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Branche unter Druck : Anleger verlieren die Geduld mit Hedgefonds

  • -Aktualisiert am

„Gigantische Abzocke“: Bill Gross kritisiert Hedgefonds-Manager Bild: Reuters

Im Juli haben Investoren auf der ganzen Welt 25,2 Milliarden Dollar aus Hedgefonds abgezogen. Fachleute fürchten nun einen schmerzhaften Ausleseprozess in der Branche.

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          Die Hedgefondsbranche gerät wegen schwacher Leistungen und hoher Gebühren zunehmend unter Druck. Im Juli haben Investoren weltweit 25,2 Milliarden Dollar aus Hedgefonds abgezogen. Nach Angaben des Informationsdienstes Evestments sind das die höchsten Abflüsse in der Branche seit Februar 2009. Zur Erinnerung: Der Februar 2009 war der letzte Monat der von der schweren Finanzkrise im Jahr 2008 ausgelösten Baisse. Anleger waren damals im Gegensatz zu heute hoch verunsichert. Zwar drehte sich das Blatt schon im März 2009 wieder, es war der Beginn einer bis heute anhaltenden Hausse. Aber das war am Tiefpunkt der Krise keineswegs abzusehen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Abflüsse aus Hedgefonds im vergangenen Monat scheinen zudem einen allgemeinen Negativtrend in der Branche zu bestätigen. Insgesamt haben Anleger in diesem Jahr auf Nettobasis schon knapp 56 Milliarden Dollar abgezogen. Nach Einschätzung von Peter Laurelli, dem Leiter der Analyseabteilung bei Evestments, könnte 2016 das erst dritte Jahr in der Geschichte der Hedgefonds werden, in dem Anleger mehr Geld abziehen als neu anlegen.

          „Geldabflüsse in der Branche sind weiter eine Folge von mittelmäßigen Leistungen“, schreibt Laurelli. Fonds die im vergangenen Jahr Verluste gemacht haben, seien „bei weitem die größten Quellen für Abflüsse in diesem Jahr“. Die zehn Fonds, die im Juli die höchsten Abflüsse meldeten, liegen in diesem Jahr um rund 4 Prozent im Minus. Dagegen haben die zehn Fonds, denen Investoren in den vergangenen zwei Monaten am meisten neues Geld anvertraut haben, in diesem Jahr um durchschnittlich 7 Prozent zugelegt. Diese Fonds hatten auch im vergangenen Jahr allgemein positiv abgeschnitten.

          Sehr unterschiedliche Anlagestrategien

          Eine allgemeine Bewertung der Leistungen in der Branche ist schwierig, weil die Fonds sehr unterschiedliche Anlagestrategien verfolgen. Manche wetten auf große makroökonomische Trends, andere auf Übernahmen und Fusionen von Unternehmen, wieder andere auf Rohstoffe. Aber alle nehmen für sich in Anspruch, besser abzuschneiden als die Marktbarometer, an denen sie sich messen - was wiederum die hohen Gebühren rechtfertigen soll. Branchenweit haben Hedgefonds nach Angaben von Bloomberg in diesem Jahr einen Gewinn von 1,2 Prozent erzielt. Der breitgefasste Aktienindex S&P 500 liegt um rund 6 Prozent im Plus.

          Die Abflüsse bedeuten nicht das Ende für die Branche. Insgesamt haben Investoren, vor allem Profianleger wie Pensionskassen oder Versicherer und vermögende Privatleute, Hedgefonds 2700 Milliarden Dollar anvertraut. Aber die schwachen Leistungen könnte die anhaltende Kritik am Gebührenmodell der Branche verstärken. Hedgefonds kassieren in der Regel 2 Prozent Verwaltungsgebühr auf die angelegte Summe und dazu 20 Prozent vom erzielten Gewinn. Der Starinvestor Warren Buffett, drittreichster Mann der Welt und eine Art Gewissen der Wall Street, hat diese Praxis als „unglaubliches Vergütungsmodell“ kritisiert. Der bekannte Rentenfondsmanager Bill Gross vom Vermögensverwalter Janus Capital spricht von einer „gigantischen Abzocke“.

          Die 25 bestbezahlten Hedgefondsmanager der Welt haben im vergangenen Jahr 13 Milliarden Dollar verdient. Fachleute rechnen mit einem anhaltenden Ausleseprozess. Nach Angaben des Branchendienstes Hedge Fund Research haben im vergangenen Jahr fast 1000 Fonds aufgeben. Insgesamt gibt es weltweit mehr als 8000 Hedgefonds. Tony James, Präsident der großen Beteiligungsgesellschaft Blackstone, glaubt, dass Hedgefonds in diesem Jahr bis zu einem Viertel ihrer Anlagen verlieren könnten. „Wir stehen vor einem Tag der Abrechnung“, sagte James in einem Fernsehinterview. Die Branche werde schrumpfen, und das werde schmerzhaft.

          Eine der traditionsreichsten Hedgefondsgesellschaften, die von Paul Tudor Jones gegründete Tudor Investment Corp., hat kürzlich 15 Prozent ihrer Belegschaft entlassen, nachdem Anleger 2 Milliarden Dollar abgezogen hatten. Tudor hat Kunden auch mitgeteilt, die Gebühren in einer Anteilsklasse auf 2,25 Prozent für die Verwaltung des Vermögens und auf 25 Prozent für die Gewinnbeteiligung zu senken. Tudor liegt damit immer noch über dem Branchendurchschnitt.

          Kleinanleger können indierkt an der Wertentwicklung teilnehmen

          Kleinanleger können in der Regel nicht direkt in Hedgefonds investieren, weil die Schwelle der Mindestanlage zu hoch ist. Es gibt aber die Möglichkeit über Dachfonds, also Fonds, die ihre Gelder über verschiedene Hedgefonds streuen, an deren Wertentwicklung teilzunehmen. Viele Anleger kopieren zudem die Anlagen von bekannten Hedgefonds, die ihre großen Investitionen nach einer gewissen Zeit öffentlich machen müssen. Es gibt sogar Indizes, die den Lieblingsaktien von Hedgefonds folgen. Am Tag der Mitteilungen gibt es häufig eine deutliche Börsenreaktion. Viele Privatanleger springen dann auf den Zug auf - was sich längerfristig in der Regel allerdings nicht oder kaum lohnt, wie aus einigen Studien hervorgeht.

          Nach einer Analyse des Informationsdienstes S&P Global Market Intelligence haben Anleger, die Aktien kauften, wo Hedgefonds am stärksten zugekauft hatten, und Aktien verkauften, bei denen Hedgefonds ihre Positionen am stärksten reduzierten, zwar überdurchschnittliche Renditen erzielt. Auf Sicht von einem Monat lagen sie im Durchschnitt aber nur um 0,22 Prozent besser als der vergleichbare Marktindex. Die Kosten für den Kauf und Verkauf der Wertpapiere würden diese Gewinne wieder aufzehren. Zudem gibt es keine Garantie, dass Hedgefondsmanager wirklich die besseren Ideen haben.

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