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Börsenpsychologie : Crash-Kurs: Verstehen Sie Panik?

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Was treibt die Anleger um? Marktpsychologen spekulieren. Krisen sind Zeiten der Unsicherheit. Es kann noch Monate dauern, bis wir wissen, was die Märkte bis ins Mark erschüttert: irrationale Ängste oder wahre ökonomische Probleme.

          3 Min.

          Wie würden Sie die aktuelle Börsen-Schwäche nennen? Ich taufe sie: „Die Panik von 2008“.

          Im vergangenen Jahrhundert musste die Welt zweifellos viele Finanzkrisen, Rezessionen und Börsencrashs über sich ergehen lassen - doch den Namen 'Panik' hatte sich bisher nur die 'Panik von 1907' redlich verdient.

          Wenn es seitdem jemals wieder eine Zeit gegeben hat, die danach schrie, das längst verstaubt geglaubte Label 'Panik' aus dem alten Börsengiftschrank wieder angeheftet zu bekommen… dann diese. Und das wohl zu Recht, denn schließlich ist das jüngste Börsen-Siechtum ohne Präzedenzfall.

          Der S&P 500, der einflussreiche Aktienindex der Vereinigten Staaten, verlor in nur sechs Börsensitzungen - vom 2. bis zum 9. Oktober - unglaubliche 22 Prozent an Wert. Und noch nie zuvor, so Brian Gendreau von ING Investment Management, hat der im späten 19. Jahrhundert geschaffene Dow-Jones-Index an sechs Tagen in Folge ein Prozent verloren -oder mehr.

          Normal… war mal.

          Normalerweise legen sogar Aktienmärkte auf dem Weg nach unten dann und wann eine Verschnaufpause ein, wenn die Aasgeier auf schwachen Aktien wieder mal zum Picknick rufen.

          Das war (nor)mal. Normal - das ist die Marktpsychologie jedoch schon lange nicht mehr. Kaum hat die Börse sich grade wieder mal mit Müh und Not erholt - wie am Morgen des 9. Oktober - da „kommen tausende Verkäufer von überall gelaufen“, sagt Dave Rovelli, Aktienhandelschef bei Canaccord Adams. „Die Leute wollen nur noch raus.“

          Panik am Markt ist - wie auch im 'realen' Leben - unserem Überlebenstrieb geschuldet, der uns in Krisen dazu treibt, zu kämpfen… oder wegzurennen. „Und das führt dann zu Überreaktionen“, sagt Avanidhar Subrahmanyam, Experte und Professor für Marktpsychologie an der UCLA Anderson School of Management.

          Jetzt aber rennen nicht allein die Anleger, sondern sogar die Finanzinstitutionen. „Die Panik hat nicht nur die Anleger - nein, sie hat die ganze Industrie erfasst“, klagt John Merrill, leitender Aktienstratege bei Tanglewood Wealth Management.

          Und das hat weitreichende Folgen - denn wenn schon die Finanzunternehmen so mutlos sind, dass sie Geschäfte miteinander nicht mehr in Betracht ziehen, dann kracht es im Getriebe der Kreditmärkte.

          Irrationale Ängste?

          Die Panik ist ein „Zustand, in dem Menschen Dinge tun, die der Vernunft widersprechen“, sagt Paolo Pasquariello, Professor an der Ross School of Business der University of Michigan.

          So gesehen: Haben wir dann derzeit eine Panik? „Man kann nicht einfach sagen, dass die Leute jetzt verkaufen, weil sie Panik schieben“, sagt Pasquariello. Verkaufen ist ja auch nicht 'per se' unvernünftig, gibt er zu bedenken. Denn schließlich spricht ja einiges dafür, auch bei Investments einmal 'sicher' statt 'riskant' zu wählen und im Schritttempo zu fahren, anstatt wie sonst das Gaspedal bis unten durchzutreten, wenn der Finanzmotor gefährlich stottert und die Wirtschaft in den Augen vieler Ökonomen ihre Zugkraft mehr und mehr verliert.

          Dagegen ist Subrahmanyam schon eher davon überzeugt, dass sich die Marktteilnehmer nicht besonders rational verhalten. Es ist doch nun wirklich nicht so, als ob wir einen Atomkrieg hätten und uns alle „echten“, greifbaren Reserven ausgegangen wären, sagt er. Das Problem liegt im Finanzsektor, nicht im „realen“ Teil der Wirtschaft. „Das 'reale', das 'finanzlose' Fundament der Wirtschaft ist noch immer recht tragfähig“, so Subrahmanyam - solider jedenfalls als beispielsweise in der 'Great Depression'.

          Die Schnäppchen gibt's im Keller.

          „So eine Finanzmarktpanik dauert ja nicht ewig“, sagt ING's Gendreau. Die Investoren werden irgendwann erkennen, wie traumhaft billig viele Assets momentan zu haben sind. „Entweder schlittern wir in eine 'Great Depression', oder die Assets werden bald zu einem äußerst attraktiven Preis gehandelt“, sagt er.

          Nach Ansicht vieler Marktteilnehmer wird der Verkaufsrausch an der Börse noch verstärkt durch Hedge-Fonds und durch Institutionen, die verkaufen müssen, um ihre Liquidität zu sichern. Oftmals werden diese Assets - von den Aktien starker Unternehmen bis zu Kommunalobligationen - weit unter Wert verkauft. „Aber jeder wartet, bis die Zwangsverkäufe durch sind“, ehe er wieder auf den Markt geht, sagt John Merrill.

          Also wann hat diese Abwärtsspirale mal ein Ende? „Die Dinge brechen schnell zusammen“, so Subrahmanyam, „und sie stehen langsam wieder auf“… Das muss an unserem Kampf- und Fluchtverhalten liegen.

          Bitte nach Ihnen!

          „Der Markt wird irgendwann an seinem Tiefpunkt angekommen sein, sagt Reena Aggarwal, Finanzprofessorin an der Georgetown University. Doch „keiner will der Erste sein, der sich bewegt. Die Marktteilnehmer haben eine Herdenmentalität.“

          Die Regierungen, so fürchtet Pasquariello, schieben alles auf die Panik und die Unvernunft - „von Leuten, die ganz einfach durchdrehen“. Das gibt ihnen das Recht einzuschreiten, um das Vertrauen künstlich wiederherzustellen… mit Maßnahmen, die sie in dieser Hinsicht für geeignet halten, wie etwa das jüngste Leerverkaufsverbot von Finanzaktien, das Pasquariello nicht befürwortet. Die wahren Ursachen der Krise „können nur langfristig überwunden werden“, mahnt der Universitätsprofessor.

          Krisen sind Zeiten der Unsicherheit; das macht sie aus. Es kann also noch Monate dauern, bis wir wissen, was die Märkte bis ins Mark erschüttert: irrationale Ängste oder wahre ökonomische Probleme. Und das macht panisch. Das ist gruselig.

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