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Nach dem Brexit : Platzt die britische Immobilienblase?

Im Londoner Finanzviertel Canary Wharf bangt man um die Zukunft der Immobilienbranche. Bild: AFP

Die britische Immobilienbranche hat zu kämpfen. Schon vor dem Referendum waren herbe Konsequenzen aus dem Brexit befürchtet worden. Jetzt zieht ein Fondsmanager sogar schon Vergleiche zur Subprime-Krise in Amerika.

          „Das Finanzsystem funktioniert“, so versichert Großbritanniens Notenbankchef Mark Carney. Doch die Furcht vor dem Austritt der Briten aus der EU lässt die Märkte erbeben. Vor allem am britischen Immobilienmarkt zeigen sich nach dem Brexit-Referendum ernste Krisensymptome, die schnell in der britischen Wirtschaft insgesamt Kreise ziehen könnten. Seit Jahren gibt es Warnungen, dass sich in Großbritannien eine Hauspreisblase aufblähe. Ist der Brexit nun die Nadel, die sie zum Platzen bringt?

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Vor allem Krisensignale vom Immobilienmarkt haben die Befürchtungen angeheizt: Am Mittwochabend wurden auf der Insel drei weitere offene Immobilienfonds vorläufig eingefroren. Damit kommen mittlerweile die Anleger von insgesamt sechs britischen Fonds mit einem Gesamtvolumen von rund 15 Milliarden Pfund (knapp 18 Milliarden Euro) bis auf weiteres nicht mehr an ihr Geld.

          Probleme mit der Subprime-Krise verglichen

          Die Fonds, die in Gewerbeimmobilien investieren und sich an Privatanleger wenden, haben Liquiditätsprobleme - sie können ihre Immobilien nicht so schnell verkaufen, wie die Investoren ihr Geld zurückhaben wollen. Der prominente Fondsmanager Bill Gross von Janus Capital verglich die Probleme mit der Subprime-Krise am amerikanischen Immobilienmarkt im Jahr 2007. Die damaligen Verwerfungen führten zum Zusammenbruch von Lehman Brothers und zur Weltfinanzkrise.

          Schon bevor die Briten vor knapp zwei Wochen für den Brexit stimmten, hatten Analysten prognostiziert, dass die Folgen eines Austritts am britischen Immobilienmarkt besonders stark zu spüren sein könnten. Nun zeichnet sich immer deutlicher ab, dass diese Warnungen berechtigt waren. Das britische Pfund ist seit dem Volksentscheid auf den niedrigsten Wert gegenüber dem Dollar seit 1985 gefallen - ein Zeichen dafür, dass internationale Investoren ihr Geld aus Großbritannien abziehen.

          Ein möglicher Crash am Immobilienmarkt könnte weitreichende gesamtwirtschaftliche Auswirkungen haben: Drei Viertel der britischen Unternehmen nutzen Immobilien als Sicherheit, wenn sie Kredite aufnehmen. Wenn der Wert der Immobilien fällt, gefährdet dies deshalb auch die Kreditversorgung vor allem kleiner und mittelständischer Unternehmen. Neben den Gewerbeimmobilien hält die britische Notenbank auch den sogenannten „buy-to-let-market“ für einen potentiellen Krisenherd: Viele Privatleute haben in den vergangenen Jahren auf Pump Immobilien gekauft, um diese zu vermieten. Sie könnten ebenfalls in Bedrängnis geraten,  wenn die Immobilienpreise fallen.

          Noch ist es zu früh, um beurteilen zu können, welche Konsequenzen der Brexit auf die Immobilienpreise  haben wird. Es fehlen bisher die Daten. Doch, wenn Immobilienfonds vorübergehend geschlossen werden, ist das ein deutliches Warnsignal. Hinzu kommt: Schon vor dem Referendum haben die Investoren den britischen Immobilienmarkt zunehmend kritisch gesehen.

          Der starke Preisanstieg macht Sorgen

          Fast die Hälfte des Geschäfts mit Gewerbeimmobilien entfällt auf der Insel auf ausländische Investoren. Aber im ersten Quartal haben Ausländer nur noch gut halb so viel Geld in britische Büros und Gewerbebauten gesteckt wie im Vorjahreszeitraum. Sie begannen also im Vorfeld des Referendums den Immobilienmarkt zu meiden.

          Der zweite Faktor, der Sorgen macht, ist der starke Preisanstieg in den vergangenen Jahren. Die Luft ist dünn geworden am britischen Immobilienmarkt, denn  vor allem im Großraum London sind die Preise regelrecht nach oben geschossen. Der durchschnittliche Kaufpreis von Wohnungen in der britischen Hauptstadt ist seit Anfang des Jahres 2009 um mehr als 80 Prozent auf umgerechnet mehr als 700.000 Euro gestiegen. In Großbritannien insgesamt legten die Wohnungspreise im selben Zeitraum um gut 40 Prozent zu. Die Preise von Gewerbeimmobilien kletterten landesweit ebenfalls um rund 40 Prozent.

          Doch in der Metropole London könnte der Bedarf an zusätzlichem Büroraum einknicken, wenn die Finanzbranche, die an der Themse rund 700.000 Menschen beschäftigt, wegen des Brexit Stellen nach Frankfurt, Paris oder Dublin verlagert. Bisher waren viele Unternehmen aus der Finanzbranche auf Expansionskurs: Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs etwa baut im Stadtzentrum eine neue Europazentrale. Die französische Großbank Société Générale will im Finanzviertel Canary Wharf einen großen neuen Bürokomplex beziehen.

          Werden die Gebäude zu Investitionsruinen?

          Der Londoner Immobilienmarkt ist in den vergangenen Jahren ein Magnet für internationale Investoren gewesen - der Wald von Baukränen im ganzen Stadtgebiet ist Beleg dafür. Werden die vielen neuen Wohnungen und Bürogebäude nach dem Brexit zu Investitionsruinen? Seit dem Referendum zählen jedenfalls an der Londoner Börse die Aktienkurse von Unternehmen aus der Baubranche zu den größten Verlierern. Die Notierungen von Immobilienwerten wie Barratt und Bellway sind um gut 40 Prozent gefallen. Auch börsennotierte Immobilienfonds (REITS) haben in den vergangenen zwei Wochen schwere Kursverluste erlitten.

          Name Kurs %
          BARRATT DEV. PLC LS-,10 -- --
          BERKELEY GRP HLDGS ORD -- --
          BELLWAY PLC LS -,125 -- --
          TAYLOR WIMPEY PLC LS -,01 -- --

          Wenn es zu einem Preissturz am Immobilienmarkt kommt, könnte das die britischen Banken hart treffen. Den Instituten drohten womöglich hohe Abschreibungen auf Hypothekenkredite. Schon während der Weltfinanzkrise vor acht Jahren waren Verluste in der Immobilienfinanzierung ein Hauptgrund für die Krise des britischen Bankensektors. „Die Großbanken sind am Markt für gewerbliche Immobilien stark engagiert“, bilanzierte diese Woche die britische Notenbank in ihrem halbjährlichen Bericht zur Stabilität des Finanzsystems.

          Die Zentralbanker hatten zwar auch eine gute Nachricht parat: Seit der Weltfinanzkrise habe sich das Kreditvolumen der britischen Geldhäuser in diesem Geschäft immerhin halbiert. Doch am Aktienmarkt beruhigen solche Zahlen derzeit die wenigsten Investoren: Die Banken gehören seit dem Brexit-Votum vor zwei Wochen zu den größten Verlierern auf dem Londoner Kurszettel.

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