), das Covid-19 verursacht

          Coronavirus : Mehr als 21.600 Neuinfektionen in Deutschland

          Das RKI meldet 379 Todesfälle binnen 24 Stunden. Am Freitag wurde die Marke von einer Million Covid-19-Fällen in Deutschland überschritten. Die Zahl der Neuinfektionen liegt unter dem Stand der Vorwoche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.