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Börsensucht : Zehntausende zocken wie Hoeneß

Ohne Börsenpager: Hoeneß am Donnerstag am Flughafen München Bild: dpa

In Deutschland ist das exzessive Handeln an der Börse weit verbreitet. Unter dem Strich machen die meisten Verluste - nur etwa 1 Prozent der Anleger erzielt eine Marktüberrendite, sagen Studien.

          In Deutschland handeln zehntausende Anleger exzessiv an der Börse. Genaue Zahlen gibt es nicht, nach jüngsten Angaben existieren jedoch rund 67.000 CFD-Konten. CFD steht für Contracts for Difference. Diese Differenzkontrakte sind eigens dafür geschaffen, mit hohen Hebeln den Geldeinsatz binnen kurzer Zeit zu vervielfachen. Ebenso schnell kann der Einsatz jedoch verloren gehen. Je nach Kontengestaltung muss der Anleger dann sogar Kapital nachschießen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ob Uli Hoeneß auf seinem Schweizer Konto mit CFDs gezockt hat, ist unklar. Im Gespräch mit der Wochenzeitung „Zeit“ sprach der Präsident des FC Bayern München jedoch davon, seit etlichen Jahren an der Börse aktiv zu sein und davon in den Jahren 2002 bis 2006 an der Börse „richtig gezockt“ zu haben - teilweise auf Basis eines Kredits in Millionenhöhe durch seinen Freund und Adidas-Vorstandsvorsitzenden Robert Louis-Dreyfus.

          Er habe selbst bei Fußballspielen seinen Börsenpager mit aktuellen Kursen dabeigehabt. „Ich habe Tag und Nacht mit der Bank telefoniert, die haben ja alle so Nightdesks, wegen der Zeitverschiebungen“, sagt Hoeneß. „Die Sicherheiten der Bank müssen ja 24 Stunden gelten, wenn es aber in Asien nachts extreme Bewegungen gibt, wirst du trotzdem rausgeschossen. Die Bank sagt dir, du musst einen sogenannten Stopp einbauen, das heißt, wenn die Sicherheit unterschritten wird, fliegst du automatisch raus.“

          Der Reiz der CFDs liegt in hohen Hebeln

          In einer klassischen Aktienanlage kommt so etwas nicht vor. Bei CFDs hingegen müssen Anleger Sicherheiten hinterlegen und bei extremen Kursbewegungen eventuell Geld nachschießen. An anderer Stelle spricht Hoeneß davon, dass Devisengeschäfte für ihn im Gegensatz zu Nahrungsmittelspekulationen moralisch nicht verwerflich seien. CFDs haben ihren Ursprung im Devisenhandel. Der besondere Reiz der CFDs liegt für viele Anleger in hohen Hebeln. Sie können Kursbewegungen um den Faktor 500 erhöhen. Steigt der Kurs nur um 1 Prozent, gewinnt das Wertpapier 500 Prozent.

          Aus 1.000 Euro können so schnell 6.000 Euro werden. Bewegt sich der Kurs jedoch plötzlich um 1 Prozent in die für den Anleger falsche Richtung, entstünde ein Verlust von 5.000 Euro. Nicht nur die eingesetzten 1.000 Euro wären verloren, es entstünde womöglich auch eine Nachschusspflicht von 4.000 Euro. Die Anleger, die mit hochspekulativen Papieren handeln, gelten für die Banken als attraktive Kundschaft. In Deutschland drängten in den vergangenen Jahren daher nicht nur zahlreiche CFD-Anbieter auf den Markt. Auch im Handel mit hochspekulativen Zertifikaten werben etliche Banken um die begehrte Klientel.

          Er habe dem Kick nachgejagt, das gehe an der Börse gut

          Im März waren nach Angaben des Deutschen Derivate Verbandes (DDV) mehr als 300.000 Optionsscheine und mehr als 200.000 Knock-Out-Zertifikate im Handel. In ihnen ist zwar nur rund eine Milliarde Euro angelegt, das Handelsvolumen in diesen Papieren ist jedoch um ein Vielfaches höher, da die Anleger diese Papiere rege handeln. Diese als Daytrader bezeichnete Anlegergruppe ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Die Anlegermesse World of Trading, die immer im Herbst in Frankfurt stattfindet, verzeichnet Jahr für Jahr neue Besucherrekorde.

          Hier hatte auch die Schweizer Bank Vontobel einen Stand, bei der Hoeneß sein Schweizer Konto unterhielt. Er habe dem Kick nachgejagt, vielleicht die Sehnsucht gehabt, die Wirklichkeit zu vergessen und auszubrechen. Das gehe an der Börse gut. Hoeneß hält sich inzwischen für kuriert. Sein Sohn Florian ergänzt in dem Gespräch, die Familie sehe das etwas anders.

          Über die Zahl der Börsensüchtigen gibt es nur vage Schätzungen, die von etwa 30.000 Menschen ausgehen. Die Dunkelziffer gilt jedoch als hoch, da insbesondere in erfolgreichen Handelszeiten kaum ein Anleger eine therapeutische Beratung aufsucht. Die Bundesbank hat das Thema der exzessiven Handelsaktivität in ihrem Monatsbericht von Januar 2011 thematisiert. Demnach seien diese Anleger fest davon überzeugt, an der Börse bessere Ergebnisse erzielen zu können als der durchschnittliche Anleger. Selbstüberschätzung führe jedoch dazu, Risiken zu unterschätzen.

          Unter dem Strich schneiden die aktiven Handelsteilnehmer daher meist sogar deutlich schlechter ab als der Marktdurchschnitt - wie Hoeneß offenbar auch. „Der überwiegende Teil der aktiven Anleger erleidet beim Trading Verluste“, sagt Alexander Surminski, Geschäftsführer von Ayondo, einer Plattform, auf der erfolgreiche Anleger imitiert werden können. „Nur wenige Trader, die eine jahrelange Erfahrung vorweisen können, erzielen eine Marktüberrendite.“ Studien sprächen von nur 1 Prozent der exzessiv handelnden Anleger. „Nach unseren eigenen Erfahrungswerten machen 85 Prozent der Trader auf Dauer Verluste.“

          Die überragende Mehrheit der an der Börse aktiven Deutschen wählt indes eine weitaus konservativere Herangehensweise. Von den 4,2 Millionen Aktienbesitzern gelten mehr als 4 Millionen als langfristig orientiert und damit auf die Dauer erfolgreich. In den vergangenen zehn Jahren hat ein breit gestreutes Depot mit deutschen Aktien im Durchschnitt eine jährliche Rendite von 10 Prozent erbracht, in zwanzig Jahren von gut 8 Prozent und in dreißig Jahren von knapp 10 Prozent. Ob ein in Deutschland wohnender Anleger seine Börsengeschäfte in Deutschland tätigt oder wie Hoeneß in der Schweiz, ist aus steuerlicher Sicht irrelevant. Spekulationsgewinne müssen nach deutschem Recht versteuert werden.

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